Interview zur Arbeitszeit-Debatte "Die Schweizer sind sehr diszipliniert"

Im Nachbarland Schweiz wird deutlich länger gearbeitet, die Arbeitslosigkeit liegt unter vier Prozent. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Petra Huth, Arbeitsmarktexpertin bei Credit Suisse, warum das Modell der Alpenrepublik erfolgreicher ist als das deutsche.

SPIEGEL ONLINE:

In der Schweiz hat die Bevölkerung in Volksabstimmungen immer wieder die Einführung niedrigerer Arbeitszeiten abgelehnt. Warum dieser freiwillige Verzicht auf Lebensqualität?

Pertra Huth: Die konkreten Forderungen waren einfach zu radikal, als dass sie eine Mehrheit hätten finden können. Aber es ist auch unwahrscheinlich, dass man überhaupt einer gesetzlichen Festlegung von Arbeitszeiten zustimmen würde. Die Schweizer handeln das lieber auf Betriebsebene aus und sie sind dabei sehr diszipliniert.

SPIEGEL ONLINE: Aber man könnte sich bei einem guten Verdienst doch etwas mehr Freizeit gönnen.

Huth: Das würde hier nicht gehen. Die Schweiz hat nämlich das umgekehrte Problem von Deutschland. An der Beschäftigungsquote von 79 Prozent und einer Arbeitslosenquote von 3,7 Prozent zeigt sich, dass wir eher mehr als weniger Arbeitskräfte brauchen. Besonders im Dienstleistungssektor werden teils händeringend neue Mitarbeiter gesucht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich so etwas wie Angst um den Arbeitsplatz in der Schweiz?

Huth: Meinungsumfragen haben ergeben, dass diese Angst hier längst nicht so verbreitet ist wie in Deutschland. Das ist aber auch logisch, denn in der Schweiz kann man sich noch darauf verlassen, dass die Arbeitslosigkeit nur in Zeiten konjunktureller Schwäche in die Höhe geht. In Deutschland aber steigt die Arbeitslosigkeit ständig an.

SPIEGEL ONLINE: In der Schweiz wird knapp eine Woche weniger Urlaub gemacht als bei uns und im Schnitt 41,7 Stunden pro Woche gearbeitet. Wäre das ein Modell für Deutschland?

Huth: Eine Anhebung der Arbeitszeit halte ich für notwendig, denn Deutschland hat einen Standortnachteil: Die Lohnkosten sind im internationalen Vergleich zu hoch. Hinzu kommen die derzeitige Wachstumsschwäche und die demografische Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Die Gewerkschaften sagen allerdings, man kann die hohe Arbeitslosigkeit nur bekämpfen, wenn man die vorhandene Arbeit auf mehr Beschäftigte verteilt, die jeweils kürzer arbeiten.

Huth: Das ist meines Erachtens genauso ein Mythos wie die These, dass Frühpensionierungen Stellen für junge Arbeitskräfte schaffen. Mir ist jedenfalls kein empirischer Nachweis bekannt, dass kürzere Arbeitszeiten zu einem höheren Stellenangebot führen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland fordert beispielsweise ifo-Chef Hans-Werner Sinn, den Einfluss der Gewerkschaften zu beschränken. Wie ist die Situation in der Schweiz?

Huth: Da die Tarifverträge auf Betriebsebene ausgehandelt werden und sich nur zu einem kleinen Teil nach generellen Vorgaben richten, müssen die Gewerkschaften weitaus pragmatischer handeln. In der Schweiz gilt eher die Devise: "Wenn es dem Betrieb gut geht, geht es auch den Arbeitnehmern gut."

SPIEGEL ONLINE: Sollte man also die Macht der Tarifparteien in Deutschland beschränken?

Huth: Von radikalen Änderungen halte ich nichts. Die geringe Regulierung des schweizerischen Arbeitsmarktes ist jedoch meines Erachtens ein absoluter Standortvorteil. In Deutschland haben Sie dagegen eine Verrechtlichung und Vermachtung des Arbeitmarktes. Damit ist auch die aktuelle Situation zu erklären: Die Arbeitgeber verlangen eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, weil sie Lohnsenkungen nicht durchsetzen können.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht pure Erpressung, wenn Siemens-Chef Heinrich von Pierer oder Mercedes-Lenker Jürgen Hubbert mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen drohen, um die Lohnkosten zu drücken?

Huth: Es ist die Frage, ob es Erpressung oder rationales Kalkül ist. Unternehmen können das Problem auf Dauer nicht verdrängen, wenn sie in einem Land mit hoher Abgabenlast und hohen Arbeitskosten konfrontiert sind. In der Schweiz beispielsweise sind ja beispielsweise die Lohnnebenkosten deutlich niedriger als in Deutschland. Und es muss ja auch im Sinn der Gewerkschaften sein, etwas für die Attraktivität des Standorts zu tun, ohne das dringend benötigte Wachstum entstehen keine neuen Arbeitsplätze.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Deutschen bequemer als die Schweizer?

Huth: Ich glaube nicht, dass sich die Kultur der beiden Länder deutlich unterscheidet. Aber es gibt in der Schweiz einen sehr starken Hang dazu, Arbeitsbeziehungen eben nicht staatlich zu regulieren. Der Sozialstaat in Deutschland mit seinen starken Umverteilungsmechanismen und vielen gesetzlichen Regelungen ist schon rein geschichtlich ein völlig anderes System.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie denn Arbeitssuchenden in Deutschland empfehlen, in die Schweiz auszuwandern?

Huth: Generell kann man das sicher nicht sagen. Es gibt allerdings einige spezielle Branchen, wie beispielsweise. bei Lehrkäften, aber auch bei Banken und Versicherungen, wo es bereits stattfindet. Aber auch bei Facharbeitern, Ingenieuren und im Handwerk entstehen immer wieder Engpässe. Eine Lösung für Deutschland ist das natürlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Noch eine persönliche Frage: Haben Sie es bereut, in die Schweiz gegangen zu sein?

Huth: Absolut nicht. Hier wird natürlich etwas länger gearbeitet - mehr Stunden pro Woche und bis zu einem höheren Alter. Aber es gibt auch mehr flexible Modelle wie Teilzeitarbeit oder Sabbaticals. Das ist eine Arbeitskultur, die mir gefällt.

Das Interview führte Carsten Matthäus 

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.