Investoren Traumpaar vom Zürichsee

Der russische Milliardär und Investor Wiktor Wexelberg mischt die Schweiz auf. Im umstrittenen Ex-Botschafter Thomas Borer fand er den perfekten Berater.

Für Basler Verhältnisse lässt sich dieser Samstagabend im St.-Jakob-Stadion bunt an. Arthur Cohn, Filmproduzent und sechsfacher Oscar-Preisträger, ist eingetroffen in der Loge hinter Block H. Auch Arie Haan ist da, Vizeweltmeister und holländischer Mittelfeldstar der Siebziger. In seiner Nähe fällt, zwischen tadelsfrei gewandeten Nationalräten, eine Dame durch die Wahl ihres Oberteils aus dem Rahmen - ein Dekolleté wie reifes Obst in Körbchen.

Pralles Leben und reichlich Prominenz, das ist eine Gemengelage, die Thomas Borer entgegenkommt. Im Nadelstreifenanzug spielt der ehemals skandalumwölkte Schweizer Botschafter in Deutschland Impresario in der Loge. Renova Management AG heißt das Unternehmen, dem er nun als Verwaltungsrat dient und das unter anderem die Vermarktungsrechte für die internationalen Freundschaftsspiele des argentinischen Fußballteams besitzt. Vor dem anstehenden Match gegen die Schweiz wolle er eines noch klarstellen, sagt Borer zu den geladenen Gästen und grinst: "Die Mannschaftsaufstellung überlassen wir natürlich dem argentinischen Coach."

Das ist zwar nicht die ganze Wahrheit (Renova hat sich vertraglich den Auftritt einer B-Auswahl verbeten), aber doch ein Borers Selbstbewusstsein angemessener Scherz.

Nur Wiktor Wexelberg, Borers Boss, verzieht, drei Tische weiter zur Linken plaziert, keine Miene. Erstens versteht er kaum Deutsch. Zweitens ist dem zehntreichsten Mann Russlands von Natur aus schwer anzusehen, ob er etwas gelungen oder missraten findet. Sphinxischen Blicks und scheu beinahe verfolgt der silberbärtige Milliardär aus Moskau mit Zweitwohnsitz Zürich den Verlauf des Banketts. Eines Banketts, dessen Sponsor wie Stargast er selbst ist.

"Fußball ist ein angenehmes Investment", sagt Wexelberg. "Fußball ist ein ausgezeichnetes Instrument fürs Networking", sagt Borer: "Da kann auch mal der Nationalrat mit Frau und zwei Kindern kommen." Der sonst vielleicht nicht gekommen wäre.

Die Renova Management AG, bewertet mit elf Milliarden Dollar, und ihr Mehrheitseigner Wexelberg sind über die Schweiz gekommen wie ein gewaltiges Gewitter über einen friedlichen Landstrich: Erst war nichts zu hören, dann vereinzeltes Donnern und Grollen, plötzlich goss es in Strömen. Mehr als eine Milliarde Euro hat die Beteiligungsgesellschaft seit 2005 herabregnen lassen auf Anteilseigner eidgenössischer Unternehmen. Minderheitsbeteiligungen an der Immobilienfirma Züblin und am traditionsreichen Technologiekonzern Oerlikon hat Wexelberg unter vernehmlichem Grummeln des helvetischen Boulevards als Erstes erworben. Anteile an den Maschinenbau-Unternehmen Saurer und Sulzer folgten.

Für Schweizer Verhältnisse sind das dicke Brocken, im weltweiten Firmenreich des Wiktor Wexelberg hingegen Bröckchen. Das große Rad dreht sich für ihn anderswo.

Stunden erst vor Beginn des Länderspiels in Basel landet der stille Oligarch an diesem Tag per Privatmaschine, aus Moskau kommend. Bis zuletzt hat er dort noch zu verhindern versucht, dass die Förderlizenz für das gewaltige Gasfeld Kowykta in Ostsibirien an den russischen Staat zurück- fällt - für Wexelberg, als Miteigentümer des Lizenzinhabers TNK-BP, eine Milliarden-Dollar-Frage.

Noch während die Schweizer Fußballer sich unter Wexelbergs Augen in Basel ein 1:1 gegen Argentinien erkämpfen, dringen Meldungen aus Moskau westwärts, die nichts Gutes verheißen. Russlands Präsident Wladimir Putin hat in einem Interview bereits die Schuldigen benannt, die sich nicht erfüllter Auflagen wegen einen eventuellen Entzug der Förderlizenz selbst zuzuschreiben hätten. An erster Stelle: "Wir sprechen über die Firma von Herrn Wexelberg."

