Investitionen Die Russen kommen - ins Billiglohnland Deutschland

Moskau und St. Petersburg werden immer teurer: Russische Investoren gründen deshalb massenweise Firmen in Deutschland. Die Unternehmer fliehen vor den hohen Löhnen in der Heimat – und schaffen hierzulande Tausende Jobs.

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Hamburg – Der Weg zu Igor Jourist führt nach Hamburg-Hamm, einem etwas schmuddeligen Bezirk im Osten der Stadt. Zunächst muss man das Gelände einer Tankstelle durchqueren, dann geht es hinter dem Orient-Pistazien-Import hinauf in den dritten Stock eines unscheinbaren Lagerhauses.

Russische Fahne: Aufmarsch der jungen Garde
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Russische Fahne: Aufmarsch der jungen Garde

Doch von der Adresse sollte man sich nicht beirren lassen. Jourist ist einer der innovativsten russischen Unternehmer in Deutschland. Gleich zwei Firmen hat der 37-Jährige gegründet - die Jourist Verlags GmbH und die Promt GmbH. Bei Textübersetzungsprogrammen ist der Russe der führende Anbieter in Deutschland, seine Produkte belegen in den Tests zahlreicher Fachzeitschriften den ersten Platz. Jedes Jahr kann er seinen Umsatz um gut 50 Prozent steigern. "Wir sind sehr zufrieden", sagt der Unternehmer.

Jourist gehört zu der wachsenden Zahl junger Russen, die ihr Glück in Deutschland versuchen. Massenweise gründen sie Tochtergesellschaften, Dependancen und eigenständige Unternehmen; von der Öffentlichkeit unbemerkt schaffen sie Tausende Arbeitsplätze. "Die Leute, die jetzt kommen, haben ihr Geld ehrlich verdient", sagt Jourist. "Nicht mit Öl oder Gas, sondern mit neuen Produkten."

Dubiose Milliardäre, Oligarchen und Staatskonzerne - das ist das gängige Bild, das der Westen von der russischen Wirtschaft hat. Nichts fürchten die Regierungen Europas mehr als Investitionen dieser unberechenbaren Gesellen. "Wir kommen nicht mit Kalaschnikows, sondern mit Geld", kündigte Präsident Wladimir Putin auf seinem Deutschlandbesuch im vergangenen Jahr an.

Doch während sich alle Augen auf die Multis richten, schaffen die Mittelständler aus Moskau und St. Petersburg Tatsachen. "Jeder sieht, dass Gasprom auf dem Trikot von Schalke wirbt", sagt Daniel Kast vom Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC). "Aber wer sonst noch alles da ist, weiß fast niemand."

Mit Putin hat die junge Garde nichts am Hut, kaum etwas hasst sie mehr als die kremltreuen Großunternehmen. Ohne große Rücksicht auf die Weltpolitik investieren sie dort, wo es sich lohnt – und das ist in vielen Fällen Deutschland. Allein schon durch seine Wirtschaftskraft ist das Land ein interessanter Markt.

"Deutsche Firmen stehen ganz oben auf der Kaufliste russischer Unternehmen", sagt Klaus Mangold, der Präsident des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft. Nach dem rasanten Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre ist genug Geld da, um es zu investieren. "Die Kassen sind voll", sagt PwC-Experte Kast.

Besonders begehrt ist der Mittelstand

Rund 800 Millionen Euro Direktinvestitionen flossen im vergangenen Jahr offiziell von Russland nach Deutschland. Fachleute rechnen jedoch mit weit mehr. Denn die Statistiker der Bundesbank erfassen nur Geldströme ab einer bestimmten Größenordnung. Außerdem sind viele russische Investoren aus Steuergründen in Zypern gemeldet. "Das ist oft die übliche Praxis", erklärt Kast.

Hinzu kommen zwei bis drei Millionen Russen und Russlanddeutsche, die in der Bundesrepublik leben. Genaue Zahlen über ihre unternehmerische Tätigkeit gibt es zwar nicht. Doch selbst wenn nur fünf Prozent von ihnen als Selbständige arbeiten würden, entspräche dies mehr als 100.000 Unternehmern mit russischem Hintergrund.

Noch investieren deutsche Unternehmen mehr in Russland als andersherum. "Aber wir setzen darauf, dass sich der Trend bald umkehrt", sagt Kast. "Schon in drei bis fünf Jahren könnte das Verhältnis ausgeglichen sein."

Interesse zeigen Autohersteller, die ihre Qualität durch die Übernahme westlicher Zulieferer erhöhen möchten, ebenso wie Banken, die Wachstumsmöglichkeiten nur noch im Ausland sehen. Besonders begehrt sind deutsche Mittelständler. "Eine typische Vorgehensweise ist es", erklärt PwC-Experte Kast, "sich bei Geschäftspartnern im Westen einzukaufen."

Politische Stabilität als Pluspunkt

Beispiel Dr. Scheller: Der schwäbische Pflegemittelproduzent war 2004 eine Vertriebskooperation mit dem russischen Kosmetikunternehmen Kalina aus Jekaterinburg eingegangen. Ein Jahr später übernahmen die Russen die Mehrheit an der Firma. Ähnliche Erfahrungen machten die Firma Dessau Fahrzeugtechnik und der ostwestfälische Erntemaschinenbauer Franz Kleine. Beide befinden sich heute in russischem Besitz.

Egal ob Neugründung, Joint Venture oder Übernahme – russische Unternehmen sind in fast jeder deutschen Branche vertreten. Darunter finden sich innovative Softwareunternehmen wie Abbyy (Texterkennung) und Kaspersky (Anti-Viren-Programme) ebenso wie einfache Lebensmittelfirmen. "Auch deutsche Brauereien haben für russische Investoren ihren Reiz", sagt Kast.

Natürlich sind die Gewinne in Deutschland nicht so verlockend wie im Wachstumsmarkt Russland - kann ein Investor dort gut 20 Prozent Jahresrendite erwirtschaften, muss er sich hier oft mit mageren fünf Prozent zufrieden geben. Doch abschrecken lassen sich die russischen Unternehmer davon nicht. "Die politische Stabilität in Deutschland ist enorm viel wert", sagt PwC-Experte Kast.



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