Italiens Notenbank Neuer Chef kommt von Goldman-Sachs

Dem Skandal umwitterten Chef der italienischen Notenbank, Antonio Fazio, wird wohl niemand lange nachtrauern. Mit dem Goldman-Sachs-Manager Mario Draghi wurde ein Nachfolger nominiert, der international höchstes Ansehen genießt.


Rom - Draghi wurde heute von der italienischen Regierung für den Posten nominiert. Er muss nun noch von Präsident Carlo Azeglio Ciampi formell ernannt werden. Das oberste Gremium der Notenbank hatte sich bereits für den 58-Jährigen ausgesprochen, wie die Nachrichtenagentur Reuters von Ratsmitgliedern erfuhr. Draghi ist seit Januar 2002 Managing Director bei der US-Investmentbank Goldman Sachs.

Goldman-Sachs-Manager Draghi: Unterstützung vom Rat der Notenbank
REUTERS

Goldman-Sachs-Manager Draghi: Unterstützung vom Rat der Notenbank

Draghi wird als Gouverneur der Bank von Italien auch dem 18-köpfigen Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) angehören und somit über die Zinsen in der Euro-Zone mitbestimmen. Beobachter schätzen ihn als Pragmatiker ein. Fazio hatte sich so gut wie nie öffentlich zum Thema Zinsen geäußert. Auch was Übernahmen in Italien durch ausländische Firmen betrifft, rechnen Beobachter damit, dass Draghi weitaus offener eingestellt sein wird als sein Vorgänger.

Sollte Draghi das Amt übernehmen, würde er ein Mandat für zunächst sechs Jahre erhalten. Bislang war der Notenbank-Chef in Italien auf Lebenszeit ernannt worden. Nach dem Wirbel um Fazio wurde jedoch ein neues Gesetz mit der Änderung erlassen. Fazio war wegen seiner Rolle im Übernahmekampf um die italienische Banca Antonveneta massiv unter Druck geraten und hatte seinen Posten am 19. Dezember nach monatelangem Tauziehen schließlich geräumt. Ihm werden unter anderem Parteilichkeit, Amtsmissbrauch und Insiderhandel vorgeworfen. Die Anschuldigungen hatte er allerdings stets zurückgewiesen.

Sein voraussichtlicher Nachfolger genießt Unterstützung sowohl von der Regierungskoalition unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi als auch von der Opposition. Hohes Ansehen in der internationalen Finanzwelt hat er sich durch seine Tätigkeiten bei der Weltbank, der OECD und der Europäischen Investitionsbank verschafft. Eine weitere Station auf seiner Karriereleiter war die Inter-Amerikanische Entwicklungsbank.

Draghi hat Italien sowohl bei der Gruppe der sieben führenden Industriestaaten als auch auf EU-Ebene vertreten. Zudem war der Volkswirtschafts-Professor von 1991 bis 2001 Staatssekretär im Finanzministerium und trieb auf diesem Posten Reformen vor dem Beitritt seines Landes zur Euro-Zone massiv voran. Auch setzte er sich für eine weitere Privatisierung im Energie-, Banken- und Telekommunikationssektor ein.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.