Beim Drei-Gänge-Menü in Herrn Wexelbergs Renova-Loge sorgt Putins Rüffel an diesem Abend noch nicht für Gesprächsstoff. Dabei gebieten die Regeln der Kreml-Astrologie, namentliches Abkanzeln eines Unternehmers als ernstes Signal zu deuten. Spätestens seit Putin die Kampagne gegen den Jukos-Eigner Michail Chodorkowski bis zu dessen Verhaftung im Oktober 2003 mit gezielten öffentlichen Angriffen orchestrieren half, haben Russlands Superreiche ihre Antennen weit ausgefahren - gleichbleibende Gunst des Kreml-Herrschers ist ihre Geschäftsgrundlage.

"Ich sehe meine Zukunft hier zuversichtlich. Es würde mir sehr leid tun, wenn ich mich darin getäuscht haben sollte", sagt Wexelberg noch Anfang März 2006 in seinem mit Glas und Chrom verspiegelten Büroturm am Moskauer alten Arbat. Und ergänzt, während er so entspannt wie möglich dreinzuschauen versucht: "Sofern es mit marktwirtschaftlichen Methoden" zugehe, sei gegen ein stärkeres Engagement des Staats im Energiesektor wenig einzuwenden.

Gerade einmal 15 Monate später ist klar, dass der russische Staat, zumindest wo es um Öl und Gas geht, von marktwirtschaftlichem Wettbewerb nichts mehr wissen will. Die Staatskonzerne Gasprom und Rosneft sind mit Kreml-Segen unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

Wexelberg hat die Zeichen der Zeit verstanden. Er hat zuletzt in rasendem Rhythmus gekauft, fusioniert und sein Betätigungsfeld erweitert - auf Uranproduktion in Südafrika, Solar- und Windenergie in Mitteleuropa, Fußballrechte in Südamerika. Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme hat er sich mit dem unangefochtenen Kreml-Favoriten Oleg Deripaska zusammengetan und einen 30 Milliarden Dollar schweren Aluminiumkonzern gegründet.

Hoch über dem Zürcher Bankenviertel, in den obersten Stockwerken eines schnöden, spätsozialistisch anmutenden Büroturms am Bleicherweg, laufen die Fäden des Renova-Imperiums mit seinen mehr als 100 000 Mitarbeitern in über 100 Ländern zusammen. Von hier aus kontrollieren und sortieren 23 leitende Angestellte des Konzerns mit Hilfe von Laptops, Handys und Videokameras die irrlichternden Spuren, die ihr Chef bei seinen Fischzügen auf dem Erdball hinterlässt. In Wexelbergs eigenem Büro, ganz oben im zwölften Stock mit schweren schwarzen Ledergarnituren ausgerüstet, sieht es aus wie in einem Reich, dessen Herrscher vor langer Zeit mit unbekanntem Ziel verreist ist und an den nur noch auf Sideboards säuberlich abgelegte Ausgaben Schweizer Magazine mit Titelgeschichten erinnern, in deren Mittelpunkt er selbst steht - Wexelberg, der rätselhafte Russe.

Im Zimmer nebenan spielt dafür entschieden mehr Musik. Hier empfängt Thomas Borer. Freundliches Gesicht, wasserblaue Augen, dazu eine gesunde Gesichtsfarbe als Erbteil seiner Solothurner Heimat. Zum Anzug trägt Borer ein hellblaues Hemd mit weißem Kragen im Geschmack der späten Neunziger.

Borer hat mit seiner Gattin Shawne im Schlepptau, der ehemaligen Miss Texas, bis 2002 als Botschafter in Berlin den Boulevard beschäftigt wie kein anderer Schweizer vor ihm - mit glamourösen Auftritten, ausdauerndem Party-Hopping und bemerkenswerter Geschmeidigkeit in Fragen medialer Selbstvermarktung. Den Gattungsbegriff "Bohlenborer" erfand der "SonntagsBlick", strukturelle Ähnlichkeit unterstellend zwischen dem eidgenössischen Botschafter und einer deutschen Popcharge.

Heute ist Borer Verwaltungsratsmitglied des Milliardenkonzerns Renova. Rechte Hand und Sprachrohr eines Geschäftsmanns, der mit Präsident Putin unter vier Augen über die Verteilung der strategischen Bodenschätze Russlands spricht, der außerdem im internationalen Beraterstab von Südafrikas Präsident Thabo Mbeki sitzt und, ganz nebenbei, "die halbe Schweiz" aufzukaufen droht, wie die Boulevardzeitung "Blick" von Fakten unbeeindruckt behauptet.

