Investmentmesse in Konstanz "Ich habe auch einen Ruhig-Schlaf-Fonds"

Börsencrash? Finanzkrise? War da was? Ausgerechnet am schwarzen Freitag wurde im hochherrschaftlichen Konzil von Konstanz die 5. Investmentnacht zelebriert. Die Anlageberater gaben sich tapfer bis trotzig. Jetzt erst recht, lautete ihre Devise.

Thomas Fischer gibt alles. Er schreitet mit entschlossenem Schritt über die Bühne, das Mikro gegen das Kinn gedrückt, redet und redet. Sucht nach immer neuen Bildern, um zu sagen, dass es jetzt an der Zeit ist – auch wenn das derzeit niemand glauben möge. "Wenn das Kilo Tomaten letzte Woche zehn Euro gekostet hat und diese Woche nur noch fünf Euro kostet, dann würden wir doch erst einmal einkaufen", sagt der Vorstand der Investmentvermittlungs-AG TOPTEN und guckt nach Zustimmung suchend ins Publikum.

Fischer hat eine Menge Powerpoint-Seiten mitgebracht. Bilder, Pfeile, rote Kreise, die nacheinander ins Bild schießen. "Die Abgeltungsteuer naht", lautet sein Vortrag: Ab 2009 werden satte Abgaben auf Gewinne aus Aktiengeschäften fällig. Es mache bei langfristigen Anlagen "sehr wohl Sinn", noch dieses Jahr zuzugreifen, erklärt der Berater mit dem sorgfältig gestutzten Stoppelbart deshalb und klingt ein bisschen trotzig.

Es scheint kein besonders guter Tag, um sich mit dieser Botschaft Gehör zu verschaffen. An den Börsen scheint die Endzeitstimmung ausgebrochen, der Dax ist an diesem Freitag zeitweise um fast zwölf Prozent nach unten gerauscht, die Finanzkrise scheint inzwischen die ganze Wirtschaft auf den Kopf zu stellen. Einige Zuschauer gucken Fischer dementsprechend ratlos an. Eigentlich ist es kein besonders guter Tag für die ganze "5. Konstanzer Investmentnacht". Auf der Veranstaltung im hochherrschaftlichen Konstanzer Konzilgebäude preisen alljährlich rund ein Dutzend Banken und Fondsgesellschaften ihre Anlageprodukte den Konstanzer Bürgern an.

Doch die Nacht in dem mittelalterlichen Saal abblasen? "Auf keinen Fall, im Gegenteil: jetzt erst recht", sagt Erich Lauterbach mit hochgezogenen Augenbrauen. Der Allensbacher Finanzberater hat die Veranstaltung mit seinem Geschäftspartner organisiert. Die Leute müssten ja "wegen dieser Geschichte" beraten werden, sagt Lauterbach in seinem beruhigenden Konstanzerisch. Derzeit klingle dauernd das Telefon in dem Zwei-Mann-Büro.

Her mit den "Ruhig-Schlaf-Fonds"

Auch den übrigen Ausstellern und Gästen scheint es weniger um Kundenwerbung zu gehen als darum zu beruhigen. Die vergangene Woche "hat das Volk extrem aufgewühlt", sagt ein Vermögensberater aus Rothenburg ob der Tauber. "Es ist schwierig mit den Kunden durch diese Zeiten zu fahren." Er macht eine schiebende Bewegung mit den Händen und lächelt tapfer.

Gleich am Anfang der Veranstaltung marschieren die Asset-Manager geschlossen auf die Bühne, um sich vorzustellen. "Ich habe auch einen 'Ruhig-Schlaf-Fonds'", wirbt einer. Der Mitarbeiter von der Meinl Bank wirft eine Kaffee-Packung ins Publikum, bevor er seine Investitionsmöglichkeiten anpreist. Eine Mitarbeiterin der kürzlich ins Wanken geratenen Fortis-Bank versucht es mit Galgenhumor: "Vor zwei Wochen sagte man mir: Mädel, du bist jetzt zu 49 Prozent verstaatlicht worden." Eine Woche später habe es geheißen: "Mädel, Du gehörst jetzt der BNP Paribas." Sie könne nicht sagen, wie es weitergeht. Aber sie könne einen Fonds anbieten mit 100 Prozent Kapitalgarantie.

