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INTERNET Ist die Party vorbei?

Der jungen Online-Wirtschaft droht eine weltweite Pleitewelle: Die meisten E-Commerce-Firmen, die über das Netz Waren anbieten, produzieren vor allem Verluste. Allmählich geht ihnen das Geld aus - selbst Amazon, der Marktführer des Internet-Handels, ist in Gefahr.
Von Mathias Müller von Blumencron
aus DER SPIEGEL 27/2000

Plötzlich leuchten die Scheinwerfer auf, der coole Acid Jazz verstummt, und auf die Bühne trabt Jeff Bezos, den Kopf nach hinten geworfen, die Brust geschwellt, die Arme ausgebreitet. Ein bisschen altmodisch sieht das aus, so wie der Showmaster Vico Torriani seine Fernsehabende in den sechziger Jahren begann. Doch dann greift der Mann zum Mikrofon und redet über die Zukunft des Internet und das Online-Geschäft und wie gut es seinem Kaufhaus Amazon geht, dem größten digitalen Laden der Welt.

So wie letzte Woche in New York pflegt Bezos, vom »Time«-Magazin zum Mann des Jahres ernannt, seine Auftritte im ganzen Land zu inszenieren. Er stürmt wie ein Gewinner auf die Bühne und erzählt, wie er die Konkurrenz das Fürchten lehrte. Und wenn ihn einer nach seinen wachsenden Schulden fragt und wie lange seine Firma noch ohne Gewinn durchhalten wird, grinst er über beide Ohren und antwortet: »Die Frage habe ich ja noch nie gehört.«

Doch während in früheren Jahren Kunden, Investmentbanker und Spekulanten über den kauzigen Gründer noch schmunzelten, beginnt die Stimmung nun zu kippen. Immer größer wird die Gruppe der Zweifler und Mahner, die dem König des Cyber-Commerce ein unglückliches Ende prophezeien.

In US-Talkshows debattieren Investmentbanker und Journalisten, ob das führende Online-Kaufhaus in fünf Jahren noch bestehen wird. Fonds-Manager reduzieren ihre Positionen in Amazon-Aktien. Mit ungewöhnlich scharfen Worten attackierten vor knapp zwei Wochen Analysten der US-Investmentbank Lehman Brothers die Kreditwürdigkeit von Bezos'' Firma. Sie attestierten eine »schwache Bilanz« und einen »negativen operativen Cashflow«, was den Konzern »extrem verwundbar« mache. In einem Jahr schon könnte dem Online-Kaufhaus das Geld ausgehen.

Selbst im Vergleich mit kränkelnden traditionellen Handelskonzernen würde »Amazons Geschäftsmodell in schlechtem Licht stehen«. Die Kreditwürdigkeit sei »schwach« und würde sich weiter verschlechtern. Fazit: »Die Party ist vorbei.«

Der Bericht sorgte nicht nur für einen 19-prozentigen Sturz der Amazon-Aktien und machte den Gründer Bezos in wenigen Stunden um eine Milliarde Dollar ärmer, sondern schürte auch neue Skepsis gegenüber der gesamten übrigen Internet-Industrie.

Wenn es schon um die Anführer der Online-Revolution so schlecht bestellt ist, fragten besorgt Angestellte und Aktionäre, wie sieht es dann bei den übrigen vielen tausend Web-Firmen aus, die in den vergangenen Jahren gegründet worden sind?

Offenbar nicht sehr gut. Experten sagen eine globale Pleitewelle voraus, die einen Großteil der neuen Firmen innerhalb der nächsten Monate ausradieren wird. In Deutschland, so prophezeit eine Studie der Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers, wird 20 der 56 börsennotierten Internet-Firmen in den nächsten drei Jahren das Kapital ausgehen (siehe Seite 90).

Ein ähnliches Schicksal wird nach Berechnungen der US-Marktforscher von Gartner Group rund 85 Prozent der Online-Firmen in Asien und Australien treffen, deren Börsenwerte Spekulanten im vergangenen Jahr um ein Vielfaches nach oben getrieben hatten. Und für die USA warnt das Forrester-Institut, dass bis zum Ende des nächsten Jahres die Mehrheit der Online-Firmen verschwunden sein wird - aufgekauft, ausgeschlachtet oder schlicht abgewickelt.

Noch finden die plötzlich Arbeitslosen rasch neue Jobs, Online-Experten sind weltweit gesucht. So erschienen etwa einen Tag nach einer Massenentlassung beim kalifornischen Video-Online-Laden Reel.com Headhunter von Amazon, nur um festzustellen, dass viele schon eine neue Anstellung hatten. Wertlos sind allerdings Optionen oder Aktien, die etliche als Zusatzlohn für ihre 60-Stunden-Wochen bekommen hatten - in der Hoffnung, dadurch rasch zum Millionär zu werden.