Borer ist ausdrücklich erfreut, nun Leute wie Wladimir Putin beim EU-Russland-Gipfel treffen zu können, Politiker der obersten Gewichtsklasse, die er als Schweizer Botschafter "nie zu Gesicht bekommen" hätte. Andererseits muss er nun seine Worte stärker wägen.

Vorbei die Zeit, da Borer Aufsehen vor allem dadurch erregte, dass er mit Berliner Promi-Friseuren Kostümfeste feierte oder mit 1500 Geladenen rauschende Empfänge. Trotz einer, so Borer, "wahrheitswidrigen Medienkampagne" und seiner Abberufung aus Berlin 2002, habe er sich damals keine Affäre erlaubt; auch von der beliebten Formulierung angebliche Affäre bitte er bei Würdigung seines Ausscheidens aus dem Diplomatischen Dienst Abstand zu nehmen.

Seine publizistischen Erzfeinde vom Ringier-Verlag, die ihm ein außereheliches Verhältnis unterstellt hatten, mussten sich später entschuldigen und einen millionenteuren Vergleich schlucken. Über die genaue Entschädigungssumme, die ihm zugesprochen wurde, darf Borer nicht reden. Er hält sich daran, obwohl es ihm schwerfällt.

Ganz oben ist er jetzt. Von seinem Gebäude aus blickt er über den Zürichsee auf das Verlagsgebäude des gezähmten Widersachers an der Dufourstraße. Gerhard Schröder verdient dort, bei Ringier, inzwischen sein Geld als Berater. Das fügt sich nicht schlecht, ist Schröder doch aus Berliner Zeiten bestens mit Borer vertraut und durch direkten Draht in den Kreml auch mit den Anliegen der von dort aus dirigierten russischen Wirtschaftsführer.

Es gibt Stimmen in Zürich, die behaupten, neben Borers Kontakten in die internationale Politik und Geschäftswelt habe sein vertraglich besiegelter Nichtangriffspakt mit dem Ringier-Verlag den Ausschlag für die Blitzkarriere bei der Renova-Gruppe gegeben. Mit Borer als Schutzschild sei der Russe Wexelberg besser gewappnet gegen allfällige Attacken der Ringier-Blätter im Zeichen des "Heimatschutzes" - des Widerstands gegen den Ausverkauf der Schweizer Industrie.

"Wie in anderen Ländern ist es auch für viele Menschen in der Schweiz schwer zu verdauen, dass wir uns nun in der zweiten Phase der Globalisierung befinden", sagt Borer: "Es begann mit der De-Industrialisierung, und nun, so heißt es, kommen die auch noch von draußen und übernehmen unsere Kernindustrien. Aber für Stabilität und Frieden ist internationale Verflechtung gut. Und außerdem auch für die Demokratie in Russland."

Letzteres ist vermutlich des Durchschnitts-Schweizers geringere Sorge. Zumal die Nachrichten aus Putins Reich nicht wirklich ermutigend klingen. Weil dort die Weichen wieder in Richtung Ein-Parteien-Staat und Kreml-Kapitalismus gestellt, weil Rentner verprügelt und Journalisten gegängelt werden. Während gleichzeitig flüchtiges russisches Kapital, personifiziert durch Wexelberg, die Ahnengalerie der Schweizer Industriegeschichte zu fleddern verspricht.

Die Rede ist von Oerlikon, Maschinenfabrik nördlich der Innenstadt von Zürich seit 1876. Von Saurer, Maschinenbau in Arbon am Bodensee seit 1853. Und von Sulzer, Maschinen- und Anlagenbau in Winterthur seit 1834.

Spätestens seit im April der Deal mit Sulzer bekannt wurde, kocht die Volksseele. Unter maßgeblicher Mitwirkung der Zürcher Kantonalbank (ZKB), immerhin der Hausbank des Winterthurer Unternehmens, wurde für Wexelberg und seine österreichischen Geschäftspartner von der Beteiligungsgesellschaft Victory heimlich ein 32-Prozent-Paket aus Aktien und Optionen geschnürt, das dann - angeblich unter günstiger Auslegung der börsenrechtlichen Meldepflicht - an die Investoren weitergereicht wurde.

Der Handel mit nirgends aufgelegten oder registrierten Optionen ist legal und eine Schweizer Besonderheit. Den ZKB-Chef Hans Vögeli hat die zweifelhafte Geschäftspolitik seines Hauses zugunsten Wexelbergs dennoch den Posten gekostet. In den Räumen der ZKB wie auch der Deutschen und der Neuen Zürcher Bank (NZB) wurden durch die Eidgenössische Bankenkommission Untersuchungen veranlasst.

