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25. Februar 2011, 15:56 Uhr

Italienisch-libysche Beziehungen

Handkuss für den Diktator

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Kein EU-Land ist wirtschaftlich und politisch so eng mit Libyen verflochten wie Italien. Man tauschte Öl, Gas und Geld gegen Waffen und politischen Beistand. Doch nun fürchtet die Regierung in Rom den einstigen Freund Gaddafi. Denn die Deals mit dem Diktator könnten das Land teuer zu stehen kommen.

Florenz - Das war eine wahre Männerfreundschaft! Muammar al-Gaddafi, der selbsternannte "Revolutionsführer" Libyens lud seinen "amico" aus Rom, Regierungschef Silvio Berlusconi, sogar in seinen Harem ein und lehrte ihn "Bunga Bunga"-Sexspielchen. Berlusconi revanchierte sich auf seine Weise. Er küsste beim Treffen arabischer Staatschefs im libyschen Sirte im vorigen Frühjahr dem "Rais" zur Begrüßung die Hand - eine Geste, wie sie sonst nur dem Papst widerfährt.

Lange hielt der Italiener seinem transmediterranen Kumpel die Treue. Noch vergangene Woche, als Gaddafi daheim schon demonstrierende Bürger niederschießen und bombardieren ließ, weigerte sich Berlusconi, ein kritisches Wort zu sagen. Italien blockierte noch diesen Montag EU-Maßnahmen gegen das Morden in Tripolis. Erst als Washington im Laufe der Woche mächtig Druck machte - mehrfach rief US-Außenministerin Hillary Clinton in Rom an - knickte Berlusconi ein. Dann aber total: Gaddafi sei verrückt, zitiert ihn die römische Tageszeitung "La Repubblica", womöglich werde der sogar Raketen gen Italien schießen.

Der Schaden für Italien ist auch ohne Gaddafis Rache immens. In der Wirtschaft herrscht Alarmstimmung. Libyen ist nicht nur Rohstofflieferant und wichtiger Abnehmer für italienische Produkte, sondern auch Mitbesitzer vieler italienischer Unternehmen. Bei Unicredit, der größten Bank des Landes, ist der Wüstenstaat mit 7,2 Prozent mächtigster Aktionär. Vizepräsident der Großbank ist deshalb ein Libyer, der erste Mann der Zentralbank in Tripolis, Farhat Bengdara. Er ist derzeit freilich unauffindbar. Man habe keinen Kontakt zu Bengdara, berichtete Unicredit-Präsident Dieter Rampl.

Auch beim Technologie- und Waffenkonzern Finmeccanica ist Libyen Mitbesitzer, ebenso beim Energieriesen Eni. Und selbst vom traditionsreichen Fußballclub Juventus Turin gehören dem nordafrikanischen Land etwa sieben Prozent. Die Anteile der Libyer scheinen eher gering - bei Finmeccanica sind es nur zwei Prozent, bei Eni kaum mehr. Die Bedeutung liegt in der wechselseitigen Abhängigkeit, die sich dahinter verbirgt.

Italiens Energiepreise schießen in die Höhe

Beispiel Eni (an den Tankstellen als "Agip" präsent): Der einstige Staatsbetrieb hat über 50 Milliarden Dollar in die Exploration und die Förderung von Öl und Gas in Libyen investiert. Weitere Milliarden sollten eigentlich in den nächsten Jahren folgen. "Das Schicksal von Libyen und Eni hängt zusammen", sagt der römische Außenwirtschaftsexperte Nicolo Sartori .

Aber womöglich nicht nur das Schicksal von Eni: Ein Viertel des italienischen Rohölbedarfs, ein Zehntel seiner Gasimporte kommen aus Libyen. Doch die Gaspipeline "Greenstream" von Libyen nach Sizilien, eine der Hauptgasleitungen für ganz Europa, ist seit ein paar Tagen leer. Auf kurze Sicht sei das kein Problem, sagen die italienischen Importeure. Aber was, wenn es länger dauert? Ein großer Teil des Stroms kommt aus gasbefeuerten Kraftwerken. Auch der Ölexport aus Libyen ist einstweilen ausgesetzt. Die Folge: Italiens Energiepreise, ohnehin schon im europäischen Spitzenfeld, schießen weiter in die Höhe.

