Fischer-Streit im Ärmelkanal "Hilfe, die Franzosen greifen an!"

Der Streit zwischen französischen und britischen Fischern ist eskaliert: Der jüngste Zusammenstoß könnte aber nur ein Vorgeschmack auf das sein, was bald droht - wenn Großbritannien im Zuge des Brexits aus der EU-Fischereipolitik aussteigt.

France3/Reuters

Die Spuren der Seeschlacht sind nicht zu übersehen: Der Bug der "Honeybourne III" ist an mehreren Stellen zerbeult, ein Teil der blauen Farbe ist abgeblättert. Das 30 Meter lange Muschel-Fischerboot liegt im Industriehafen von Shoreham, einer Kleinstadt rund eine Autostunde südlich von London.

Die Schrammen und Beulen stammen von den schwersten Zusammenstößen zwischen britischen und französischen Fischern seit Jahren. Ende August konfrontierten in den frühen Morgenstunden drei Dutzend französische Fischerboote die "Honeybourne III" und vier weitere britische Fischerboote vor der Küste der Normandie. Auf Aufnahmen von dem Vorfall ist zu sehen, wie das Deck der "Honeybourne III" während der Attacke von Qualm verhüllt war. Die französischen Fischer haben Nebelfackeln auf die britischen Schiffe geworfen. Signalraketen schossen über das Wasser. Es flogen Steine und - glaubt man den britischen Fischern - Glasflaschen mit Diesel.

"Ich war unten und habe geschlafen, als jemand von der Crew herunterkam und sagte: 'Wir brauchen Hilfe, die Franzosen greifen an!'", sagt Stuart, eines der Besatzungsmitglieder. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. Stuart ist blond, Ende 30 und spricht mit schottischem Akzent. Seine beiden Arme sind tätowiert.

An Deck habe er ein surreales Bild vorgefunden, erzählt Stuart weiter: "Das hat ausgesehen wie eine Szene aus 'Apocalypse Now'. Überall Rauch, überall Boote. Es wurden Beleidigungen geschrien, die haben mit Sachen geworfen. Das war einfach nur verrückt."

Die Briten fischten legal

Die Zusammenstöße spielten sich in der Baie de Seine ab, rund zwölf Seemeilen vor der Küste der Normandie. Die Region ist einer der weltweit ertragreichsten Fischereigründe für Jakobsmuscheln. Der Streit zieht sich bereits lange hin. Nach einigen Jahren relativer Ruhe ist er jetzt erneut voll entfacht.

Im Kern geht es um die Frage, wer wann und wo nach den teuren Jakobsmuscheln fischen darf. Rein rechtlich gesehen haben die britischen Fischer nichts Falsches gemacht: Sie haben außerhalb der französischen Hoheitsgewässer gefischt, die zwölf Seemeilen weit ins Meer reichen. Die sogenannte Ausschließliche Wirtschaftszone, die an diese Hoheitsgewässer anschließt und 200 Seemeilen weit ins Meer reicht, teilen sich die EU-Staaten gemäß der Gemeinsamen Fischereipolitik untereinander auf. Zwar gelten auch da Vorgaben, Einschränkungen und Fangquoten. Daran hindern, dort zu fischen, wo es die "Honeybourne III" getan hat, konnten ihre französischen Kollegen sie zumindest rechtlich betrachtet nicht.

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Jakobsmuscheln: Seeschlacht im Ärmelkanal

Viele Fischer in der Normandie sind stinksauer. Sie werfen ihren britischen Kollegen vor, die Bestände an Jakobsmuscheln zu "plündern". Dimitri Rogoff, Chef der regionalen Fischereiorganisation CRPMEM, sagte der BBC, die britischen Fischer verhielten sich, als sei die Region eine "offene Bar": "Die fischen, wann sie wollen, wo sie wollen und so viel wie sie wollen." Und: Jakobsmuscheln seien in der Region "ein hochgradig sensibles Thema".

Ein Teil der Identität

Die teuren Jakobsmuscheln sind in Frankreich nicht nur eine geschätzte Delikatesse. Für viele Bewohner der Normandie ist sie eng mit ihrer regionalen Identität verknüpft. Lokale Fernsehsender berichten regelmäßig darüber, wenn die Delikatessen nach den Fangverboten im Sommer wieder im Handel erhältlich sind.

Diese Fangverbote sind der Aspekt des Streits, der für das meiste böse Blut sorgt: Französische Fischer dürfen gemäß französischem Recht zwischen dem 15. Mai und dem 1. Oktober keine Jakobsmuscheln fangen. Das soll sicherstellen, dass sich die Bestände erholen können. Für britische Fischer gilt diese Vorgabe nicht.

Das hat 2012 schon einmal zu gewaltsamen Zusammenstößen auf hoher See geführt. Daraufhin einigten sich Vertreter von Fischereiverbänden auf beiden Seiten des Kanals darauf, dass kleinere britische Boote auch in der Schonzeit vor der französischen Küste Jakobsmuscheln fangen durften. Große Boote - wie die "Honeybourne III" - sollten wegbleiben. Das ging eine Weile gut.

Doch dann häuften sich Beschwerden, wonach zu viele der kleineren britischen Boote in die Gewässer vor der Küste der Normandie gekommen seien. Es kam zum Streit. Das Abkommen, das seit 2012 oberflächlich für Ruhe gesorgt hat, wurde in diesem Jahr nicht verlängert. Die "Honeybourne III" und einige weitere große Boote setzten Kurs auf die Küste vor der Normandie.

"Das war verrückt"

Stuart von der "Honeybourne III" räumt ein, dass er den Ärger seiner französischen Kollegen nachvollziehen kann. "Aber das, was sie gemacht haben, war extrem. Was wir gemacht haben, war absolut legal. Was die gemacht haben, war verrückt."

