Japan Wer Steuern zahlt, wird beschenkt

Die Japaner dürfen einen Teil ihrer Einkommensteuer an einem Ort ihrer Wahl zahlen. Die Kommunen buhlen deshalb mit Gutscheinen, Gartenscheren und anderen Geschenken um die Gunst der Steuerzahler.

Heimat, süße Heimat: Die Präfektur Yamaguchi in Japan
Corbis

Heimat, süße Heimat: Die Präfektur Yamaguchi in Japan

Von , Tokio


Yuda Onsen ist berühmt für seine heißen Quellen, ehrwürdige Tempel und feine Gasthäuser. Das Touristen-Idyll gehört zu Yamaguchi, einer Stadt in Südjapan. Übernachtungen können hier schon mal 30.000 Yen (umgerechnet 230 Euro) pro Kopf kosten. Es sei denn, man legt einen Gutschein vor. Den verschenkt die Stadt an jene Landsleute, die Yamaguchi auswählen, um dort mindestens 50.000 Yen ihrer Steuern zu bezahlen.

Sanjo in Nordjapan hat touristisch zwar nicht soviel zu bieten wie Yuda Onsen. Doch auch diese Gemeinde lässt sich etwas einfallen, um auswärtige Steuerzahler anzulocken. Jedem, der mindestens 10.000 Yen seiner Steuern dorthin überweist, schickt sie zum Dank eine Gartenschere oder ein anderes Geschenk aus lokaler Produktion im Wert von je 6000 Yen.

"Furusato Nozei" - zu Deutsch: Heimatsteuer - heißt das innovative System, mit dem Städte, Dörfer und Gemeinden in ganz Japan immer heftiger um Steuerzahler wetteifern.

Die Methode dürfte weltweit einmalig sein, und sie hat zumindest eines bewirkt: Für die Japaner wird das Zahlen von Steuern immer mehr zum kollektiven Freizeitspaß.

Zumindest in diesem Punkt könnte vielleicht auch Deutschland von Japan lernen. Bislang setzt die deutsche Steuerpolitik vor allem auf das Prinzip Abschreckung (Stichwort: Uli Hoeneß), dagegen ködert Nippons Obrigkeit die Steuerzahler mit positiven Anreizen: Wer zahlt, wird beschenkt.

Denn die Japaner können einen Teil ihrer Einkommensteuer an Kommunen entrichten, die sie als ihre persönliche Heimat ("Furusato") betrachten - selbst wenn sie dort noch nie waren.

Auf diese Weise will die japanische Regierung den oft klammen ländlichen Kommunen helfen. Seit 1. April hat sie das System - es wurde ursprünglich 2008 eingeführt - noch erheblich ausgeweitet: Je nach Höhe des Gehalts können Steuerzahler jetzt doppelt so hohe Grenzbeträge an die Furusato überweisen wie vorher. Formal wird die Heimatsteuer als Spende deklariert und von der Einkommensteuer abgesetzt.

Viele Städte und Dörfer in Japan sterben praktisch aus

Der Grund für die Heimatsteuer ist die Bevölkerungsentwicklung: Viele Städte und Dörfer in dem drittgrößten Industrieland schrumpfen. Sie sind hoffnungslos überaltert, weil die Jungen - und damit die potentiellen Steuerzahler - seit Jahrzehnten nach Tokio und in andere Großstädte abwandern.

Im überbevölkerten Tokio sehnen sich dagegen viele Bewohner nach der Heimat ihrer Vorfahren zurück. Oder sie hegen einfach nur liebe Erinnerungen an den jüngsten Urlaub dort - oder an kulinarische Spezialitäten, die sie dort verspeisten und nun gern geschenkt haben möchten.

Es ist diese Mischung aus Nostalgie und Eigennutz, an welche die Steuer-Werber von ländlichen Städten und Dörfern nun appellieren: Je nach entrichteter Heimatsteuer bedanken sie sich bei den Spendern eben mit geldwerten Geschenken aus lokaler Produktion.

