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29. Februar 2004, 11:48 Uhr

Irak

Wie Husseins Clan Milliarden zusammenraffte

Von der Bevölkerung verlangten sie Verzicht im Kampf gegen die ungläubigen und geldgierigen Imperialisten aus dem Westen. Sich selbst stopften die Mitglieder des gestürzten Hussein-Clans mit großer Energie die Taschen voll. Mehrere Milliarden Dollar sollen sie aus dem Öl-Für-Lebensmittel-Programm der Uno abgezweigt haben.

Fragmente eines Wandbilds von Saddam: Dichtes Netz von Korruption und Erpressung
AFP

Fragmente eines Wandbilds von Saddam: Dichtes Netz von Korruption und Erpressung

New York - Das Geld wurde in Form von "Provisionen" von ausländischen Firmen kassiert, die im Irak Geschäfte betrieben. Trotz der Uno-Sanktionen gegen den Irak lief der Handel gut, denn der Verkauf von Öl war in dem Maße erlaubt, in dem Lebensmittel und Medikamente zur Versorgung der Bevölkerung ins Land eingeführt wurden. Hinzu kamen illegale Deals in beträchtlichem Umfang, die gegen die Sanktionen verstießen.

Im August 2000, so berichtet die "New York Times" unter Berufung auf die Aussagen beteiligter Regierungsvertreter gegenüber dem US-Ermittlern, habe der irakische Vize-Präsident Taha Yassin Ramadan in einem als streng geheim eingestuften Brief aufgefordert, "Extra-Umsätze" aus dem Uno-Programm "Öl für Lebensmittel" zu generieren.

Die zuständigen Mitarbeiter sollten angewiesen werden, ihre Lieferanten dazu zu zwingen, der Uno für Hilfslieferungen überhöhte Preise in Rechnung zu stellen und einen Teil davon als Provision an die Iraker zu bezahlen. Der so erzielte Zusatzverdienst solle auf Geheimkonten des Irak in Jordanien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten transferiert werden.

Unter Verstoß gegen die Uno-Sanktionen hätten Unternehmen aus aller Welt danach nicht selten große Bargeldsummen in Koffern direkt bei den Ministerien abgeliefert, berichtet die "New York Times" weiter. Insgesamt, so der Bericht, seien auf diese Weise 2,3 Milliarden Dollar eingenommen worden.

Der Betrag beruht allerdings nur auf vorsichtigen Schätzungen der Ermittler, vermutlich liegt er viel höher. Die bisherigen Erkenntnisse beruhen auf einer Hochrechnung auf Basis der Verträge des Öl-für-Lebensmittel-Programms, die zurzeit noch von der irakischen Übergangsregierung mit Unterstützung der Uno abgewickelt werden. Insgesamt geht es dabei um Lieferungen im Wert von rund 8,7 Milliarden Dollar. Siebzig Prozent der an diesen Verträge beteiligten Firmen hatten zugegeben, gegenüber der Uno überhöhte Preise festgelegt und sich verpflichtet zu haben, zehn Prozent davon auf irakische Konten zu überweisen.

Da seit Mitte 2000 Verträge im Umfang von insgesamt 32,6 Milliarden Dollar abgeschlossen wurden, rechnen die Fahnder damit, dass eben jene 2,3 Milliarden Dollar auf jeden Fall zusammengekommen sein müssen. Zumal einige Unternehmen noch weit höheren "Provisionen" zugestimmt haben sollen.

Diese Geschäfte waren aber nicht die einzige Einnahmequelle des Hussein-Clans. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand betrug allein der Gewinn aus dem Verkauf von geschmuggeltem Erdöl rund 900 Millionen Dollar pro Jahr. Der Hinweis auf solche Geschäfte soll von Öl-Konzernen gekommen sein.

Das wirkliche Ausmaß der Korruption komme jedoch erst langsam ans Licht, seit die Ermittler die Gelegenheit hätten, neu aufgetauchte Unterlagen auszuwerten. Auch in Gefangenschaft geratene Regierungsvertreter gäben zunehmend Details preis, die sie zuvor aus Angst vor der Rache des Hussein-Clans verschwiegen hätten.

Das Bild, das sich aus den Unterlagen und Zeugenaussagen ergibt, zeigt, wie systematisch das System des Kassierens und Geldverschiebens organisiert worden ist - und wie Saddam Hussein damit seinen verschwenderischen Lebensstil finanziert und Günstlinge bedacht hat.

Dass nicht allein Unternehmen, sondern auch ganze Staaten in die dunklen Geschäfte verwickelt waren, zeigt ein Abkommen über Weizenlieferungen, das Syrien mit dem Irak abgeschlossen hatte. In einem geheimen Zusatzabkommen hatte sich die syrische Regierung verpflichtet, 15 Prozent des Vertragswerts auf Hussein-Konten zu überweisen. Nachdem die irakische Übergangsregierung dies zusammen mit den US-Koordinatoren herausgefunden hatten, erklärte sich Syrien bereit, den überhöhten Preis in Form von zusätzlichen Lieferungen zu kompensieren.

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