Neue deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel Für manche eine Provokation

Isabel Schnabel soll Deutschland künftig im Führungsgremium der Europäischen Zentralbank vertreten. Die Professorin ist in der Ökonomenzunft hoch anerkannt, könnte beim deutschen Publikum aber anecken.
Isabel Schnabel: "Sie arbeitet unheimlich hart und schläft viel zu wenig"

Isabel Schnabel: "Sie arbeitet unheimlich hart und schläft viel zu wenig"

Foto: Reiner Zensen / imago images

Seit dem 1. Oktober ist Isabel Schnabel zum Schweigen verdammt, zumindest auf Twitter. Dabei nutzt Deutschlands künftige Vertreterin in der Führung der Europäischen Zentralbank (EZB) die Social-Media-Plattform ausgiebig und leidenschaftlich, um sich in ökonomischen Debatten Gehör zu verschaffen - und gelegentlich anzuecken.

Noch aber ist sie Mitglied im Sachverständigenrat (SVR) der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage ("Fünf Weise"). Und bis der SVR am 6. November sein neues Jahresgutachten publiziert, dürfen sich die Räte nicht mehr öffentlich äußern, zumindest nicht über ökonomische Zusammenhänge. Ähnliche Schweigeperioden gibt es übrigens auch für Mitglieder im Rat und im Direktorium der EZB rund um Zinsentscheidungstermine. In dieser Hinsicht dürfte ihr die Umstellung also nicht schwerfallen.

Das gilt auch für die geldpolitische Ausrichtung der Notenbank, die Schnabel künftig mitgestalten wird. Sie soll nach dem Wunsch der Bundesregierung Sabine Lautenschläger im sechsköpfigen EZB-Direktorium ersetzen, das quasi der Vorstand der Behörde ist. Lautenschläger hatte kürzlich überraschend ihren Rücktritt bekannt gegeben, wohl aus Frust über die Linie von Mario Draghi. Der scheidende EZB-Präsident hat gegen den Widerstand Deutschlands und anderer Länder durchgesetzt, dass die EZB ihre umstrittenen Anleihekäufe wieder aufnimmt, um die Kapitalmarktzinsen zu drücken und so das Wachstum in der Eurozone anzukurbeln.

Schnabels bisherige Einlassungen zur Geldpolitik lassen den Schluss zu, dass sie im Großen und Ganzen mit Draghis Kurs einverstanden ist. Und da Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde an der Politik ultralockerer Zinsen und Anleihekäufe festhalten will, dürfte Schnabel nicht aus ideologischen Gründen irgendwann die Flucht ergreifen wie schon einige deutsche Zentralbanker vor ihr.

"In Deutschland wird die EZB ständig zum Sündenbock gemacht"

Im Gegenteil: Für große Teile des deutschen Publikums, das auf die Bundesbank und deren orthodoxe geldpolitische Haltung fixiert ist, stellt Schnabel eine Provokation dar. Dass insbesondere von der "Bild"-Zeitung betriebene EZB-Bashing kritisierte sie kürzlich im "Handelsblatt" ungewöhnlich scharf: "Aber dass Politiker, Journalisten und Banker das Narrativ verstärken, die EZB stehle den deutschen Sparern ihr Geld, das ist gefährlich. So etwas rächt sich irgendwann", sagte Schnabel. In Großbritannien sei jahrelang die EU zum Sündenbock gemacht worden, was jetzt zum Brexit führe. "In Deutschland wird die EZB ständig zum Sündenbock gemacht."

Auch in der Diskussion um das europäische Zahlungsverkehrssystem "Target 2" nimmt sie eine Position ein, die viele enttäuschen muss. Schließlich gilt Deutschlands negativer "Target 2"-Saldo in einigen Kreisen als tickende Zeitbombe, die der Bundesrepublik bei einem Auseinanderbrechen der Eurozone um die Ohren flöge, weil das Land auf horrenden Außenständen insbesondere südeuropäischer Banken sitzen bleiben werde - ein idealer Nährboden für Verschwörungstheorien (mehr dazu lesen Sie hier).

Die Debatte sei geprägt durch Missverständnisse und Fehldarstellungen, sagte Schnabel dagegen im Sommer in einer öffentlichen Anhörung des Bundestags-Finanzausschusses. Vom Target-System gingen "keine wesentlichen Risiken für den deutschen Steuerzahler" aus. Seither ist Ruhe an der "Target"-Front.

Dass sich Schnabel durchsetzen kann, hat sie im fünfköpfigen SVR bewiesen. Bei inhaltlichen Debatten mit ihren vier männlichen Kollegen habe sie robust und auf Augenhöhe argumentiert, in der Öffentlichkeitsarbeit als erste der "Weisen" die Chance genutzt, die Social-Media-Plattformen wie Twitter bieten. "Sie erklärt gern, hat Sendungsbewusstsein und ist strategisch sehr geschickt, sich zu positionieren", berichtet eine ehemalige Mitarbeiterin. "Mich wundert ihr Wechsel zur EZB nicht."

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Das Sendungsbewusstsein hat seinen Preis. "Sie arbeitet unheimlich hart und schläft viel zu wenig, wie sie selbst findet", sagt die Ex-Kollegin über die Mutter dreier Töchter, die sich die Familienarbeit einigermaßen paritätisch mit ihrem Mann teilt. Manchmal kann sie sogar beide Welten miteinander verbinden. Etwa, als sie einmal ihre älteste Tochter für ein Schulpraktikum im Statistischen Bundesamt in Wiesbaden gewinnen konnte, in dessen Räumlichkeiten der SVR sitzt.

Ohnehin hat sie sich vorgenommen, mehr Frauen für die Wissenschaft zu begeistern - allein schon, um die Gesprächskultur zu befrieden, die sie als "ziemlich aggressiv" empfindet. Das hat sie mit ihrer künftigen Chefin Lagarde gemein; die Französin will sich in der EZB um mehr Diversität kümmern. Wie auch um eine verbesserte Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit - eine Disziplin, die Draghi vernachlässigt hat. In Twitter-Fan Schnabel dürfte Lagarde eine veritable Mitstreiterin gefunden haben.

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