Wie die Autoindustrie in den zwanziger Jahren, als Hunderte von unprofitablen Firmen Pleite gingen oder fusionierten, verliert auch das Internet rasch seine Gründerromantik. Immer deutlicher stellt sich heraus, dass in der E-Economy weitaus härterer Wettbewerb herrscht als in der traditionellen Wirtschaft. Für jedes Geschäftsmodell - ob Jobbörsen, Musikhandel oder Möbelversand - gibt es nur Platz für zwei, drei große Player.

Firmen, die nicht schnell mehr als 20 Millionen Dollar Umsatz machen, werden nach Berechnungen von Analysten schon bald vom Markt verschwinden, weil ihnen die nötige Finanzkraft fehlt, um mit Werbung und Service einen zugkräftigen und unverwechselbaren Markennamen aufzubauen. Etliche schließen sich deshalb zusammen, wie kürzlich etwa die Lebensmittelhändler Webvan und Homegrocer.

Die Online-Welt, in der Shopping-Programme den Kunden automatisch zum günstigsten Händler weisen und die Konkurrenz immer nur ein paar Tastenkommandos entfernt ist, entwickelt sich noch weitaus mehr als die Offline-Welt zu einem Marktplatz der Konzerne, nicht der Boutiquen. Unternehmensberater von McKinsey prophezeien in einer Studie, dass nur wenige unabhängige Online-Firmen jemals profitabel sein werden, dass stattdessen etablierte Konzerne wie etwa der Otto-Versand das neue Medium Gewinn bringend als zusätzlichen Absatzkanal nutzen werden. »Das Internet hat das darwinistischste Geschäftsklima in der Geschichte des Kapitalismus geschaffen«, sagt Jay Whitehead, Chef der kalifornischen Firma Employeeservice.com: »Nirgendwo gehen Firmen derzeit schneller Pleite als in der Online-Welt.«

Überall auf der Welt platzen nun die Träume vom raschen Weg zum Millionärsdasein. Jede Woche werden einstmals hochgejubelte Web-Seiten abgeschaltet, bekommen Angestellte von Internet-Startups ihre »pink slips«, wie die Entlassungspapiere wegen ihrer rosa Färbung in den USA genannt werden. Besonders hart getroffen sind die elektronischen Einkaufszentren, noch vor wenigen Monaten die Lieblinge von Spekulanten und Internet-Enthusiasten.

Der Analyst Henry Blodget von der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch hat unter 300 Online-Handelshäusern gerade fünf mit Gewinn ausgemacht. Viele der übrigen Firmen sind Pleitekandidaten wie das britische Online-Modehaus Boo.com, das im Mai seine 130 Angestellten entließ und schließen musste. Die beiden Gründer Ernst Malmsten und das Ex-Model Kasja Leander hatten innerhalb von einem Jahr rund 135 Millionen Dollar verbraucht, luxuriöse Partys veranstaltet und waren mit Privatjets umhergeflogen, ohne dass es zu nennenswerten Umsätzen gekommen war.

Der Internet-Spielwarenhändler Toysmart.com musste dichtmachen, die Konkurrenz Toytime erwägt die Liquidation, und selbst der Marktführer Etoys konnte sich nur mühsam neue Finanzmittel verschaffen, nachdem der Aktienkurs um 95 Prozent eingebrochen war.

Die Internet-Firma Furniture.com, Spezialist für den Verkauf von Möbeln, entließ fast die Hälfte der Mitarbeiter, BBQ.com, ein Online-Laden mit Rezepten und Gerätschaften für den Grillbedarf, steht vor dem Ende. Der Online-Supermarkt Buy.com ist ebenso gefährdet wie der CD-Händler CDNow, die Apotheke Drugstore.com oder der Sporthändler Fogdog.com.

Weitere Firmen schlossen ihre Abteilungen für den Online-Handel, insbesondere führende Internet-Medienunternehmen, die sich ursprünglich durch E-Commerce ein lukratives Zusatzgeschäft versprochen hatten. Das amerikanische Frauenportal IVillage will auf den Verkauf von Babyaccessoires verzichten, und der Suchservice Altavista auf den Absatz von Filmen, CDs oder Computern. Das Handelsgeschäft hatte sich für alle als zu verlustreich erwiesen.