Shiho Hiranaka ist in der Stadtverwaltung von Yamaguchi dafür zuständig, Steuern von auswärts einzuwerben. Wenn sie von ihrer Tätigkeit berichtet, klingt die Finanzbeamtin wie eine Verkäuferin im Supermarkt: "Momentan ist bei uns der 'Kurimasaru' besonders gefragt", sagt sie. Damit meint sie eine lokale Süßigkeit, die sie Spendern schicken lässt, die mindestens 5000 Yen ihrer Steuern in Yamaguchi entrichten.

Die Kommunen konkurrieren immer heftiger um Steuerzahler

Vom tiefgekühlten Fleisch bis zum Reis - die Stadt Yamaguchi hat an Geschenken für auswärtige Steuerzahler fast alles im Angebot. Im laufenden Haushaltsjahr, das am 1. April begann, lockt sie mit insgesamt 96 Geschenken - neunmal soviel wie im vorigen Fiskaljahr.

Die Konkurrenz ist groß. Auf speziellen Webseiten wie Furusato Choice brauchen potentielle Spender nur eine Japan-Karte anzuklicken und schon können sie wie in einem Versandhaus-Katalog vergleichen, welche ländliche Region ihnen die lukrativsten Geschenke bietet.

Neuerdings beteiligen sich auch Internet-Riesen wie Yahoo am Boom der Heimatsteuer. Die Bürger können die Zahlungen online mit ein paar Mausklicks entrichten, ohne die jeweilige Kommune noch direkt kontaktieren zu müssen.

Besonders stolz ist die Stadt Yamaguchi auf ihre Idee mit den Hotel-Gutscheinen fürs Gasthaus Yuda Onsen. "Auf diese Weise kurbeln wir auch unsere lokale Wirtschaft an", sagt Finanzbeamtin Hiranaka, "denn die Steuerzahler reisen ja hierher, übernachten hier, gehen essen und kaufen dann oft noch Souvenirs."

Im vergangenen Haushaltsjahr habe die Stadt rund 60 Millionen Yen (umgerechnet rund 465.000 Euro) Heimatsteuer eingenommen, doppelt soviel wie im Vorjahr. Einige Städte geben inzwischen zwar mehr Geld für Geschenke aus, als sie Heimatsteuer kassieren. Das sei in Yamaguchi allerdings nicht der Fall, versichert die Finanz-Beamtin.

Ein Bürgermeister lockte mit Grundstücken

Die Stadt Yubari in Hokkaido kann im Wettbewerb um die schönsten Geschenke dagegen nur schwer mithalten. Sie ging 2007 Bankrott und wurde als erste japanische Kommune unter Zwangsverwaltung gestellt. Statt sich mit teuren Souvenirs zu bedanken, geben die klammen Stadtväter ihren Spendern aber die Möglichkeit, Wünsche für die konkrete Verwendung der Heimatsteuer anzumelden. Ganz oben auf der Wunschliste der Steuerzahler: eine bessere Fürsorge für Kinder und Alte.

An der miserablen Finanzlage japanischer Kommunen wird "Furusato Nozei" indes wenig ändern. "Um ihnen dauerhaft zu helfen, müsste die Zentralregierung in Tokio ihnen vielmehr mehr Rechte einräumen, selbst Steuern zu erheben", sagt Steuerexperte Yoshikazu Miki von der Aoyama Gakuin Universität in Tokio. Bislang bestimmen Politiker und Bürokraten in Tokio, wie der Staat die Steuern an die Regionen verteilt - oft in Form von Subventionen. Allerdings sieht der Professor auch eine positive Wirkung der Heimatsteuer. "Plötzlich machen sich die Japaner Gedanken darüber, wie sie einen Teil ihrer Steuern verwendet haben wollen."

Indes häufen sich Berichte über allzu krasse Auswüchse von "Furusato Nozei". Der Bürgermeister von Miyazu, einer Stadt in Westjapan, lockte potenzielle Steuerzahler gar mit Grundstücken. Er versprach: Wer mehr als zehn Millionen Yen Heimatsteuer zahle, bekomme von der Stadt ein Stück Land im Wert von je 7,5 Millionen geschenkt.

