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AFFÄREN Jede Menge Dreck

Ein tolldreistes Gangsterstück lief über Jahre hinweg bei den Thyssen-Stahlwerken in Oberhausen ab. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Den Namen Karl Ehrlichmann kennen viele im Stahlkonzern Thyssen, und das ist erstaunlich. Denn wer Karl Ehrlichmann wirklich ist, weiß kein Thyssen-Manager.

Der Name wird als Pseudonym benutzt, von einem Mann, der angeblich als »selbständiger Schrotthändler« im Ruhrrevier arbeitet. Immer wieder hat der Anonymus Briefe an Thyssen geschrieben, die sich als überaus kenntnisreich erwiesen: Ehrlichmann berichtete über viel Unehrliches im Hause Thyssen.

Seit Beginn der achtziger Jahre trommelte Ehrlichmann gegen die »betrügerischen Machenschaften« in dem rheinischen Konzern. Bei der Thyssen-Hütte in Oberhausen, wußte der Kenner in einem Brief aus dem Jahr 1983, komme es seit Jahren zu »Betrügereien«. Minderwertiger Schrott werde zu Überpreisen eingekauft und die Stahlindustrie dadurch »um zig Millionen betrogen«.

Ehrlichmann gab Ratschläge, wie den Schiebern beizukommen sei. Weil die Thyssen-Firmen »mit sehr viel korrupten Angestellten durchsetzt« seien, empfahl er Überraschungskontrollen: »Ihnen werden die Augen überlaufen, was dort alles zum Vorschein kommt.«

Zum Vorschein kam erst mal nichts. Die konzerninterne Revision recherchierte monatelang - und gab auf. Sie konnte nichts entdecken.

Im Oktober 1985 wurde die Kripo fündig. Im Krupp-Werk in Rheinhausen waren mehrere Waggons mit gestohlenem Thyssen-Schrott entdeckt worden. Bei ihren Ermittlungen stießen die Fahnder auf Vorgänge, die Ehrlichmann bereits Jahre vorher beschrieben hatte.

Ans Licht kam ein filmreifes Kriminalstück. Nach dem Stand der polizeilichen Ermittlungen und dem Eingeständnis von ehemaligen Thyssen-Beschäftigten haben rund 60 Thyssen-Mitarbeiter, Schrotthändler und einige Helfer von der Bundesbahn den Stahlkonzern durch jahrelange Schiebereien und Diebstähle von Schrott und Blechen um einen zweistelligen Millionenbetrag geschädigt.

Hauptakteure in der Schrottaffäre sind die drei ehemaligen Thyssen-Mitarbeiter Manfred Kubiak, Hans-Jürgen Wiesemann und Jürgen Richels. Seit Anfang der achtziger Jahre soll das Trio dem Konzern Unmengen von minderwertigem Schrott untergeschoben haben; in Rechnung gestellt und bezahlt wurde Spitzenqualität.

Die drei Strategen sollen außerdem den Diebstahl von Schrott und Blechen organisiert haben. Das Zeug wurde, der Einfachheit halber, in Güterzügen und Lastwagen abtransportiert.

Tatort war die Stahlhütte »Thyssen Niederrhein Oberhausen« (TNO). Kubiak und Wiesemann hatten dort den richtigen Job: Als Schrottkontrolleure bei TNO waren sie zuständig für die Qualitätsüberwachung des angelieferten Materials. Richels arbeitete als Schrotteinkäufer bei der Thyssen-Tochtergesellschaft Sonnenberg.

Die drei Thyssen-Kumpels, die ein Monatsgehalt von 3000 bis 3500 Mark netto bezogen, wurden bei Thyssen vermögend. Kubiak brachte es auf mehrere Eigentumswohnungen und einige hunderttausend Mark in bar und in Wertpapieren. Wiesemann legte sich eine Luxus-Villa, bewacht von drei Doggen einen Mercedes 500 SE und einige Traber zu. Richels häufte Immobilienbesitz an.

Die diversen Betrugsaffären im Thyssen-Konzern beschäftigen seit Jahren Sonderkommissionen der Kriminalpolizei und mehrere Staatsanwaltschaften. Verwundert mußten die Ermittler immer wieder feststellen, wie leicht die Kassen einer Weltfirma zu plündern sind.

Es dauerte wahrlich lange, bis die Thyssen-Manager merkten, daß mit ihren Schrottlieferungen irgend was nicht stimmen konnte. Seit der Inbetriebnahme des Elektro-Ofens bei TNO im Jahr 1979 ging die Ausbeute an Stahl (Fachjargon: »Ausbringung") im Verhältnis zum eingesetzten Material (Roheisen und Schrott) ständig zurück.

