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SILBER Jede Menge exekutiert

Die Spekulation mit Silber endete für viele mit harten Verlusten.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Robert Loeb, Bankier aus New York, fühlte sich an »Kennedys Ermordung« erinnert. Der englische »Guardian« fand gar, daß »anderthalb Stunden lang das Ende des Kapitalismus« gekommen schien.

Der denkwürdige Augenblick ereignete sich am Donnerstagnachmittag der letzten März-Woche um halb vier New Yorker Zeit. An der Wall Street, dem Börsenzentrum der Welt, stießen verängstigte Börsenjobber Millionen von Aktien zu offenbar jedem Preis ab.

Der Grund: Nelson Bunker Hunt, Milliardär und Silberspekulant aus Texas, schien in Schwierigkeiten und drohte, die Finanzmärkte in den Strudel einer Verkaufspanik zu ziehen. Von Montag bis Donnerstag verloren Silberbesitzer die Hälfte ihres Geldes.

Zu den Verlierern zählten auch Tausende von deutschen Anlegern, die sich schiere Barren oder Silberzertifikate der Deutschen Bank gekauft hatten. Der Kilopreis rutschte seit Ende Januar von fast 3000 Mark auf weit unter 1000 Mark.

Binnen kurzem hatte sich Hunt in den Augen der Börsenprofis und zahlloser Kleinanleger vom genialen Glücksritter zum Verlierer einer gigantischen Spekulation gewandelt.

Zunächst unauffällig, dann assistiert von einer wachsenden Schar von Mitkäufern, hatte Hunt den Silberpreis auf immer neue Rekordhöhen getrieben. Von sechs Dollar pro Unze (31,1 Gramm) Anfang 1979 kletterte die Silbernotierung im Januar 1980 vorübergehend auf über 50 Dollar.

Schließlich hatte der Texaner, gemeinsam mit seinem Bruder Herbert und vier arabischen Kompagnons, nach eigenem Bekunden 200 Millionen Unzen zusammengekauft. Das wären immerhin zwei Drittel des kommerziellen Silbervorrats der Welt, der nicht bei Staatsbanken oder industriellen Verbrauchern liegt.

Dann stoppten die US-Behörden den Texaner. Die Beamten beschränkten die erlaubte Zahl der Silberkontrakte und setzten zudem den Einsatz für die spekulativen Termingeschäfte herauf.

Bei diesen Geschäften in die Zukunft verpflichtet sich der Käufer, zum heutigen Preis zu einem festen Termin, etwa in drei Monaten, Silber zu übernehmen. Das Geschäft lohnt, wenn während der Dreimonatsfrist der Preis steigt.

Zunächst reichte es, für solche Kontrakte, die über Broker-Häuser an den Warenbörsen abgewickelt werden, lediglich fünf Prozent der Kaufsumme zu hinterlegen. Bei steigenden Preisen, S.115 so das Spekulantenkalkül, ging es ohnehin nur darum, mit Ablauf der Frist zu kassieren, nicht zu bezahlen.

Um Spekulanten abzuschrecken, setzten die Beamten der Washingtoner Commodity Futures Trading Commission im Februar diesen Jahres den Einsatz von fünf auf schließlich 50 Prozent herauf. Viele der Kaufspekulanten konnten nicht mitziehen und stiegen aus. Der Silberpreis begann, zunächst unauffällig, zu sinken.

Eine andere Spielregel der Branche beschleunigte schließlich die Abwärtsbewegung. Viele hatten ihre Käufe mit Krediten bezahlt, die wiederum durch die Silberkontrakte gesichert waren. Mit fallenden Preisen verloren die Kreditpfänder an Wert: Die finanzierenden Makler verlangten Nachschüsse. Und zu allem Übel wurden die Kredite in Amerika drastisch teurer.

So gerieten die Silberkäufer, die in ihrer Begeisterung nur einen Anstieg der Preise, keineswegs einen Rückgang, erwartet hatten, in die Klemme. Da wurde dann »jede Menge exekutiert«, wie ein Schweizer Bankier erläutert.

Das heißt: Die Finanzhäuser verkauften die Silberkontrakte ihrer illiquiden Kunden mit Verlust. Der Silberpreis sackte dadurch immer weiter ab.

Zusätzliche Nervosität befiel den Markt, als Bunker Hunt einen ungewöhnlichen Plan bekanntgab: Er will S.117 gemeinsam mit seinen arabischen Partnern eine Silberanleihe verkaufen.

Schnell machte das Gerücht die Runde, der Texaner sei klamm und suche mit seiner Offerte nur Geldgeber.

Bald darauf sahen sich die Hunt-Kritiker bestätigt. Das Finanzhaus Bache, eines der größten Broker-Häuser der Welt und zugleich Hunts Makler, verlangte von dem Texaner einen Nachschuß von 100 Millionen Dollar.

Hunt reagierte nicht, und die Bankiers verkauften nicht nur die Silberkontrakte, sondern auch größere Aktienpakete, die der Texaner bei Bache deponiert hatte. Panik brach an der Wall Street aus.

Rasch jedoch ging der Spuk zu Ende: Die Aktienkurse stiegen wieder. Die kühlen Rechner hatten wieder die Oberhand.

Hundert Millionen Dollar, so ergab ein Überschlag der Huntschen Vermögensverhältnisse, dürften den texanischen Milliardär nicht ernsthaft erschüttern. Jahrelang hatte Hunt das Metall zu Preisen gekauft, die weit unter jenen zehn Dollar lagen, die immer noch geboten wurden, als die Verkaufshysterie ihren Höhepunkt erreichte.

Am Montag vor Ostern sprang der Preis schon wieder über 14 Dollar. Das reicht zwar immer noch, um zahllose Hunt-Mitläufer, die mit geborgtem Geld auf eine Hausse spekuliert hatten, zu ruinieren.

Aber »die Krise«, fand der »Christian Science Monitor«, »war vorbei, ehe noch die meisten Amerikaner sie bemerkt hatten«.

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