Interview mit Volkswirt Eickhof "CargoLifter hofft auf die Nachgiebigkeit des Staates"

Die Brandenburger Regierung will keine neuen Millionen in ihr einstiges Lieblingsprojekt CargoLifter stecken. Eine späte Einsicht, denn das Land hat sich mit Subventionen bereits massiv verspekuliert, kritisiert der Potsdamer Volkswirt Norbert Eickhof im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.


Norbert Eickhof, Jahrgang 1943, lehrt seit 1994 an der Uni Potsdam Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftspolitik. Er ist Mitglied im Arbeitskreis Kartellrecht des Bundeskartellamtes

Norbert Eickhof, Jahrgang 1943, lehrt seit 1994 an der Uni Potsdam Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftspolitik. Er ist Mitglied im Arbeitskreis Kartellrecht des Bundeskartellamtes

SPIEGEL ONLINE:

Herr Professor Eickhof, Sie gelten als Kritiker der Wirtschaftsförderung in Brandenburg, vor allem auch in Sachen CargoLifter. Jetzt müssten Sie der Landesregierung doch applaudieren.

Norbert Eickhof: Das wäre ein bisschen übertrieben. Aber ich bin in der Tat froh darüber, dass das Land einen eventuellen Fehler vermieden hat, indem es den gewünschten Überbrückungskredit für CargoLifter verweigert hat. Ich habe seit Monaten vor Projekten wie CargoLifter gewarnt und bin nun froh, dass Brandenburg sich auf dieses Risiko nicht einlässt.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, dass die Landesregierung weitere "Subventionssünden" begeht? Bund, Land und CargoLifter-Vorstand beteuern, sie würden weiter über eine Rettung verhandeln.

CargoLifter-Werfthalle in Brand: "Für ein Foto sind die Luftschiffe wunderschön, aber die Nachfrage fehlt"
DPA

CargoLifter-Werfthalle in Brand: "Für ein Foto sind die Luftschiffe wunderschön, aber die Nachfrage fehlt"

Eickhof: Wenn ich lese, dass die Firma wahrscheinlich in der nächsten Woche zahlungsunfähig wird, ist die Sache ausgestanden. Die Lage ist extrem desolat, auch der Bund hat gesagt: Wir sehen kein tragfähiges Finanzierungskonzept, und selbst die technische Realisierbarkeit ist noch nicht definitiv gewährleistet.

SPIEGEL ONLINE: Brandenburg hat aber bereits knapp 40 Millionen Euro Zuschüsse für die CargoLifter-Halle bezahlt und 8,5 Millionen für das Besucher- und Rechenzentrum. Das Geld ist wohl unwiederbringlich verloren, wenn CargoLifter Insolvenz anmeldet.

Eickhof: Genau. Und wenn ich Ihnen erzählen würde, mit wie wenig Geld eine ganze Universität wie die hier in Potsdam auskommen muss, sehen Sie das Missverhältnis. Wir hier mit 15.000 Studenten müssen mit rund 80 Millionen Euro im Jahr auskommen.

CargoLifter-Mitarbeiter mit Halteseil des AirCrane-Ballons: Die Politik ist wegen des "Arbeitsplatzeffektes" erpressbar
DPA

CargoLifter-Mitarbeiter mit Halteseil des AirCrane-Ballons: Die Politik ist wegen des "Arbeitsplatzeffektes" erpressbar

SPIEGEL ONLINE: Andererseits haben private Investoren dreistellige Millionenbeträge in die Vision CargoLifter gesteckt, die britische Investmentgesellschaft Henderson engagierte sich als Großaktionär. Warum sollte die Politik bei CargoLifter pessimistischer sein als die Aktionäre?

Eickhof: Die Grundlage meiner Kritik ist ja, dass sich die Wirtschaftspolitik in erster Linie darauf konzentrieren sollte, einen Ordnungsrahmen zu setzen. Ansonsten sollte sich der Staat bei direkten Interventionen sehr zurückhalten. Bei der Forschungs- und Technologiepolitik etwa ist die Erfolgsquote staatlicher Eingriffe minimal und wesentlich geringer als die der Privaten. Die Quote ist zwar größer als Null, aber doch erschreckend gering. Das ist auch gar nicht überraschend, denn ein Beamter kennt eine potenzielle Nachfrage in der Regel nicht besser als ein Unternehmer.

Wesentlich wichtiger ist eine Förderung der Infrastruktur, der Existenzgründungen sowie von kleinen Unternehmen und Projekten, die nicht spektakulär sind, die aber die Entwicklung eines Landes wie Brandenburg viel weiter voranbringen. Wir haben immerhin riesige Strukturprobleme, die Arbeitslosigkeit liegt doppelt so hoch wie im Westen.

SPIEGEL ONLINE: Im Fall CargoLifter ist ja auch den privaten Aktionären inzwischen die Investitionslaune vergangen. Der Misserfolg der letzten Anleihe-Emission war in eine kräftige Ohrfeige.

  • 1. Teil: "CargoLifter hofft auf die Nachgiebigkeit des Staates"
  • 2. Teil


© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.