In den Anfangsjahren des Ofens lag die Ausbringungsquote bei knapp über 90 Prozent; im dritten Quartal 1985 erreichte sie nur gut 80 Prozent. Als die Schrottmanipulationen gestoppt waren, schaffte TNO wieder eine Ausbringung von über 90 Prozent.

Kubiak, Wiesemann und einige ihrer Kollegen hatten offenkundig für die schlechten Produktionsergebnisse gesorgt. Als Schrottkontrolleure wachten sie darüber, daß das per Lkw oder Bahn angelieferte Material mit der deklarierten Qualität übereinstimmte. War die Ladung schlechter als angegeben, kam es zu sogenannten Weigerungen. Der Lieferant mußte mit seinen Preisen runtergehen oder den Schrott wieder mitnehmen.

Geschickt setzten die Schrottexperten bei Thyssen das Mittel der Weigerung zur eigenen Geldvermehrung ein. Ende 1982, erinnerte sich Kubiak, habe ihn nach einer Weigerung der Mülheimer Schrotthändler Horst Knippers zum Essen

eingeladen. Knippers habe sich erkundigt, ob sich Weigerungen künftig umgehen lieben.

Der Schrotthändler wurde sodann konkret. Kubiak solle billigen Scherenschrott, der fälschlich als Sorte 3 deklariert werde, unbeanstandet durchgehen lassen. Zur Tarnung werde Knippers das billigere Material in den Waggons durch eine Lage mit Sorte 3 verdecken.

Kubiak willigte ein und kassierte fortan je nach Liefermenge monatlich 3000 bis 5000 Mark. Während Knippers nun jeden Schrott unbeanstandet durch die Thyssen-Kontrollen brachte, blieb Kubiak bei anderen Lieferanten weiterhin der gestrenge Prüfer, so auch bei der Firma Droste.

Mitte 1983 kam es darüber zum Krach. Kubiak setzte eine Droste-Lieferung preislich herab und fing sich damit den Zorn seines Kollegen Wiesemann ein.

Der »kam damit heraus, daß er von Droste Geld erhalten würde« (Kubiak). Der Fall des Schrotthändlers Droste wurde elegant gelöst: Kubiak bekam künftig etwas vom Droste-Schmiergeld ab, Wiesemann kassierte im Gegenzug bei Knippers mit.

Anfang 1984 stieß ein weiterer Lieferant zu dem Schmiertrupp. Ein Vertreter der Schrottfirma Georg aus Viersen kam in Kubiaks Büro, »zog«, so Kubiak später, »einen Briefumschlag aus der Tasche und legte ihn kommentarlos in meine Schreibtischschublade«. Der Inhalt, tausend Mark in bar, war offenbar zuwenig, Kubiak weigerte weiter.

Die Firma Georg begriff schnell. Nach neuen Weigerungen lieferte ein Vertreter mehrfach Briefumschläge ab. Fortan reihte sich die Firma nach den Aussagen der Schrottschieber ebenfalls in die Reihe der regelmäßigen Zahler ein.

Jürgen Richels brachte schließlich die Geldmaschine noch schneller in Schwung. Der gelernte Kaufmann, später Niederlassungsleiter bei der Thyssen-Firma Sonnenberg, sorgte ab 1983 für neue zahlungskräftige TNO-Lieferanten.

Die Wuppertaler Firma Tesche, die als Neuling von Richels in das Millionenspiel eingebracht wurde, zahlte »waggonweise«, um minderwertigen Schrott als hochwertigen anerkennen zu lassen. Zunächst, im Jahre 1983, waren es laut Richels »pro Waggon 50 DM, dann 100 DM und schließlich 1985 200 DM pro Waggon«. Die Firma Ahle aus Dortmund »hat pauschal bezahlt, etwa 12000 bis 15000 DM« (Richels).

Die Schmiergeschäfte liefen so gut, daß die Schrottkumpane aus Oberhausen schließlich auch noch die Verwandtschaft mobilisierten. Beteiligt wurde Richels-Bruder Holger. Bei einem Sauna-Besuch empfahl Kubiak dem Bruder des Kumpans, eine Schrottfirma zu gründen. Um die Abnehmer brauche er sich keine Sorge zu machen.

Die Richels-Firma Wero lieferte, so Wiesemann, von Januar 1985 an »jede Menge Dreck und Späne«. Dieses Material habe allenfalls der miesen Sorte 5 entsprochen, sei aber als Schrott der Sorte 2 oder 3 deklariert worden. Die Wero-Lieferungen seien »sofort nach Anlieferung im Hochofen verschwunden«.

Der Drang nach dem Thyssen-Geld wurde so übermächtig, daß Wiesemann schließlich selbst in den Schrotthandel einstieg. Er beteiligte sich mit einer Einlage von 100000 Mark an der Firma des Schrotthändlers Heinrich Görgen aus Dinslaken.

