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FERNSEHEN »Ist das genug, Vater?«

Nachrichtenflaute und neue Konkurrenz bringen den News-Sender des Ted Turner in Bedrängnis. In den USA sind die CNN-Einschaltquoten auf historischem Tiefstand, die Manager werden nervös. Eine neue Offensive soll den Kanal vor dem Absturz bewahren.
Von Mathias Müller von Blumencron
aus DER SPIEGEL 43/1997

Haben wir Nick?« will der Mann am Kontrollpult wissen. Noch immer ist der Reporter vor Ort nicht auf den Monitoren erschienen. Dabei soll er in wenigen Sekunden auf Sendung gehen.

»Sagt mir doch endlich, haben wir Nick?« kommt es fast flehend vom Pult. Nervös reißt der Producer den Telefonhörer von der Gabel, nur um ihn gleich wieder einzuhängen. Wenn er nicht bald Nick auf den Bildschirm schaltet, das weiß er nur zu gut, dann herrscht so etwas wie Krieg, zumindest im Kontrollraum von CNN, der Zentrale der Weltnachrichten, im amerikanischen Atlanta.

Denn Nick kommt heute ein bißchen zu spät, um den Zuschauern noch Neues zu verkünden. Wer den Konkurrenzsender MSNBC eingeschaltet hat, sieht schon jetzt die Bilder, die in den nächsten Tagen die Gespräche in Amerikas Kneipen, Kantinen und Schlafzimmern bestimmen sollen: Der bekannteste Sportreporter des Landes, Marv Albert, ist nach einem Sexskandal verurteilt worden.

Anderthalb Minuten schneller waren die Kollegen von der Konkurrenz auf Sendung, wird später ein CNN-Manager notieren. Obwohl kaum jemand außerhalb des Sendebunkers am Rand der Hochhaustürme von Atlantas Innenstadt dies als Tragödie empfinden wird, ist die Verspätung für den Kommandanten der Nachrichtentruppe ähnlich tragisch wie für die Heerführer des Mittelalters eine verlorene Schlacht. Wenn seine Mannen geschlagen werden, stöhnt CNN-Chef Tom Johnson, sei das für ihn, als liege er lebendig auf einem Grillrost.

Gegrillt werden die News-Manager aus der Chefetage in letzter Zeit öfter. Bei dem Nachrichtensender, der weltweit von 700 Millionen Zuschauern empfangen werden kann, steht nicht alles zum besten: Neue News-Kanäle setzen den Veteranen zu, die gewohnt sind, Menschen in aller Welt mit ihren Frontberichten von Kriegen, Revolutionen oder Hurrikans in Atem zu halten. Die Konkurrenten knapsen Marktanteile ab und heimsen journalistische Erfolge ein. In den USA, dem wichtigsten Markt, sinken die Einschaltquoten dramatisch. Werbekunden verlangen Rabatte, Aktionäre werden nervös.

Irritiert registrieren die Strategen in Atlanta, wie die Weltnachrichten heute oftmals von anderen kommen. Reporter von MSNBC filmten im vergangenen Jahr als erste an der Absturzstelle des TWA-Jumbos vor New York und meldeten im Sommer vor allen anderen, daß die Polizei in Miami die Leiche des Versace-Killers Andrew Cunanan entdeckt habe. Der kleine News Channel 8, ein Mini-CNN aus Washington, brachte zuerst das Video von der spektakulärsten Agentenjagd dieses Jahres - der Verhaftung eines Attentäters im wilden Pakistan, der vor dem CIA-Hauptquartier amerikanische Geheimdienstler erschossen hatte.

Doch es geht nicht nur um Ehrgeiz und Einkommen einer kleinen Gruppe von Spitzenjournalisten. Im Kampf um die Herrschaft im Nachrichtengeschäft prallen die mächtigsten und härtesten Bosse Amerikas aufeinander: der Computer-Milliardär Bill Gates, Disney-Chef Michael Eisner, General-Electric-Boß Jack Welch und Medienzar Rupert Murdoch.

Sie haben es darauf abgesehen, die Nachrichtenmacht des CNN-Gründers und heutigen Vizechefs des Time-Warner-Konzerns, Robert ("Ted") Turner, zu brechen und einen Teil des lukrativen Markts zu erobern. Der Kampf ist erbittert, verschlingt Milliarden Dollar und ist oft schmutzig: »Ich dachte daran, ihn umzubringen«, grollte Turner über seinen Erzfeind Murdoch. Der Mann benehme sich wie »der Führer« in dessen letzten Jahren, habe kein Niveau und bombardiere die Welt von seinen Satelliten aus mit finsterem Schund.

