Zum Inhalt springen

Iserlohner Brauerei Trinken gegen die Insolvenz

Vor einem Jahr stand die Iserlohner Brauerei vor dem Aus. Die Einwohner der Stadt protestierten und spornten sich gegenseitig zu mehr Bierkonsum an - mit Erfolg: Heute schreibt die Brauerei schwarze Zahlen.
Von Daniel Rettig
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Iserlohn - Das Städtchen liegt inmitten von Wäldern und Hügeln im Sauerland, die Anwohner nennen es Waldstadt. Seit einigen Jahren spielt der örtliche Eishockeyverein in der ersten Liga, ansonsten geht es in Iserlohn beschaulich zu. Doch vor einem Jahr passierte in dem ruhigen Ort etwas Außergewöhnliches.

Die Iserlohner Brauerei, gegründet 1899, gehörte zum Reich des Getränke-Riesen Brau&Brunnen (B&B). Irgendwann erfüllten die Sauerländer jedoch nicht mehr die finanziellen Erwartungen des Großkonzerns. Daher entschieden die Herren in der Dortmunder Zentrale, die Tore im Sauerland dicht zu machen.

Gerüchte über eine mögliche Schließung waren schon ein gutes halbes Jahr in den örtlichen Kneipen umgegangen. In einer Stadt wie Iserlohn bleibt nichts lange geheim. Anfang 2003 meldeten die örtlichen Medien, dass die Brauerei ihre Pforten bald schließen müsse. Der Betriebsrat der Iserlohner rief die Menschen daraufhin zu Demonstrationen auf.

Als sich sechs Tage später der Aufsichtsrat von B&B zu Beratungen traf, fuhren 300 Iserlohner in Bussen nach Dortmund und protestierten vor den Werkstoren gegen die Pläne des Unternehmens. Auch Bürgermeister Klaus Müller (CDU) war dabei. Plötzlich geschah etwas Unerwartetes: Die Bosse von Brau&Brunnen luden Müller ein, an der Sitzung teilzunehmen. Da saß dann der Bürgermeister mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Rampl an einem Tisch.

"Nicht den großen Mann markiert"

Rampl ist auch Chef der Hypovereinsbank, der zweitgrößten Bank Deutschlands mit einer Bilanzsumme von über 400 Milliarden Euro. Klaus Müller verwaltet einen Etat von 160 Millionen Euro. Heute spricht er gelassen über die spontane Einladung. Besonders Rampl sei sehr nett gewesen: "Er hat nicht den großen Mann markiert." Ergebnis der Sitzung: Die Brauerei wird zugemacht, falls kein Käufer gefunden wird.

Nach der Sitzung zeigte ganz Iserlohn, wie viel die Brauerei der Stadt bedeutet. Die Bürger veranstalteten Schweigemärsche, sammelten in den Wochen danach 25.000 Unterschriften und übergaben sie dem damaligen B&B-Vorstand Michael Hollmann. Der Wahrsager Rey Souli guckte in die Karten und traf die Voraussage: "Die Brauerei wird mit viel Phantasie und Engagement gerettet."

Jochen Aron und seine Frau Elvira, schon seit Jahrzehnten Iserlohner, stellten ihre Trinkgewohnheiten um. "Vorher habe ich fast nur Ramazzotti getrunken. Danach bin ich auf Bier umgestiegen", sagt Elvira Aron heute. Und ihr Mann erklärte seinen Freunden: "Ich komme nur noch zu Feiern, wenn es Iserlohner gibt."

Im Internet erschien die Seite www.rettet-iserlohner.de, Autofahrer klebten sich den Spruch an die Heckscheibe. Die Gastwirte senkten die Bierpreise, die Menschen tranken gegen die Insolvenz. Und, siehe da, es half: Die Bierproduktion stieg an.

Währenddessen suchte Iserlohner-Geschäftsführer Peter Michaelis einen Käufer. Auch Bürgermeister Müller vermittelte ihm einige Interessenten. Doch niemand war geeignet: "Da waren viele Lippenbekenntnisse dabei", so Michaelis. Während die Bürger weiter Unterschriften sammelten und in den Kneipen noch ein oder zwei Extra-Bier bestellten, lief Michaelis die Zeit davon.

Dankeschön-Party mit Freibier

Da erinnerte er sich an Gespräche mit seinem alten Bekannten Christian Ilske. Der ist Finanzchef eines Iserlohner Unternehmens, das Gerd Heutelbeck gehört. Michaelis hatte mit Ilske einmal den "Was wäre wenn"-Fall besprochen: was sie tun würden, wenn die Brauerei zum Verkauf stünde. Als Michaelis keinen geeigneten Käufer fand, setzten sich die drei zusammen und entschieden, die Brauerei zu übernehmen. Michaelis: "Natürlich spielte die Solidarität der Bürger eine Rolle." Ende April überraschten sie mit ihrem Plan ganz Iserlohn. Und dann, am 7. Mai 2003, das Happy End: Im Stadtzentrum steigt eine große Dankeschön-Party - mit Freibier.

Zwar kamen die neuen Besitzer um schmerzhafte Einschnitte nicht herum - 30 von 80 Arbeitsplätzen fielen weg. Doch in Iserlohn waren alle froh: "Unsere Stadt ohne Iserlohner - das kann ich mir nicht vorstellen", meint ein Taxifahrer. Und Elvira Aron fasst das zusammen, was viele gedacht haben: "Für uns sind die drei echte Helden."

Auch mehr als ein Jahr später unterstützen die Bürger ihr Bier. Erstmals sei die Brauerei zu 100 Prozent ausgelastet, berichten Michaelis und Ilske. B&B hatte zunächst neun Prozent Anteile behalten, doch seit Anfang dieses Jahres ist die Brauerei komplett im Besitz der drei Ortshelden. Die Zahl der Mitarbeiter ist fast wieder auf dem alten Stand, momentan hat die Privatbrauerei 76 Angestellte. Und Ilske sagt sichtlich stolz: "Normalerweise schluckt ein Großkonzern eine Brauerei, aber dass sich eine Brauerei von einem Konzern löst, ist doch einmalig."