Nach und nach füllt sich der Saal beachtlich. Die meisten Kunden wollen aber vor allem wissen, wie es weitergeht. Er sei "verunsichert" wegen der Ereignisse der letzten Tage, sagt ein Bankfachwirt. "Ich habe diese Woche auch einiges verkauft." Ein Rentner-Ehepaar will sich für künftige Investitionen beraten lassen: "Wir haben schon einiges verloren die letzten Tage", sagt die Frau, die einen mintgrünen Pulli und große Perlenohrringe trägt. Eigentlich ein Grund, die Finger von Aktien zu lassen. Aber die Pension ihres Mannes reiche eben nur für das normale Leben: "Was, wenn wir mal pflegebedürftig werden?", fragt der ehemalige Beamte.

Erholungspotential von 50 Prozent

Die Antworten, die sie und die anderen Besucher bekommen, sind allerdings so verschieden wie die Art der Anlagen, die an den Ständen feilgeboten werden. Finanzberater und Organisator Lauterbach rät derzeit nur zu "Cash" -Anlagen - in dem Dachfonds, den er mit verwaltet, befindet sich derzeit keine einzige der Aktienanlagen, die auf seiner eigenen Messe ausgestellt sind, gesteht er ein. Erst müssten die Zeiten ruhiger werden. Keine zwei Meter weiter sagt ein drahtiger Österreicher mit strahlendem Blick: "In Osteuropafonds ist ein Erholungspotential von 50 Prozent."

Auch für Anlageberater Fischer ist die Sache klar. Trotz "allem, was da abgeht", sollte man ein paar Punkte beachten, erklärt er bei seinem Vortrag. Die Banken lockten derzeit mit fünf Prozent und mehr Zinsen, und "leiderleiderleider fallen wir alle auf solche Lockangebote rein". Dabei gelte der hohe Zins meist schon nach wenigen Monaten nicht mehr – aber dann sei es zu spät, weil 2009 "haben Sie keine Chance mehr, abgeltungsteuerfrei anzulegen". Der Herr Busch werde dazu später ja hoffentlich noch ein paar klare Worte sprechen, sagt Fischer. Doch den Wunsch erfüllt ihm Herr Busch nicht so recht. Friedhelm Busch, langjähriger Moderator der Telebörse bei n-tv und inzwischen Börsen-Kolumnist, ist an diesem Abend als Hauptredner geladen. Der 70-jährige Journalist mit dem vertrauenserweckenden weißen Vollbart sieht in seinem blauen Sakko mit den goldenen Knöpfen aus wie ein Kapitän und gilt als Börsenguru. Mit "tiefen Einsichten in das Wirtschaftsgeschehen", wie ein Besucher des Abends andächtig sagt.

Der ganz normale Schweinezyklus

Es ist Buschs Spezialität, staubtrockenes und hochkomplexes Börsengeschehen in unterhaltsame Anekdoten zu verpacken. Und so gelingt es ihm irgendwie sogar, die Erklärung dieser ganzen unfassbaren Krise zu einer Art Kabarettprogramm zu machen. Das mit den Kreditkarten funktioniere ja anders in den USA, sagt Busch – nicht mit monatlicher Abbuchung, sondern mit Kreditrahmen. Der werde ausgeschöpft, "und dann nimmt man eben eine neue Karte." Oder die US-Autoindustrie: Jahrelang habe sie riesige SUVs am Bedarf vorbei produziert – und dann eben gesagt: "Nimmste den Wagen denn umsonst?" Wohlwollendes Lachen.

Es hat was Beruhigendes, wie der Moderator so flapsig daherredet. Doch Buschs Botschaft ist nicht besonders amüsant. Er selbst habe alle Anlagen schon verkauft, sagt er. "Deshalb stehe ich einigermaßen gelassen hier", sagt der 70-Jährige und zuckt mit den Schultern. "Ich hab nix."

"Nicht nur Amerika, sondern auch in Deutschland kommt in die Rezession", glaubt Busch. Nicht etwa, weil die Finanzkrise die Wirtschaft zerstöre, "sondern weil die Welt eine Konjunkturdelle erwartet". Das normale Ab nach dem Auf, "der ganz normale Schweinezyklus".

Immerhin: Eine gute Nachricht hat der Moderator, auch wenn er sie nur zögerlich sagt, mehrere Anläufe braucht und dabei über sich selbst schmunzeln muss: "Ganz allmählich ..., also eigentlich meine ich ..., wir haben das Schlimmste geschafft." Die Kursstürze an den Börsen dieser Tage sind der Tiefpunkt gewesen, prophezeit Busch – und erklärt immer wieder, dass am Wochenende, bei dem Treffen der G7-Finanzminister, hoffentlich "entscheidende Maßnahmen" im Kampf gegen die Finanzkrise beschlossen würden. Die Katastrophe, der Ausnahmezustand bleibt also aus. Sagt Busch zumindest. "Aber nageln sie mich nicht drauf fest", sagt er noch dazu.

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