Diesen Plan hat die Zentralregierung in Tokio zwar gestoppt, der Bürgermeister entschuldigte sich. Stattdessen kündigte er aber ein alternatives Dankeschön für auswärtige Steuerzahler an; es klingt nicht weniger verrückt: Beim diesjährigen städtischen Feuerwerk will er die Namenszüge all jener am Himmel abbilden lassen, die mindestens eine Million Yen Steuern zahlen. Etwa die Hälfte der so eingenommenen Steuern würde auf diese Weise wieder in Feuer und Rauch aufgehen.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
happy2010 28.04.2015
1.
Letztendlich nichts anderes Wie Steuerwettbewerb Und wie immer bei diesem Wettbewerb gewinnt derjenige, der am allermeisten zurückgibt Letztendlich, der Grundstücks"tausch" machte es vor, wird die Gemeinde gewinnen, die durch einen Geschenkemix nahezu alle gezahlten Steuern rückerstattet Steuerwettbewerb dient ausschließlich den Mächtigen, dem Volk bringt er nichts, sieht man in der Schweiz
FrankDr 28.04.2015
2.
Der Grundgedanke sehr reizvoll, die Auswüchse absurd
quark@mailinator.com 28.04.2015
3.
Hmm, das ist vermutlich der Unterschied zu den sogenannten "Gratis-Geschenken", die einem hier immer angedient werden. Als Ossi versteht man diesen Sprachunfug einfach nicht. Ich meine, "Leder" ist aus Plastik, wenn es nicht "echt Leder" ist und für Geschenke, die nicht gratis sind, muß man vermutlich bezahlen, oder wie ? Nun jedenfalls müssen die Japaner mehr bezahlen, als sie zurückbekommen und das sind dann "Geschenke", die mit den eigenen Steuergeldern bezahlt werden ... der Ami hätte das vermutlich als kickbacks bezeichnet und seit der Zerschlagung von StandartOil sind die u.U. verboten ... da nennt man es lieber "Geschenke" ... Also der Osten hat ja auch linguistischen Unfug verzapft, keine Frage ...
Tamaji 28.04.2015
4. Licht und Schatten
Die Idee ist eigentlich ganz charmant und hilft klammen Gemeinden erst einmal weiter. Aber man muss sich natürlich fragen, wieso sowas notwendig wurde, und warum es nun Aufgabe des einzelnen sein soll, Steuergelder sinnvoll zu verteilen, denn es gibt in Japan genau wie hier einen hochbezahlten Staatsapparat, der sich eigentlich genau darum kümmern sollte. Der Grund ist, dass in Japan nach dem 2. Weltkrieg alles ohne Sinn und Verstand auf die Region Tokio konzentriert wurde, und es deswegen mittlerweile, nach nun über zwei verlorenen Jahrzehnten, in ländlichen Gebieten aussieht wie in der 3. Welt - alte Leute, die ihr Leben lang geackert haben, hausen in Bretterbuden ohne Heizung, und müssen selbst im hohen Alter weiter in der Landwirtschaft schuften, um sich zur kargen Rente etwas dazu zu verdienen, oder sich gar selbst zu versorgen. Japan investiert indessen Unsummen in rechts-national motivierte Prestigeprojekte wie den Olympischen Spielen 2020, einem eigenen Mars-Rover, oder der militärischen Aufrüstung gegen die Windmühle "China". Und die Menschen in der vom Tsunami verwüsteten Region Touhoku und die aus dem Sicherheitsbereich Fukushima vertriebenen müssen weiterhin die Regierung um Almosen anbetteln, denn kulturell bedingt werden negative Dinge ja lieber ignoriert, totgeschwiegen, oder geleugnet, als offensiv angegangen. Also - dies ist eine nette Geschichte mit leider nicht so nettem Hintergrund.
QuoVadis sociedad 28.04.2015
5. Interessantes Konzept
denn am Ende nimmt sich das nicht viel von dem was wir auch von westlichen ländern schon kennen : Wer hat dem wird gegeben hier halt nicht unternehemn und privatpersonen sondern Kommunen, die je reicher sie sind umso attraktivere geschenke machen können Der Deckmantel der steuergerechtigkeit wird hier gar nciht erst ausgepackt; kapitalistisch: ja, verlogen: weniger, gerecht/sinnvoll: Nein!
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