Fünf Milliarden Euro spendierte Berlusconi, kaum war er 2008 im Amt, seinem Amtsbruder in Tripolis zum Abschluss eines Freundschaftsvertrags. Das Geld, gedacht als Ausgleich für Italiens einstige Kolonialherrschaft, sollte zum Beispiel in Straßen und Schienennetze investiert werden. Es werde aber, versprach Gaddafi, in Form von Aufträgen an italienische Baufirmen und Ausrüstungshersteller zurückfließen.

So lief es oft. Beide Länder investierten kräftig im jeweils anderen und zogen Nutzen daraus. Schon lange vor Berlusconis Zeiten, 1976, rettete Gaddafi den in der Ölkrise schwer angeschlagenen Fiat-Konzern mit einer Milliardenspritze. Ihm gehörten damit 15 Prozent des Autobauers - aber nur zehn Jahre. Dann drängten die Italiener ihn zum Verkauf seiner Aktien. Der Mann galt in vielen Teilen der Welt als Terrorist - das war schlecht fürs Automobilgeschäft. Aber Gaddafi nahm es den Geschäftspartnern nicht einmal sonderlich übel.

"Der libysche Staatschef ist notorisch launenhaft"

Die Beziehungen zwischen Italien und Libyen interessierten auch die USA. In Botschaftsdepeschen hielten Diplomaten die Regierung in Washington auf dem Laufenden. Den Berichten zufolge ging Gaddafi mit seinen Allüren den italienischen Geschäftsfreunden teils ordentlich auf die Nerven.

In einer Depesche aus dem Jahr 2006 berichten US-Diplomaten von Sorgen der italienischen Exportkreditagentur über Gaddafis "unberechenbare Wirtschaftspolitik" und bürokratische Hürden in Libyen. "Der libysche Staatschef ist notorisch launenhaft und neigt zu plötzlichen Kehrtwenden", fassen die Diplomaten die Klagen der Italiener zusammen. Doch die Abhängigkeit Italiens von libyschem Öl und Gas werde dafür sorgen, dass die Handelsbeziehungen der beiden Länder trotz aller Probleme fortbestehen, analysierten sie trocken.

Der Diktator drohte - und Berlusconi spurte

Wie sehr der Diktator die italienische Regierung im Griff hatte, zeigt eine Depesche aus dem Jahr 2009. Damals besuchte Gaddafi Rom. Er hatte seit seiner Machtübernahme 1969 vier Jahrzehnte ausharren müssen, ehe Italien sich bereit zeigte, ihn als respektablen Staatsgast zu begrüßen. Die Entourage von Gaddafi brauchte damals vier Flugzeuge und 446 Visa, berichteten die Italiener damals an die US-Diplomaten. Die Büros von Berlusconi und Gaddafi hatten das Besuchsprogramm demnach in direkter Absprache vorbereitet.

Berlusconi habe jedoch am Tag der Ankunft unter schrecklichen Rückenschmerzen gelitten, kabelten US-Diplomaten nach Washington. Als Gaddafi im Anflug auf Rom erfuhr, dass Berlusconi nun doch nicht zum Flughafen kommen werde, um ihn persönlich in Empfang zu nehmen, drohte er mit der Umkehr nach Tripolis. Berlusconi spurte. Er ließ sich eine Kortisonspritze geben und schleppte sich an den Flughafen - obwohl er vor Schmerzen fast zusammenbrach, wie es in der Depesche heißt.

Es war eine sehr lange, intensive Freundschaft der beiden Staatsführer. Nun ist sie erst einmal vorbei. Die Aufständischen hätten italienische Waffen bekommen, erregte sich Gaddafi diese Woche beim Telefonat mit Berlusconi. Der wies das weit von sich und seinem Land. Trotzdem fürchtet er nun Revanche-Attacken seines Ex-Kumpels.

Italien fürchtet Rache an Landsleuten

Etwa zehntausend Italiener leben in Libyen, nur die wenigsten wollen dort weg. Sie könnten schnell zur Zielscheibe des rachsüchtigen Despoten werden, fürchtet man in Rom. Auch könnte das Gaddafi-Regime die Hafentore weit öffnen und Hunderttausende Flüchtlinge auf den Seeweg nach Italien schicken.

Italiens Wirtschaftsbosse fürchten noch etwas ganz anderes. Wenn die Tyrannen-Clique vertrieben und Libyen ein anderes Land geworden ist, könnte das enge Verhältnis zu Gaddafi im Nachhinein ein ökonomisches Fiasko auslösen: Das neue Libyen könnte seine Finanzinvestitionen aus Italien abziehen und "Made in Italy"-Produkte boykottieren. Das würde "Bella Italia" in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzen.

Mitarbeit: Maria Marquart

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