Interview Seit wann brauchen Banker Muskeln?

Die Euro-Einführung stellt für Banker eine ungekannte Herausforderung dar. Ein Gespräch über Hanteltraining, Überfälle und Schubkarren voller Münzen.


Euro-Münzen: Jeder trägt, so viel er kann
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Euro-Münzen: Jeder trägt, so viel er kann

Johannes Hadermann ist Vertriebsleiter bei der Volksbank Ostholstein in Neustadt. Er hatte die Idee, Gutscheine für einen Monat Fitness-Studio an die 200 Mitarbeiter der Bank zu verteilen. Die Aktion steht unter dem Motto "Fit für den Euro".

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren Kollegen einen Monat im Fitness-Studio verordnet. Seit wann brauchen Banker Muskeln?

Hadermann: Wir müssen uns schließlich auf die Euro-Einführung vorbereiten. Die Gewichte der Münzen sind sehr hoch. Wir rechnen mit 20 Tonnen Euro in unseren 15 Filialen im nördlichen Schleswig-Holstein. Die Tresore sind praktischerweise im Keller. Aber das ist wie beim Umzug: Am Ende des Tages wissen Sie, was Sie geschafft haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie müssen die Münzen selbst schleppen?

Hadermann: Ja. Jeder muss mit anpacken. Wir können nicht irgendwelche neuen Leute für die paar Wochen einstellen. Es ist schließlich keine x-beliebige Ware. Das ist eine Vertrauensfrage.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht der Umzug vonstatten?

Hadermann: Die Euro-Münzen werden in Holzcontainern an die Haustür geliefert. Jeder Container wiegt zwischen 595 und 760 Kilo. Die können wir natürlich nicht durch die Schalterhalle schieben. Der Estrich ist nur für 500 Kilo ausgelegt. Wir packen das Geld im Geldtransporter in Spezialtaschen und tragen es durch die Halle in den Keller. Jeder, so viel er kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst vor Überfällen?

Hadermann: Nein, der Transport ist gut bewacht. Mehr kann ich dazu aus Sicherheitsgründen leider nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Wann kommen denn die ersten Lastwagen?

Hadermann: Anfang September beginnt das "Front-Loading". Da kriegen wir die ersten Bestände, damit die Mitarbeiter schon mal an den Münzen geschult werden können. Ab Januar müssen die ja erkennen können, was ein echter Euro ist.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch andere Vorbereitungen, oder reicht das Hanteltraining?

Hadermann: Das Fitness-Angebot war mehr zur Motivation gedacht. Die Mitarbeiter sind begeistert, sie fragen schon, wo sie sich eintragen können. Aber ganz wichtig ist uns die Kunden-Information: Ab 1. April werden wir in jeder Beratung über den Euro sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Zwangsberatung zum Euro?

Hadermann: Ja, das kann man so sagen. Wir werden auch viele Euro-Vorträge halten. Vor allem die Senioren müssen wir beruhigen. Die denken immer sofort an Währungsreform. Die andere große Aktion ist der DM-Rückfluss. Insgesamt erwarten wir 20 Tonnen. Wir bitten unsere Kunden, frühzeitig ihre Hortungsbestände in die Bank zu bringen. Es wäre unglücklich, wenn jemand im Januar eine Schubkarre voller Mark- und Pfennig-Münzen in die Schalterhalle kippt.

Das Interview führte Carsten Volkery



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