Der dramatische Rückzug hat viele Gründe. Etliche Shopping-Seiten waren zu langsam und zu mühsam zu bedienen. Oftmals machten sich schlicht zu viele Firmen Konkurrenz, wie etwa ein halbes Dutzend Tierfutterläden. Die Kunden konnten die verschiedenen Firmen nicht einmal mehr auseinander halten. Schließlich aber hatten die meisten Online-Unternehmer schlicht die Schwierigkeiten des Handelsgeschäfts unterschätzt, schon in der Offline-Welt eine der mühsamsten Arten des Geldverdienens.

An Chancen mangelt es nicht. Das weltweite Online-Konsumgeschäft, so sagt der Internet-Analyst Blodget voraus, werde von 45 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr auf 600 Milliarden im Jahr 2005 steigen - trotz Pleitewelle und Börsenkater.

Wie sehr selbst Marktführer wie Amazon gefährdet sind, ist ungewiss. Etliche Analysten geben der Firma zusammen mit dem Online-Auktionshaus eBay die größten Überlebenschancen unter den Internet-Konzernen.

Die operativen Verluste sinken, der Umsatz pro Kunde steigt. Im nächsten Jahr sollen fast fünf Milliarden Dollar mit Büchern, CDs und Gartengeräten umgesetzt werden. Doch der Amazon-Aufbau, von »Time« als eine der »smartesten Strategien in der Unternehmensgeschichte« gepriesen, hat seit dem Börsengang 1997 rund 2,8 Milliarden Dollar Investorengeld verschlungen. In der gleichen Zeit erwirtschaftete die Firma einen Umsatz von 2,9 Milliarden. Das bedeutet, dass jedem bisher eingenommenen Dollar 97 Cent an Schulden gegenüberstehen. »Wir haben gehofft, eine kleine profitable Firma zu bauen«, musste selbst Gründer Bezos kürzlich einräumen, »stattdessen haben wir eine große unprofitable Firma gebaut.«

Einige Kritiker sprechen eine deutlichere Sprache: »Das Spiel von Amazon war es, Geld einzusammeln, es für Anzeigen auszugeben, neue Junk Bonds zu verkaufen und damit die Wall Street zu beglücken«, sagt Joan Lappin, Präsident der amerikanischen Fonds-Firma Gramercy Capital: »Kein Analyst durfte die Wahrheit sagen, weil die Investmentbanken Angst hatten, dann nicht an den Geschäften teilzuhaben.«

Das Vorbild Amazon sorgte für eine regelrechte Schuldenkultur in der Online-Szene. Nur wenige Investmentbanker, Analysten und Spekulanten scherten sich um die Gewinnaussichten der Start-ups. Die meisten steckten leichtfertig Millionen in neue Firmen mit zweifelhaften Geschäftsplänen: Je höher die geplanten Schulden, umso höher der Börsenkurs.

Vergangene Woche lief Firmengründer Bezos durch Manhattan, um bei Kunden, Investmentbankern und Anlegern für sein Kaufhaus zu werben. Im Börsensender CNBC beschimpfte er den Lehman-Bericht als »Schweinefutter«. Auf der Computer-

messe PCExpo verspottete er seine Kritiker: »Wir waren schon einmal für ein Paar Monate profitabel. Das war im September 1995, und es war unser größter Fehler bis heute.«

Analysten rechnen damit, dass der gesamte Konzern in zwei Jahren profitabel ist. Auch mit dem Cash-Verbrauch soll es ein Ende haben, die Reserven von einer Milliarde Dollar will Bezos sogar weiter auffüllen: »Keine Firma schert sich mehr um Profit als Amazon«, sagt der Gründer. »Nur meinen wir, dass wir erst einmal investieren müssen.«

Das ist offenbar auch in Deutschland nötig. Die Expansion kommt nur zögernd voran, Geschäftschancen werden vertan. Während ein halbes Dutzend deutscher Spielzeug-Online-Läden das Weihnachtsgeschäft zum Start nutzten, wurden die Amazon-Manager nicht rechtzeitig mit ihrer Spielzeugecke fertig. Obendrein wechselten in kurzer Zeit zweimal die Geschäftsführer.

Derweil gibt es bereits erste Web-Seiten, die sich der neuen Pleitewelle widmen - auf sehr unterschiedliche Weise. Bei Startupfailures.com treffen sich Geschasste zum Erfahrungsaustausch. Der 24 Jahre alte New Yorker Philip Kaplan dagegen richtete kürzlich die Seite Fuckedcompany.com ein. Dort können Internet-User Entlassungen, Lohnkürzungen und Schließungen in ihrer Online-Firma öffentlich machen oder auf die nächste Pleitefirma wetten. Seit diesem Monat gibt es sogar Geld für den Gewinner.

MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON

* Mit Model Claudia Schiffer bei der 50-Jahr-Feier desOtto-Versands am 28. August 1999 in Hamburg.

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