Rund zweieinhalb Stunden nach Beginn der Konfrontation auf hoher See kam es zum gefährlichsten Moment: Die "Honeybourne III" rammte ein kleineres französisches Boot und brach so den Belagerungsring auf, den die französischen Fischer gebildet hatten.

Die Aufnahmen des gefährlichen Vorfalls sorgten in beiden Ländern für Entsetzen. Die Version der britischen Besatzung dazu lautet: "Die haben Nebelfackeln und Glasflaschen voller Diesel auf unser Boot geworfen, auch Steine. Man konnte nicht an Deck gehen. Jemand von der Crew hätte verletzt werden können. Also mussten wir uns den Weg freimachen." Die Sicherheit der Besatzung sei gefährdet gewesen. Die französische Küstenwache, die bis zu diesem Zeitpunkt nur zugeschaut habe, habe ihr Boot erst danach von den französischen Booten weg eskortiert. Mindestens zwei weitere britische Boote liefen mit eingeworfenen Fensterscheiben in britischen Häfen ein.

Branchenvertreter von beiden Seiten trafen sich daraufhin zu eilig angesetzten Verhandlungen. Doch die endeten vor wenigen Tagen ohne Einigung.

Anliegen für Brexit-Hardliner

Die Situation entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn eigentlich sind es in aller Regel britische Fischer, die darüber klagen, dass Boote aus anderen EU-Staaten zu viel in ihren Gewässern fischten. Das Thema stand im Vorfeld des EU-Referendums ganz oben auf der Liste der Brexit-Befürworter. Nicht ganz ohne Grund: Denn mehr als die Hälfte des vor den britischen Küsten gefangenen Fischs geht mittlerweile in die Netze von Fischern aus anderen EU-Staaten. 2015 haben Boote aus EU-Staaten in britischen Gewässern sechsmal mehr Fisch gefangen als britische Fischer in den Gewässern anderer EU-Staaten. Dänische Fischer etwa machen heute rund 40 Prozent ihres Fangs innerhalb der 200-Seemeilen-Zone um Großbritannien.

Daher könnten die Zusammenstöße vor der französischen Küste ein Vorgeschmack auf das gewesen sein, was bald kommen könnte. Denn die wirklich großen Auseinandersetzungen drohen, wenn Großbritannien aus der Gemeinsamen Fischereipolitik der EU aussteigt. Und diesen Ausstieg strebt die Regierung in London an. Sollten die Brexit-Verhandlungen scheitern und Großbritannien die EU ohne ein Abkommen verlassen, könnte das sogar schon in wenigen Monaten geschehen.

"Alle Fischer, die ich kenne, möchten, dass wir die EU verlassen", sagt auch Stuart von der "Honeybourne III". "Denn dann bekommen wir die Kontrolle über unsere eigenen Gewässer zurück." Dass er und seine Kollegen dann nicht mehr in französischen Gewässern fischen dürften, würde er in Kauf nehmen. "Das ist in Ordnung. In der Nordsee gibt es mehr Fisch als je zuvor."

Bis es so weit ist, möchte der Besitzer seines Boots aber offenbar nicht von den lukrativen Fischzügen vor der französischen Küste absehen. "Wir werden weiter in französischen Gewässern fischen", sagt Stuart. Bereits am nächsten Tag ist die "Honeybourne III" wieder vor der französischen Küste.

Im Video: Brexit - Die Ängste der englischen Fischer

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the_rover 17.09.2018
1. Cod Wars
Die Cod Wars vor Island in den Jahren 1958 bis 1975 haben die Briten verloren. Möglicherweise soll jetzt das Traume aufgearbeitet werden ...
Tevje 17.09.2018
2. Die Briten
sollen ihre neuen Kabeljau-Kriege führen, mit wem sie wollen, sie sollen aber die Jakobsmuscheln den Franzosen überlassen. Die können sie besser zubereiten und außerdem sind sie da billiger! Grenzlinie mitten durch den Kanal ziehen und fertig.
grain 17.09.2018
3. Völlig ok
Ich wünschte mir, wir hätten soviel Arsch in der Hose wie die Franzosen und würden nicht immer hilflos wie kleine Kinder in der Ecke rumstehen. Die Franzosen verstehen es ihre berechtigten Belange zu verteidigen. Dranbleiben, ihr macht das gut !
rieberger 17.09.2018
4. Eindeutige Rechtslage
Wenn es legal ist, dass die britischen Fischer dort fischen, dann sind die Franzosen im Unrecht. Bei Streitigkeiten wird dann die Gestzeslage bemüht werden müssen, die wohl zu Gunsten der Briten entscheiden muss. Die Frage stellt sich mir nur, wie verbindlich ist die Rechtslage und wie wird sie durchgesetzt werden bzw. wie werden Sanktionen durchgeführt werden, wenn eine Seite gegen ein Urteil verstößt? Die Parteien sollten sich an einen Tisch setzen, miteinander reden und eine Regelung finden. Wenn sie es nicht selber machen, werden es andere richten müssen.
brooklyner 17.09.2018
5.
Die Situation ist ja wohl klar wie Kloßbrühe. Die französischen Fischer halten sich an die Schonzeit, die gedacht ist, dass sich die Bestände einigermassen nachhaltig erholen. Die Briten sind ganz schlau und halten sich nicht daran und versauen den Franzosen durch asoziales Verhalten ihr Konzept. Natürlich können darüber teure Winkeladvokaten brüten, aber die Sache ist zumindest für den gesunden Menschenverstand glasklar.
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