Eisner steckt Millionen in die Nachrichtenprogramme seines Senders ABC, bei dessen »Evening News« mit Starmoderator Peter Jennings dreimal so viele Zuschauer einschalten wie den ganzen Tag über bei CNN. Gates verbündete sich 1996 mit Welch, dem Chef von General Electric, zu dessen Imperium die Fernsehstation NBC gehört. Bis zum Jahr 2000 wollen die beiden rund 700 Millionen Dollar in ihre neue News-Station MSNBC investieren. Und Murdoch attackiert Turner nicht nur in Europa und Asien, sondern seit vergangenem Jahr mit dem Nachrichtenkanal Fox News nun auch auf Heimatterritorium.

Noch ist der rauheste der Feldherren, Turner, unbeschränkter Herrscher im Geschäft, CNN die zugkräftigste Nachrichtenmaschine der Welt. Weil das auch Firmen wie BMW, Mercedes oder General Motors wissen, kaufen sie Werbeminuten und treiben die Umsätze in die Höhe: 900 Millionen Dollar wird das erweiterte News-Netzwerk in diesem Jahr einnehmen.

Wie ein gigantischer Nachrichtenschlund saugt das Sendezentrum in Atlanta Neuigkeiten auf: aus Sibirien, Havanna oder dem Gästezimmer des Weißen Hauses. Nach außen gleicht der schmucklose Betonturm einer abweisenden Festung, innen ist es eine High-Tech-Maschine der Extraklasse.

Auf Rolltreppen und Fluren, zwischen Kameras und Monitoren wuseln Hunderte besessener Nachrichtenjäger umher. 3500 Menschen arbeiten weltweit für CNN, darunter mehr als 200 Moderatoren und Korrespondenten. In den Büros und Katakomben von Turners Fort mixen sie Tag und Nacht die Katastrophen dieser Erde zu einer packenden Show.

Seine Leute haben ihm die Treue geschworen und vergöttern ihren Chef wie einen Feldherrn. Der Job in Turners News-Maschine killt ihr Privatleben, läßt Ehen auseinanderfallen, Freundschaften zerbrechen. Sie verdienen weniger als bei der Konkurrenz und dürfen nicht einmal rauchen: Wer bei CNN anfängt, muß unterschreiben, daß er niemals an einer Zigarette zieht, auch zu Hause nicht. CNN verlangt Disziplin wie in einer Strafkolonie, und dennoch denkt kaum einer an Ausstieg.

Turners Erfolgsrezept ist die Kunst des News-Recyclings, und in keinem anderen Medienunternehmen der Welt werden Nachrichten auf so perfekte Art und Weise ausgeschlachtet. Mit den Quoten ging es zwar abwärts, doch die Umsätze schossen in die Höhe. Turner kassierte nicht nur durch Werbung und Kabelgebühren, sondern erschloß auch neue Absatzkanäle - zuletzt ein Finanz-Network für Börsianer, einen Sportkanal und für Lateinamerika mit CNN in Spanisch das erste fremdsprachige Programm.

CNN ist die fast perfekte Multimediamaschine, und es ist egal, an welchem Rad sie in Betrieb gesetzt wird. CNN-Radioleute treffen als erste am Tatort des Massenselbstmords der Heaven's-Gate-Fanatiker in San Diego ein. Internet-Reporter spüren den Sprecher der peruanischen Botschaftsbesetzer im fernen Hamburg auf. Die Starreporterin Christiane Amanpour berichtet über Satellit von einer neuen türkischen Invasion im irakischen Kurdengebiet. Digital jagt die Meldung durch Leitungen und Computer, wird mit Bildern gemixt und kurz darauf auf allen Kanälen in die Welt zurückgefeuert.

Der Nachrichtenapparat funktioniert wie ein gigantischer Welt-Ereignis-Verstärker, dessen Wattzahl ständig steigt. Zum Imperium gehören heute sieben TV-Kanäle. Die Reporter bedienen Radiostationen und das Internet, Flughäfen, Hotels und Millionen von zigarettenschachtelgroßen Pagern, deren Eigentümer den CNN News Service abonniert haben.