Wiesemann kaufte für Görgen minderwertigen Schrott. Wenig später landete das Material im Thyssen-Ofen. Andere Firmen hätten die Annahme eines so schlechten Materials abgelehnt.

Der Einfallsreichtum der Schrottexperten bei Thyssen war bewundernswert. Sie beließen es nicht dabei, ihren Arbeitgeber mit falschen Deklarationen auszunehmen. Während minderwertiger Schrott in die TNO-Öfen geschüttet wurde, schoben die emsigen Thyssen-Mitarbeiter auch noch hochwertiges Material vom Firmengelände.

Aufmerksame Prüfer der Konkurrenz deckten dies auf. Im Oktober 1985 hatte das Krupp-Werk in Rheinhausen 28 Waggons Schrott gekauft. Fünf Waggons waren bereits entladen, da entdeckten die Kontrolleure Beimischungen von Chrom. Den aber kann das Werk in Rheinhausen nicht verarbeiten.

Der Lieferant, der Schrotthändler Manfred Beecker aus Essen, dirigierte schleunigst die restlichen Waggons in Richtung Osten. Er wollte die Ladung bei Hoesch unterbringen. Nach einem anonymen Hinweis untersuchten Duisburger Kriminalbeamte den Zug im Dortmunder Güterbahnhof. Sie fanden Material von Thyssen.

Herbeigerufene TNO-Manager hielten es für völlig ausgeschlossen, daß es sich bei der Ware um Diebesgut aus ihrem Werk handele. Der Hinweis auf einige Schrottstücke mit TNO-Zeichen

ließ die Thyssen-Abgesandten aber schnell verstummen: Der Schrott war offenkundig bei Thyssen gestohlen worden.

Die Idee für den Schrottklau hatte Händler Beecker. Er gewann Schrottkontrolleur Wiesemann als Helfer.

Es fügte sich günstig, daß der Schrottplatz Beeckers in der Nähe des Thyssen-Geländes lag. Wiesemann schaltete seinen Bekannten Günter Meyer von der Thyssen-eigenen Transport-Firma Eisenbahn und Häfen GmbH und einige Beamte der Bundesbahn ein. Einer von denen sollte, gab Wiesemann später zu, »die besagte Weiche« stellen, »wenn die Waggons vom Gleis Beecker über das Bundesbahn- und Werksgleis in unser Werk gedrückt würden«.

Mehrmals organisierte Wiesemann eine solche Tour. Leer rollten die Waggons von Beeckers Gelände aufs Thyssen-Terrain, voll kamen sie zurück: Nach jeweils »fünf bis sechs Stunden Ladevorgang« konnte Beecker über 630 Tonnen Thyssen-Schrott verfügen - »das Beste, was auf dem Markt ist« (Wiesemann).

Der Schrottkontrolleur und sein Kompagnon Meyer kassierten dafür 82000 Mark an Schmiergeldern. Die Helfer von der Bahn, ein Kranführer, ein Rangierer, ein Weichensteller und einer für das Streckentelephon wie auch die zwei Lokführer, erhielten davon je tausend Mark.

Weitere rund 900 Tonnen TNO-Schrott ließ Wiesemann per Lkw-Pendelverkehr zu Beecker schaffen. Dafür gestand der Thyssen-Mann, habe er nochmals rund 80000 bis 90000 Mark kassiert. Ein Pförtner mußte sich dagegen mit rund 800 Mark abfinden - als Entlohnung dafür, daß er die Lkw unkontrolliert passieren ließ.

Im Winter 85/86 wurden Kubiak, Wiesemann und Richels schließlich verhaftet. Den größten Teil ihres auf Schrott gebauten Vermögens konnte die Polizei damals sicherstellen. Anfang 1988 müssen die drei mit ihrem Prozeß rechnen.

Einige Schrottfirmen, die mit faulen Geschäften bei Thyssen früher gut im Rennen waren, mußten den Betrieb schließen oder Konkurs anmelden. Ihren Inhabern drohen Strafprozesse.

Der Ex-Händler Beecker hat seinen Prozeß schon hinter sich. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt.

Eine Beteiligung von Managern an der Oberhausener Affäre konnten die Fahnder nicht nachweisen. Sie ließen zwar die Wohnungen einiger Sonnenberg-Prokuristen und -Einkäufer durchsuchen, fanden aber kein belastendes Material.

Kenner Ehrlichmann, der auf all die Betrügereien jahrelang folgenlos hingewiesen hatte, kann sich nicht vorstellen, daß alles nur das Werk kleiner Gauner war. Er vermutet mehr hinter dem Gangsterstück. Ehrlichmann zum SPIEGEL: »Solange nicht alle korrupten Leute im Konzern gefaßt sind, geht der Schwindel weiter.«

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