Die kleine, diskrete NZB zog bereits bei der Übernahme von Saurer durch Wexelbergs OC Oerlikon die Fäden. Und das hat, obwohl Renova-Sprecher das verneinen, vermutlich auch mit Carl Stadelhofer zu tun.

Der verschwiegene Anwalt aus der Zürcher Beethovenstraße 7, alpin gebräunt und vornehm ergraut, ist Verwaltungsratspräsident der NZB. Und sitzt zusammen mit Wexelberg und Borer auch im Verwaltungsrat der Renova Management. Das garantiert, mindestens, Synergien in der Analyse des undurchsichtigen Markts für Call- beziehungsweise Cash-Settlement-Optionen - Berechtigungen zum geräuschlosen Aktienkauf.

Stadelhofer zählt unter den Türöffnern Wexelbergs in der Schweiz zu den am längsten dienenden, lehnt es aber ab, sich dazu zu äußern. Als Anwalt stehe Stadelhofer dem Russen "seit ewigen Zeiten" zur Seite, sagt Borer.

Im New Yorker Zivilprozess gegen Renova und andere ab 2002 wegen illegaler Übernahme von Anteilen der kanadischen Erdölfirma Norex an einem sibirischen Ölförderer wird Stadelhofer im Zeugenstand aufgeführt - als "Director, TNK Industrial Holdings", einer der Firmen aus Wexelbergs Portfolio.

Makler wie der janusköpfige Stadelhofer verkörpern das Strukturproblem, das die Schweiz nun am Beginn des 21. Jahrhunderts einholt: Vorbei sind die Zeiten, da sich einerseits mit den Vorteilen eines diskreten, abgeschotteten und hochprofessionell organisierten Finanzplatzes wuchern, fremdes Kapital also ins Land locken ließ; und andererseits gehofft werden durfte, dass dieses Kapital Besitzstrukturen und Traditionen im Lande selbst nicht antasten werde.

Als Globalisierungsgewinner im Schutz einer Trutzburg zu überleben, das beschreibt den Schweizer Traum. Wexelberg und seine Renova-Gruppe transportieren die unangenehme Nachricht, dass aus diesem Traum nichts wird.

"Wir waren ja in gewisser Hinsicht die Pioniere unter den russischen Investoren im Ausland", sagt Borer, "die Ersten, die keine Fußballclubs kauften, sondern investierten." Renova habe in der Schweiz für viel Wirbel gesorgt, weil das Unternehmen öffentlich Flagge zeige: "Hedgefonds dagegen sind nicht zu greifen, die haben kein Gesicht."

Wexelberg hat bisher kein Indiz für den Verdacht geliefert, die Firmen, an denen er sich beteiligt, ausbeuten oder entkernen zu wollen. Noch nicht einmal seine Wiener Geschäftspartner Ronny Pecik und Georg Stumpf sind bislang als "Corporate Raiders" aktenkundig - als Vertreter der in Industriekreisen gefürchteten Heuschrecken-Zunft.

Die Renova genieße den Ruf eines "langfristigen Anlegers", sagt Borer. Wexelberg sagt, seit er seine erste Million mit Kupfersträngen von herumliegenden Kabeln auf Industriemüllhalden gemacht habe, sei er an "echten Aktiva" interessiert. Weder "für Wohnungen noch für Autos, Datschen oder Yachten" hätten er und seine Partner nach ihren ersten postkommunistischen Deals Geld übrig gehabt: "Wir trugen auch keine roten Jacketts wie die neuen Russen. Wir kauften mit unserem Geld Anteilsscheine."

Nur: Wie passt so einer zu Borer? Zu einem, der sich zwar als Schweizer Chef-Unterhändler bei den Verhandlungen über nachrichtenlose Konten von Holocaust-Opfern Respekt erwarb; dessen anschließende Berliner Botschafterzeit im Zürcher Landesmuseum andererseits durch zwei Exponate treffend gewürdigt wird - die rotweiße Prada-Robe und die Jimmy-Choo-Pumps seiner Gemahlin?

Ehe der scheue Russe Wexelberg und der forsche Schweizer Borer unter dem Dach der Renova zum Traumpaar vom Zürichsee werden konnten, mussten beide an einen kritischen Punkt ihres Wegs kommen. Borer drohte nach seiner Rückkehr aus Berlin ein Karriereknick. Wexelberg hielt es für ratsam, Lehren aus dem Schicksal Michail Chodorkowskis zu ziehen - mit einer Management-Zentrale im sicheren Zürich und mit professioneller Öffentlichkeitsarbeit.

