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WERBUNG Ja zum Risiko

Die jüngste Reemtsma-Werbung soll Rauchern den Rücken stärken. Sie könnte eine neue Debatte über Zigarettenreklame auslösen. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Keine Sprüche von Freiheit und Abenteuer und dem Genuß im Stil der neuen Zeit - unter den bunten Bildern fröhlich rauchender Menschen, mit denen der Hamburger Zigarettenkonzern Reemtsma für seine Leichtmarke R 1 Reklame macht, steht nur ein Satz: »Ich rauche gern!«

Na endlich. Die Botschaft ist Deutschlands gequälten Rauchern aus der Seele gesprochen. Als Autoaufkleber - rotgedruckt auf kreisrundem Weiß - findet der Spruch reißenden Absatz. Jugendliche tragen ihn provokativ auf der Schultasche mit sich herum, an Arbeitsplätzen wird der Sticker von Rauchern trotzig auf Werkbänke und Schreibtische gepappt.

Zunehmend nämlich fühlen sich die Zigarettenhersteller und ihre Kunden diskriminiert. Militante Nichtraucher reiben ihnen immer wieder unter, wie schädlich doch der Tabak sei. Rauchen, einst Inbegriff weltmännischer Lebensart, ist zum Makel geworden. Wer raucht, gilt oft als Schwächling, unfähig, vom Laster loszukommen.

Die mächtigen Tabakkonzerne mußten es hinnehmen, daß Krankenkassen und Behörden mit Sprüchen wie »Wer küßt schon gerne Nikotin« die Raucher verunsicherten.

Die Industrie gab nach und bot verstärkt Marken mit niedrigen Nikotin- und Kondensatwerten an. Aber das Argument, Rauchen sei ungesund, macht weiter zu schaffen.

In einer solchen Situation kommt den angegriffenen Rauchern der Trost von den Plakatwänden gerade recht. »Das stärkt uns Rauchern die Lungenflügel«, frohlockte ein Kolumnist der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. »Wir wollen uns nicht mehr alles gefallen lassen. Nichtraucher, wir kommen!«

Die Kampfansage ist bereits verstanden worden. Die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher (AgV) in Bonn reagierte verärgert auf die R 1-Werbung. Der Slogan »Ich rauche gern!«, so AgV-Sprecher Thomas Schlier, heiße ja nichts anderes als: »Sag ja zum gesundheitlichen Risiko!«

Pfeifenraucher Schlier will Bundesregierung und Parteien auffordern, gegen die »geschmacklose Kampagne« vorzugehen. Für Reemtsma und die Hamburger Werbefirma Scholz & Friends, die für R 1 auf Litfaßsäulen, an Plakatwänden und in Zeitschriften die Werbung besorgt, wäre es nicht das erste Mal, daß sich die Bundesregierung mit ihrer Zigarettenreklame beschäftigt.

Bereits vor zweieinhalb Jahren hatte Gesundheitsminister Heiner Geißler, kaum im Amt, die Werbeleute und ihre Auftraggeber öffentlich gerügt: In Reval-Anzeigen waren neben der Zigarettenpackung in ländlicher Idylle auch Brot, Wurst und Käse abgebildet - unter der Devise: »In meinem Haus muß alles schmecken.«

Das sei, so fand die Geißler-Behörde, mit dem Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz unvereinbar - für Wurst und Tabak dürfte nicht gleichzeitig geworben werden.

Der Bonner Zentralausschuß der Werbewirtschaft (ZAW) und einige Zigarettenhersteller sehen die neue Kampagne ebenfalls mit gemischten Gefühlen. Sie befürchten, ein öffentlicher Streit über die R 1-Reklame könnte abermals die Diskussion über weitere Einschränkungen der Tabakwerbung in Gang bringen.

»In Bonn sitzen Leute«, klagt ein Zigarettenmanager, »die nur auf solche Gelegenheiten warten, um sich ins Gespräch und uns wieder ins Gerede zu bringen.«

Erst vor einem knappen halben Jahr hatte in Bonn ein öffentliches Hearing zum Thema Zigarettenwerbung für Schlagzeilen gesorgt. Die Forderungen gingen bis zum totalen Werbeverbot für Tabakwaren.

Bei Reemtsma allerdings denkt niemand daran, den umstrittenen Slogan aus Plakaten und Anzeigen herauszunehmen. Die Werbeaussage, witzelt ein Marketing-Mann, stimme ja wohl: »Raucher rauchen doch gerne, oder?«

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