Und überall fallen Dollar ab. Selbst die Internet-Redaktion, 1966 als Zwei-Mann-Abteilung gegründet und heute mit 170 Leuten besetzt, fährt schon knapp 20 Millionen Dollar an Anzeigenhonoraren und Lizenzgebühren ein. Im kommenden Jahr soll es erstmals Gewinn geben.

Doch trotz aller Perfektion konnte die Mannschaft einen fatalen Trend nicht aufhalten: Dem Publikum vergeht langsam der Appetit auf die CNN-News-Häppchen. In den USA sackten die Zuschauerquoten des Senders dramatisch ab, seit 1995 um 49 Prozent. Immer stärker macht sich die Konkurrenz bemerkbar, immer schwerer fällt es, Zapper auf dem Kanal zu halten.

Noch sind die Einschaltzahlen der Neulinge niedrig, ist ihr Überleben nicht gesichert. MSNBC hat rund ein Zehntel der Zuschauer von CNN, noch weniger folgen dem Fox News Channel (14 000 Haushalte sehen durchschnittlich Murdochs Programm).

Gefährlichere Gegner sind dagegen schon heute die lokalen Nachrichtensender, die überall in den USA ausstrahen und wie das große Vorbild 24 Stunden nonstop Nachrichten bringen. Mehr als ein Dutzend neue Stationen sind es heute, und ständig werden es mehr.

Die Chefs von New York 1 News oder Chicago Land wissen, daß für die meisten ein Mord in der Nachbarschaft spannender ist als ein Erdbeben am anderen Ende der Welt, und so schicken sie ihre Reporter nicht nach Bosnien oder Brazzaville, sondern an die Stadtautobahn und auf Polizeistreife. Selbst in der Hauptstadt Washington schalten weit mehr Menschen die Lokalnachrichten ein als CNN.

Kurz vor dem tödlichen Unfall von Prinzessin Diana waren Turners Quoten auf ein historisches Tief gesackt: Noch nie, seit er vor 17 Jahren mit dem Live-News-Kanal die Fernsehlandschaft revolutionierte, sahen so wenige Amerikaner zu - im Durchschnitt des zweiten Quartals dieses Jahres hatten nur 284 000 von gut 71 Millionen Kabelhaushalten eingeschaltet. Einige Werbekunden forderten Geld zurück.

Das soll nicht mehr passieren. Von seinem Kommandostand im Nachrichtenbunker aus überwacht der CNN-Gründer eine neue Offensive, und sein Adlatus Tom Johnson ist dabei, sie durchzufechten. Sie ist aggressiv wie die Dekoration von Turners Büroflucht: Dort hängen Säbel an den Wänden, in den Korridoren drohen Bürgerkriegsbüchsen und Schlachtengemälde, als Blumenvasen dienen Granatenhülsen.

Für Turner war der Nachrichtenkanal immer auch eine Waffe. Sein Leben inszenierte er als Feldzug, und bevor Rupert Murdoch erschien, war der Hauptgegner der übermächtige Schatten des Vaters, der sich mit 53 Jahren das Leben nahm. Bei einem Vortrag, den er an Washingtons Georgetown University hielt, stockte ihm plötzlich die Stimme. Er nestelte ein Wirtschaftsmagazin hervor, das ihn als Titelhelden verehrte, schwenkte es in der Luft umher und flüsterte vor dem gebannten Auditorium zur Decke empor: »Ist das genug, Vater, ist das genug?«

Vor einem Jahr rechnete ganz Amerika damit, daß es nun vorbei sei mit den Schlachtrufen aus Atlanta. Damals hatte der Medienkönig seine Fernsehgruppe Turner Broadcasting System mit Sport- und Spielfilmkanälen und der Tochter CNN an Time Warner verkauft und dafür im Tausch Aktien von Amerikas prestigeträchtigem Medienunternehmen bekommen. Statt Eigentümer von CNN war er nun Vizechef des Time-Warner-Konzerns und mit elf Prozent der Aktien dessen größter Teilhaber.

Schon nach wenigen Wochen erkannten die Time-Warner-Manager mit Schrecken, daß Turner sich daranmachte, das Unternehmen kräftig durchzumischen. Er ließ CNN neue Büros in Havanna und Beirut eröffnen und teure Spitzenleute anheuern. Wer nicht spurte, hatte den schmallippigen Texaner am Telefon, eine nicht druckbare Ladung Schimpfwörter inklusive. Und er trompetet zum Angriff auf die Konkurrenz: »Wir werden jedem in den Arsch treten - und wir werden mit Rupert Murdoch anfangen.«

Doch während auf dem Medienmarkt Krieg herrscht, kann der Kämpfer Turner nichts daran ändern, daß es draußen in der Welt etwas ruhiger geworden ist. Den News-Verkäufern ist der Rohstoff abhanden gekommen, und kein noch so aggressiver Bildschnitt kann das wettmachen.

