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ENERGIE Jede Menge

In einer Versuchsanlage will der Elektrokonzern AEG demonstrieren, daß der Strombedarf mit Sonnengeneratoren zu decken ist.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Der Konzern hat genug Kritik einstecken müssen, da will AEG-Manager Eckehard Schmidt wenigstens die eigene Leistung loben: »Was wir hier machen«, so Schmidt über seinen Fachbereich (Neue Technologien, Raumfahrt), »kann außer uns niemand in der westlichen Welt.«

In den schmalen Werkshallen im schleswig-holsteinischen Wedel tüfteln Schmidt sowie ein paar Dutzend Ingenieure und Facharbeiter an einer Technik, die dem deutschen Elektro-Konzern wieder Ansehen verschafft: Die AEG will in großem Stil Elektrizitätswerke bauen, die für die Stromerzeugung nichts weiter brauchen als Tageslicht.

Die Technik (Photovoltaik) ist bekannt -- Sonnengeneratoren wandeln Licht unmittelbar in Strom um. Derartige Stromerzeuger sind in der Weltraumtechnik auch Laien ein längst vertrauter Anblick: Die paddelähnlichen Bauteile an Satelliten und Weltraumstationen sind nichts anderes als Solargeneratoren.

Auch die Wedeler AEG-Mannschaft hat das Handwerk im Geschäft mit der Weltraumfahrt gelernt; sie liefert die Solarzellen für deutsche, europäische und amerikanische Weltraum-Programme. Neben der AEG gibt es in westlichen Industriestaaten nur noch die US-Firma Hughes, die Solargeneratoren für Satelliten bauen kann.

Solarzellen, in denen elektrische Energie entsteht, sind reine Siliciumscheiben, die durch winzige positiv oder negativ aufgeladene Metallteilchen verunreinigt wurden. Fällt Licht, am besten strahlende Sonne, auf die Scheibe, entsteht ein Stromfluß zwischen den Metallspuren. Der Strom wird in aufgedruckten Silberfäden gesammelt, gebündelt und zum Verbraucher weitergeleitet.

Zumindest theoretisch können Sonnengeneratoren bei gutem Licht Strom in jeder gewünschten Stärke und jeder Menge liefern. Die Praxis macht noch etwas Schwierigkeiten: Ein Quadratmeter Solarzellen-Fläche produziert im besten Fall (bei strahlender Sonne) ein Kilowatt (kW) Strom. Bei bedecktem Himmel fällt die Leistung auf 100 Watt pro Quadratmeter.

Für die großindustrielle Stromproduktion kommen Solarzellen daher bislang noch nicht in Frage -- sie brauchen zuviel Platz. Für dezentrale Kleinverbraucher aber sind sie ideal. Dreißig Quadratmeter Solarfläche auf dem Dach eines Hauses würden auch bei bedecktem Himmel soviel Strom liefern, wie eine Familie normalerweise verbraucht.

Daß die Sonnengeräte auch auf der Erde ohne Wartung zuverlässig funktionieren, ist bereits bewiesen. Auf der Elbe etwa schwimmen Bojen, für deren Blinkzeichen Solarzellen der Marke AEG den Strom liefern. In Indonesien werden ganze Reisfelder mit Hilfe von Sonnenstrom bewässert, und der Bergsteiger Reinhold Messner bezog auf dem Himalaja den Betriebsstrom für die Funkverbindung zum Basislager aus einem AEG-Generator.

So liegt es nur an den Preisen, daß die Lichtgeneratoren noch keine massenhafte Verwendung finden. Die Herstellung der Solarzellen aus Silicium war bislang so teuer, daß Sonnenstrom für den Privatgebrauch einfach nicht lohnte. Sinn machten die Geräte aus Wedel nur im Weltraum und auf der Erde in abgelegenen Regionen, in denen Strom sonst nicht zu bekommen wäre.

»Vor fünf Jahren«, so Schmidt, »kostete ein Kilowatt Strom-Kapazität bei uns 500 000 Mark.« Inzwischen ist der Preis auf 20 000 Mark gesunken, und in fünf Jahren will Schmidt das Kilowatt für 5000 Mark auf den Markt bringen.

Das wollen die AEG-Manager mit neuen Produktionsmethoden schaffen. Die wichtigsten Schritte sind schon getan.

So werden bei der AEG in Wedel die Leitungsverbindungen der einzelnen Siliciumscheiben, die auf einem Generator-Brett angeordnet sind, inzwischen vollautomatisch geschweißt. Die Automaten haben die AEG-Ingenieure entwickelt; andere Hersteller löten die Verbindungen noch von Hand.

Mit staatlicher Hilfe hat die AEG überdies ein neues Produktionsverfahren entwickelt, das die Kosten der Solarzellen selbst wesentlich senken soll. Bislang wurde das Silicium für die Generator-Platten aus der Produktion für Elektronik-Chips abgezweigt. Die dort üblichen hohen Qualitätsstandards sind jedoch für Solarzellen nicht nötig.

Die AEG-Techniker sind inzwischen so weit, daß sie ihre Sonnensysteme an einem Großprojekt erproben wollen. Auf der Nordsee-Insel Pellworm werden sie, finanziert aus EG- und Bundesmitteln, eine Solaranlage mit einer S.100 Leistung von 300 Kilowatt errichten -bisher weltweit die größte ihrer Art. Das Sonnenkraftwerk soll das Kurzentrum, etliche umliegende Gewerbebetriebe und eine Reihe von Privathäusern mit Strom versorgen.

Da bei Sonnenschein immer mehr Strom anfällt, als die Pellwormer brauchen werden, bleibt die Insel mit dem Netz des Stromversorgers Schleswag verbunden.

Das Pilotprojekt wird nach AEG-Rechnung rund 12 Millionen Mark kosten. Ist das System erst einmal erprobt, so prophezeit Schmidt, würden ähnliche Projekte künftig allenfalls noch zwei Millionen Mark erfordern.

Das Pellwormer Solarkraftwerk wird Strom im Wert von 150 000 Mark pro Jahr liefern. Wenn künftige, preiswertere Anlagen sich in fünfzehn Jahren amortisieren, dann werden sie, nach Schmidts Kalkül, »auch für den Privatmann interessant«.

Experten in Übersee, die sich intensiv mit Solartechnik befassen, bestätigen, daß Schmidt mit seiner Voraussage wahrscheinlich richtig liegt. Bis zum Jahr 2000, so erwarten die Amerikaner, wird die Photovoltaik zu einer Milliarden-Dollar-Industrie.

Nur wird in Deutschland vor allem noch eine Hürde zu nehmen sein: Die Stromerzeuger müssen für die Idee gewonnen werden, daß sie überschüssigen Strom aus Sonnenanlagen auch von ihren Abnehmern beziehen.

Denn die Fachleute gehen davon aus, daß im Prinzip jedes Privathaus zum Netto-Produzenten von Strom werden kann: Mit Sonnen-Generatoren (für Strom), Kollektoren (für Warmwasser) auf dem Dach und mit einer Wärmepumpe im Keller wäre das selbst im Norden der Bundesrepublik machbar.

Ginge es nach den Sonnen-Technikern, wären Kernkraft und Öl für die Stromversorgung des Landes schon heute überflüssig: »Der Stromverbrauch«, behauptet AEG-Schmidt, »könnte durch Solargeneratoren gedeckt werden, die an Fläche nur ein Prozent der Bundesrepublik erfordern.«

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