Wexelberg brauchte PR und Kontakte, Borer einen Job mit Prestige: Zwei kleine Probleme in eine Win-Win-Situation zu überführen, das war dann der Job von Stadelhofer, Wexelbergs Anwalt und Vertrauensmann aus der Zürcher Beethovenstraße.

2004 bringt er die beiden Suchenden zueinander, und dann geht alles ganz schnell. "Reputationsaufbau" nennt Borer seinen Feldzug mit dem Ziel, den lichtscheuen Milliardär Wexelberg als Musterbeispiel für "good corporate governance", für sauberes Geschäftsgebaren, einem größeren, vor allem internationalen Publikum bekanntzumachen.

Zu diesem Zweck wird an einem heißen Junitag 2005 für zwei Dutzend ausländische Korrespondenten eine geschlossene Gesellschaft im Moskauer Szene-Restaurant "Café Puschkin" am Twer-Boulevard gegeben. Borer begrüßt die Geladenen. Wexelberg kommt, als die Sakuski, die Vorspeisen, längst auf dem Tisch stehen. Beharrlich spricht er gegen das Klappern von schwerem Silber auf Porzellan an - über seine Pläne, die Renova international zu positionieren.

Inzwischen ist er weiter: London, New York, Zürich, Johannesburg, Wien, Luxemburg, Moskau, Jekaterinburg - so lesen sich die Stationen von Wexelbergs aktuellem Reisebulletin. Über Öl, Gas und Aluminium verhandelt er weltweit, über Titan, Uran, Windräder, Hydraulikpumpen und ein nagelneues Klein-Venedig am Fuß des Ural. Es geht um alles oder nichts im globalen Monopoly, keine Chance soll verpasst, keine Schlüsselindustrie von morgen darf übersehen werden.

Das ungeschriebene Abkommen zwischen Wexelberg und dem Kreml sieht vor, dass der Industrielle mit seinem Gespür für gute Geschäfte Milliarden machen darf, solange dabei für Russland Nützliches abfällt - neue Technologien, neue Märkte, seltene Rohstoffe. Die Feinabstimmung der Strategie bestimmt nicht er allein.

"Der russische Staatspräsident Wladimir Putin und der Chef des Renova-Konzerns Wiktor Wexelberg stellten fest, dass viele Anliegen des Staats sie verbinden", spöttelt die Tageszeitung "Kommersant" nach dem Treffen des Milliardärs mit dem Staatschef am 13. September 2006 in Putins Schwarzmeer-Residenz. Ein einvernehmlicheres Tête-à-Tête zwischen Politik und Business sei schwer vorstellbar: "Wie beurteilen Sie die Ergebnisse unserer gemeinsamen Arbeit?", fragt Putin; "technologischer Fortschritt inholocaust Russland ist unser Ziel Nummer eins", salutiert Wexelberg.

"Ist er also wieder in der Heimat, um sich frische Befehle zu holen", giftet ein Schweizer Spitzendiplomat, nachdem Wexelberg beim hochkarätig besetzten Wirtschaftssymposium in St. Gallen wichtiger Termine in Moskau wegen in letzter Minute absagen muss. Als dann noch Wexelbergs Vertreter Wladimir Kusnezow ein Versprecher unterläuft, lacht der Saal: "Russia is a big country", will Kusnezow sagen, heraus kommt: "Russia is a big company."

Die Schweizer, und bei weitem nicht nur die "Neidgenossen" unter ihnen, hätten es halt gern, wenn einer, der ihr Territorium als Startrampe für seine Höhenflüge benützt, dort auch ein wenig Wurzeln schlüge. Wexelberg und sein Stab lassen deshalb nichts unversucht, Signale wachsender Bodenständigkeit auszusenden: Das Restaurant "Zum Grobe Ernst" im Zürcher Niederdorf kommt als Lieblingslokal des Industriellen zu Ehren, Yacht-Besitz am Zürichsee wird verneint - nur ein "Bötchen in Dubrovnik" leiste er sich.

Es ist ein schwieriger Spagat, den Wexelberg da probt: Er will Russland nützen und der Schweiz nicht schaden, er predigt die unbegrenzten Möglichkeiten auf den weltweiten Märkten aus der Position fürsorglicher Umklammerung durch den Kreml-Fürsten heraus.

Wexelberg scheint entschlossen, den Spagat auszuhalten. Dass er dabei mit dem vorgeschobenen Bein schon in der Schweiz steht, spricht für seine Weitsicht.

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