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LEHRSTELLEN Ist recht

Zehntausende von Schulabgängern werden keinen Ausbildungsplatz bekommen. Ein neues Bonner Hilfsprogramm ist zu dürftig. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Noch Anfang des Monats verbreitete Bundesbildungsministerin Dorothee Wilms Optimismus. Entgegen »politisch motivierten Horrormeldungen« werde es in diesem Jahr keine Ausbildungskatastrophe geben: Die Wirtschaft werde es schon schaffen.

Helmut Kohl ist da inzwischen nicht mehr so sicher. Rund 60 000 bis 70 000 junge Leute (im Vorjahr waren es 47 000) würden am Ende des Berufsberatungsjahres zum 30. September ohne Lehrstelle bleiben, schätzte der Kanzler vor der CDU/CSU-Fraktion. »Da müssen wir was tun«, erkannte Kohl.

Mit seinen Zahlen dürfte der Kanzler richtigliegen. Zwar werden in diesem Jahr noch einmal 10 000 bis 20 000 Lehrverträge mehr als im vergangenen Jahr (678 000) geschlossen. Aber gleichzeitig stieg auch die Nachfrage: Etwa 760 000 Schulabgänger bewerben sich um einen Platz.

So entschließen sich immer mehr Abiturienten, lieber in die Lehre zu gehen statt auf eine überfüllte Uni. Größer wird auch die Zahl der Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren zunächst mit weiterbildenden Kursen vertröstet wurden und nun auf einen Ausbildungsplatz pochen.

In diesem Jahr, so wissen die Berufsbildungsexperten, werden schon wieder 35 000 Lehrstellensuchende in Fortbildungskurse abgeschoben. Die hat der Kanzler in seinen Berechnungen noch gar nicht mit drin. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Bremen fehlen Ausbildungsplätze. Von den im gesamten Bundesgebiet Ende August noch unversorgten 129 000 Lehrstellenbewerbern stammen 40 000 allein aus Nordrhein-Westfalen.

Wohltuende Appelle der Politiker werden da wenig bewirken. »Die Ausbildungsleistungen der Groß- und Mittelbetriebe sind nach wie vor unbefriedigend«, warnt der bildungspolitische Sprecher der CDU im Bundestag Klaus Daweke. Wenn sich das nicht bald ändere, gerate die Union immer mehr unter politischen Druck, die Ausbildung über eine vom Staat angeordnete betriebliche Umlage zu finanzieren. So haben die Bonner sich entschlossen, doch nicht allein auf die Anstrengungen der Wirtschaft zu vertrauen und mit staatlichen Mitteln nachzuhelfen. Doch was die Bundesregierung für die stellungssuchenden Jugendlichen tatsächlich tun will, ist mehr als dürftig: Nur etwa 15 000 Bewerber bekommen eine Chance.

Es ist ein Programm vor allem für die schwierigen Fälle. Rund 3000 lernschwache Schulabgänger sollen mit Hilfe staatlicher Zuschüsse in Firmen und überbetrieblichen Ausbildungsstätten untergebracht werden. Dafür stehen 60 Millionen Mark zur Verfügung.

Weitere 5000 Lehrstellenbewerber sollen sich nochmals mit einjährigen berufsvorbereitenden Lehrgängen begnügen und so die Statistik schönen. Die Bundesanstalt für Arbeit wird die Kurse finanzieren.

Im Rahmen des sogenannten Benachteiligtenprogramms will Bonn darüber hinaus bei halbstaatlichen Einrichtungen 7000 Plätze schaffen. Als benachteiligt sollen künftig nicht nur Lernschwache, Behinderte und Ausländer gelten, sondern auch Mädchen sowie Lehrstellenbewerber in strukturschwachen Regionen. Für dieses Programm will Dorothee Wilms hundert Millionen Mark bereitstellen.

Mehr möchte Finanzminister Gerhard Stoltenberg, der mit nahezu besessenem Eifer allein die Konsolidierung seines Etats verfolgt, für die Lehrlinge nicht bewilligen. Die Bildungsministerin hat dem Kollegen den Ernst ihrer Probleme wohl nie so recht klarmachen können. Sie nahm widerspruchslos hin, daß der sonst so sparsame Finanzminister im Sommer plötzlich drei Milliarden für die Bauern übrig hatte. Sie meldete keine Ansprüche an, als klar wurde, daß die Bundesanstalt für Arbeit in diesem Jahr den Bonner Zuschuß in Höhe von 1,7 Milliarden Mark nicht benötigt.

Frau Wilms selbst scheint die Schwierigkeiten der Schulabgänger keineswegs als dramatisch einzustufen: Sie spart im eigenen Ressort fleißig mit.

Ein Sonderprogramm, das im vergangenen Jahr für etwa 700 Jugendliche begonnen wurde, will sie nicht fortsetzen:

Die Bildungsministerin befürchtet, daß staatliche Eigenanstrengungen die Bemühungen der Wirtschaft dämpfen könnten. Lange genug hat sie deshalb ihre jüngsten bescheidenen Pläne, die sie in diesen Tagen verkünden will, zurückgehalten.

Das käme alles viel zu spät, meint der Präsident des Landesarbeitsamts von Nordrhein-Westfalen, Olaf Sund. Viele Jugendliche hätten wegen der vielen Absagen in diesem Jahr frustriert aufgegeben und ihre Bewerbung zurückgezogen, manche hätten sich auch schnell entschlossen, doch weiter zur Schule zu gehen.

Weil von der Bundesregierung offenbar keine Hilfe mehr zu erwarten ist, suchen Gewerkschaften und Verbände inzwischen nach anderen Wegen. So schlugen die IG Chemie und die IG Bau-Steine-Erden vor, die Handels- und Handwerkskammern sollten in ihren Bezirken bei den Betrieben, die nicht ausbilden, per Umlage Geld eintreiben. Damit könnten dann Anreize für die Ausbildung von Lehrlingen geschaffen werden.

Die Bundesregierung war sofort von der Idee angetan. »Wenn die Tarifpartner das machen«, so der Parlamentarische Staatssekretär Wolfgang Vogt vom Bundesarbeitsministerium, »ist uns das sehr recht.«

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