Untergangsprophet Roubini "Die EZB hat alle überrascht"

Mit frühen Warnungen vor der Finanzkrise wurde Nouriel Roubini berühmt. Doch vor einem Jahr machte "Doktor Unheil" einen Fehler: Er prophezeite den schnellen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Im Interview erklärt er, warum er sich irrte - und wie Pessimismus die Welt verbessern kann.
Nouriel Roubini: "Krisenländer sollten mehr Zeit bekommen"

Nouriel Roubini: "Krisenländer sollten mehr Zeit bekommen"

Foto: KEITH BEDFORD/ REUTERS

Nouriel Roubini sieht sehr müde aus. Auf dem Weltwirtschaftsforum eilt der US-Ökonom von Termin zu Termin und ist auf vielen Partys zu sehen. Die Kontaktpflege ist wichtig für Roubini: Sein Wissen macht er mit einer Beratungsfirma zu Geld, wegen der korrekten Vorhersage der Finanzkrise vertrauen Roubini viele Investoren. Doch seine letzte Prognose zur Euro-Zone lag daneben.

SPIEGEL ONLINE: Professor Roubini, Sie sind mit ausgesprochen pessimistischen Prognosen bekannt geworden. Das Weltwirtschaftsforum zeichnet sich dagegen durch notorischen Zukunftsoptimismus aus, immerhin ist der Anspruch, "den Zustand der Welt zu verbessern". Fühlen Sie sich hier manchmal fehl am Platz?

Roubini: Überhaupt nicht. Ich komme seit vielen Jahren nach Davos, ich habe hier schon 2006 vor der bevorstehenden Krise gewarnt. Um die Welt zu verbessern, muss man ihre Probleme erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Letztes Jahr aber haben Sie hier in Davos den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone in den kommenden zwölf Monaten vorhergesagt und lagen damit falsch. Wie konnte das passieren?

Roubini: Im vergangenen Jahr hat die Europäische Zentralbank mit ihrem Aufkaufprogramm für Staatsanleihen einen ziemlich radikalen Wandel vollzogen. Ich denke, das hat alle überrascht. Auch die Verabschiedung des Euro-Rettungsfonds ESM hilft europäischen Staaten und Banken. Die Europäer denken über eine stärkere Integration mit Banken- und Fiskalunion nach. Und schließlich hat sich die Einstellung der Deutschen gewandelt: Sie sehen mittlerweile ein, dass ein geordneter Euro-Austritt Griechenlands nicht möglich ist, solange Italien und Spanien in Gefahr sind. Und dass Griechenlands Krise auf Länder wie Zypern übergreifen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich eigentlich Kunden ihrer Beratungsfirma beschwert, weil sie aufgrund Ihrer Prognose auf einen Austritt gewettet haben?

Roubini: Nein. Ich liefere sehr detaillierte Analysen, die aber oft auf Schlagzeilen reduziert werden. So habe ich als einer der Ersten die genauen Folgen des Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) oder einer möglichen Bankenunion vorhergesagt. Es gibt nicht viele Leute, die wie ich für zwei Wochen in die Euro-Zone reisen, Gespräche in Madrid, Rom, Berlin, Paris, Brüssel, Frankfurt und Athen führen und dann ihre Schlüsse daraus ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Noch immer stecken weite Teile Südeuropas in der Rezession. Bleibt das so?

Roubini: Im Gegensatz zu EU-Politikern glaube ich nicht, dass sich die Lage in den Krisenländern Mitte des Jahres bessert, sondern dass ihre Wirtschaft das ganze Jahr über weiter schrumpfen wird.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich dagegen tun?

Roubini: Den Krisenländern sollte man mehr Zeit geben, um ihre Haushalte zu sanieren - sonst sehen die Bürger dort kein Licht am Ende des Tunnels und der Sparkurs scheitert. Länder wie Deutschland sollten die Nachfrage stimulieren, indem sie die Steuern senken. Und die EZB könnte ihre Geldpolitik noch deutlich lockern.

SPIEGEL ONLINE: Steuern wir damit nicht auf die nächste Krise zu? In Deutschland führen die niedrigen Zinsen schon zu ersten Anzeichen einer Immobilienblase.

Roubini: Es stimmt, dass die Zinsen in Deutschland zu niedrig sind. Aber in den Krisenländern sind sie zu hoch. Die EZB könnte deshalb Anleihen aus Südeuropa kaufen und damit dort die Zinsen drücken und Anleihen von Ländern wie Deutschland verkaufen, um ihre Zinsen hochzutreiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen nicht nur Europa skeptisch, sondern auch ihre Heimat, wo Republikaner und Demokraten im Haushaltsstreit tief zerstritten sind. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat hier in Davos gerade eine Revolte vorhergesagt, falls die amerikanische Politik nicht aus der Dauerblockade kommt. Erwarten Sie die auch?

Roubini: Irgendwann schon, aber nicht in naher Zukunft. Die EZB macht mögliche Anleihekäufe immerhin von Sparprogrammen abhängig. Die US-Zentralbank dagegen kauft US-Staatsanleihen ohne Bedingungen. Deshalb bleiben deren Zinsen zu niedrig, die Regierung kann sich leicht finanzieren und Investoren können nicht auf Reformen dringen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten die aussehen?

Roubini: Genau wie in Europa bin ich dafür, nicht zu viel zu schnell sparen. Die USA sollten kurzfristig die Konjunktur stützen, aber einen langfristigen Plan zum Schuldenabbau vorlegen. Doch wegen des politischen Patts in Washington gelingt weder das eine noch das andere.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das in der zweiten Amtszeit von Obama ändern?

Roubini: An die große Lösung glaube ich nicht, dafür wird das Problem schon zu lange aufgeschoben. Das Einzige, was das ändern könnte, wäre Druck von den Anleihemärkten - wie in Europa.

Das Interview führte David Böcking

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