CNN braucht Weltkrisen, am besten amerikanische Soldaten unter Beschuß, feindliche Invasionen, Erdbeben oder einen spektakulären Prozeß wie gegen den einstigen Football-Star O. J. Simpson, bei dem bis zu einer Million Fernseher eingeschaltet wurden.

Vor einigen Jahren noch schien die Welt im Dauerchaos. Im Ostblock fielen Regierungen, Zäune und Mauern, die Bilder gingen um den Globus, oftmals zuerst über CNN. Die Frontberichte der CNN-Reporter aus dem Raketenhagel von Bagdad machten die Station endgültig zur Legende. Turners Kanal wurde zum Vorbild, und seine Reporter waren Helden: Sie waren überall, wo es brannte, und immer die ersten auf Sendung.

Heute rasen die CNN-Heroen wie der im Golfkrieg weltberühmt gewordene Peter Arnett oder Christiane Amanpour noch immer durch die Krisenregionen, auf der Suche nach neuem Granatenhagel. Doch ihre Berichte aus Bosnien, Kurdistan oder Afghanistan locken ebenso wenige Zuschauer wie das Spektakel um die Ausfahrten des Marsfahrzeugs Sojourner.

Wie, so fragen sich die Reporter, sollen wir die Leute vor dem Bildschirm fesseln, wenn das Publikum sich nur noch für Ratschläge über Religion, Geldanlage und Katzenhaltung interessiert?

In den USA ist das Zeitalter der Innenschau angebrochen, Nachrichtenmagazine wie »Time« und »Newsweek« locken ihre Leser mit Titelgeschichten über Mormonen, Buddha oder den neuen konservativen Männerkult der Promise Keepers, die kürzlich in Washington Hunderttausende Anhänger versammelten. Die großen amerikanischen TV-Networks bringen noch immer ihre Nachrichtenshows, doch die füllen sich mehr und mehr mit Haustier-Specials, Beauty-Tips und Gesundheits-Talk. Wird es das bald auch aus Atlanta geben?

»Nein, nein, nein«, schwört Johnson: »Ich werde nie zulassen, daß CNN zu einem Entertainmentkanal verkommt.« Hard news, hard news, hard news, heißt das trotzige Motto, das er und Turner den Redakteuren einhämmern.

Zur Hilfe hat Johnson jetzt den früheren ABC-Star Rick Kaplan angeheuert. Der Fernsehveteran, den sie in Atlanta alle nur den »großen Mann« nennen, weil er tellergroße Hände hat, soll das Programm modernisieren. Jetzt muß er auch noch ein heikles Imageproblem lösen: Daß Turner der Uno eine Milliarde Dollar spendieren will, gilt vielen Amerikanern nicht als Wohltat, sondern als Landesverrat.

Seit seinem Antritt klingelt Kaplan mitten in der Nacht Korrespondenten aus dem Bett und verlangt Nachrichtenstücke für die Morgensendung. Und er versucht, einen der beliebten Anchormen der Konkurrenz mit einem Jahresgehalt in Millionenhöhe nach Atlanta zu locken.

Neue Abendshows, Themensendungen über Geldanlage und Prominente werden von ihm entwickelt. Er will CNN International weiter entamerikanisieren und auch das deutsche Büro ausbauen.

Wenn es sein muß, wird er seine Leute in den Weltraum schießen. Vor einigen Wochen signalisierten Funktionäre der russischen Weltraumbehörde verdutzten CNN-Reportern, daß sie einen Journalisten zur Station Mir mitnehmen wollen. Abgesandte aus Atlanta erkunden, wie lange ein Reporter trainieren muß, um als Astronaut durch den Orbit zu fliegen.

Eine neue Idee von CNN-Talkmeister Larry King wird allerdings selbst Turner nicht realisieren können. »Wer fehlt Ihnen eigentlich noch?« wurde der 63 Jahre alte Entertainer kürzlich gefragt. Die Antwort kam prompt: »Gott. Ein Interview mit Gott wäre das Größte.«

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CNN-Marktanteil in den USA in Prozent

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CNN-Marktanteil in den USA in Prozent

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