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KONZERNE Jeder Tag ein anderer

Der größte Firmenkauf der Wirtschaftsgeschichte ist perfekt: Der amerikanische Chemiekonzern Du Pont schluckte die Ölgesellschaft Conoco.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Edward G. Jefferson, Chef des Chemiekonzerns E. I. du Pont de Nemours, zeigte sich spendabel: Mit einer Champagner-Party für rund 200 Angestellte und Berater feierte er in der vergangenen Woche seinen Triumph über einen kanadischen Whiskey-Brenner und einen amerikanischen Öl-Giganten.

Gegen den erbitterten Widerstand des Whiskey-Produzenten Seagram und des Öl-Multis Mobil hatte das Chemie-Unternehmen aus Wilmington (US-Staat Delaware) Dienstag um Mitternacht die Kontrolle über die Ölgesellschaft Conoco aus Stamford (US-Staat Connecticut) errungen.

Bis Mitternacht nämlich hatten sich über 55 Prozent der Conoco-Atktionäre auf eine Du-Pont-Offerte hin verpflichtet, ihre Anteilscheine zum Preis von 98 Dollar je Stück an den Chemiekonzern zu verkaufen oder gegen 1,7 Du-Pont-Aktien je Conoco-Papier umzutauschen.

Du-Pont-Konkurrent Seagram dagegen hatte mit einem etwas ungünstigeren Übernahme-Angebot nur rund 17 Prozent der Conoco-Eigner ködern können. Und auch Mobil, der weitaus größte und finanzstärkste unter den Conoco-Häschern, konnte trotz hektischer Aufbesserungen seiner Kauf-Offerte in den letzten Stunden eines wochenlangen Übernahme-Kampfes den Du-Pont-Sieg nicht mehr verhindern.

Sieger Du Pont, mit einem Umsatz von 13,65 Milliarden Dollar Amerikas größtes Chemie-Unternehmen (Gewinn 1980: 716 Millionen Dollar), wird sich nun zu dem Rekord-Übernahmepreis

( Bisheriger Rekord: 1979 zahlte der ) ( Ölkonzern Shell 3,7 Milliarden Dollar ) ( für die Übernahme der amerikanischen ) ( Ölgesellschaft Belridge, um die sich ) ( zunächst auch der deutsche ) ( Energiekonzern Veba bemüht hatte ) ( (SPIEGEL 36/1979). )

von insgesamt 7,6 Milliarden Dollar (19 Milliarden Mark) die neuntgrößte Ölgesellschaft der USA einverleiben können. Die Neuerwerbung ist nach Umsatz (18,33 Milliarden Dollar) und Gewinn (1,03 Milliarden Dollar) gewichtiger als die künftige Konzernmutter selbst.

Der unterlegene Mobil-Konzern, mit einem Umsatz von 59,51 Milliarden Dollar das zweitgrößte Ölunternehmen der USA (Gewinn 1980: 3,27 Milliarden Dollar), hatte am Dienstag vergangener Woche sogar insgesamt 8,9 Milliarden Dollar für Conoco aufgeboten. Der Öl-Riese scheiterte aber letztlich, weil die Antitrust-Abteilung des Washingtoner Justizministeriums nicht rechtzeitig genug zusicherte, daß kartellrechtlich S.100 gegen eine Fusion mit Conoco nichts einzuwenden sei.

Den Fusions-Krieg der Giganten hatte eine kleinere kanadische Ölgesellschaft ausgelöst. Anfang Mai lockte Dome Petroleum die Conoco-Aktionäre mit dem Angebot, für 65 Dollar je Stück 20 Prozent der Firmen-Papiere zu übernehmen.

Fast jeder zweite Conoco-Eigner ging auf die Dome-Offerte ein. Denn an der Börse brachte das Papier zu jener Zeit nur 49 Dollar, und nichts sprach dafür, daß der Conoco-Kurs in absehbarer Zeit auf den von Dome gebotenen Preis steigen werde.

Die Kurse der Ölfirmen litten nämlich nicht nur -- wie die Papiere aller anderen amerikanischen Aktiengesellschaften auch -- unter den hohen Zinsen. Sie wurden auch noch dadurch gedrückt, daß nach den Krisengewinnen der Branche von 1979/80 nun eine weltweite Ölschwemme das Petro-Geschäft erschwerte.

Dome Petroleum begnügte sich mit 20 Prozent der Conoco-Aktien. Die Firma war nämlich nur darauf aus, dieses Paket gegen einen 53-Prozent-Anteil von Conoco an der kanadischen Gesellschaft Hudson''s Bay Oil and Gas einzutauschen.

Das gelungene Dome-Manöver machte nun weit gefräßigere Firmen-Haie auf den Conoco-Happen aufmerksam. Denn für jeden Bilanzkundigen war leicht auszurechnen, daß Conoco auch bei Kursen von über 65 Dollar eine lohnende Beute war.

Allein der Wert der Öl-, Gas- und Kohlereserven von Conoco ist so hoch, daß er nach Ansicht von Wall-Street-Experten einen Preis von 140 bis 200 Dollar je Conoco-Aktie rechtfertigen würde.

Von daher ist auch zu verstehen, daß es für Sandford Margoshes vom Börsenmakler-Haus Bache »das billigste Öl auf der Welt an der Wall Street gibt": Nach den Berechnungen des Bilanz-Analytikers haben Amerikas Ölgesellschaften einen Börsenwert, der -- auf die Größe der Ölreserven bezogen -nur zwei bis vier Dollar je Barrel Öl beträgt.

Auch der nächste Conoco-Werber war für einen Total-Angriff auf den Energiekonzern allerdings noch nicht stark genug. Seagram-Chef Edgar M. Bronfman, Herr über den größten Spirituosen-Konzern der Welt (Umsatz: 2,53 Milliarden Dollar, Gewinn: 140 Millionen Dollar) fragte zunächst einmal höflich an, ob dem Conoco-Direktorium ein Übernahme-Angebot für 25 Prozent der Conoco-Aktien recht sei.

Die Conoco-Direktoren fürchteten jedoch, von einem Haupt-Aktionär wie Seagram gegängelt zu werden, und lehnten brüsk ab. Dann nahmen sie rasch Fusions-Verhandlungen mit der kleineren Ölgesellschaft Cities Service auf.

Das Conoco-Management hoffte nämlich, durch eine Unternehmens-Ehe mit Cities Service so stark zu werden, daß sich keine andere Firma mehr an diesen großen Brocken heranwagen werde. Doch Seagram kam den Conoco-Strategen durch ein neues Übernahme-Angebot zuvor.

Ohne sich noch länger um die Meinung des Conoco-Managements zu scheren, tat Bronfman Ende Juni den Conoco-Aktionären kund, er wolle für 73 Dollar je Stück einen 41-Prozent-Anteil der Ölfirma erwerben.

Derart in die Defensive gedrängt, suchte Conoco-Chef Ralph E. Bailey nun einen sogenannten weißen Ritter -- eine Firma, die einem von zudringlichen »schwarzen Rittern« bedrängten Unternehmen durch eine erwünschte Übernahme-Offerte beispringt. Diesen »weißen Ritter« fand Bailey in Du-Pont-Chef Jefferson.

Knapp 14 Tage nach der Seagram-Attacke erklärte sich Du Pont bereit, zu einem Preis von 7,3 Milliarden Dollar sämtliche Conoco-Aktien zu erwerben. Doch Seagram steckte nicht auf: Der Schnaps-Konzern erhöhte sein Angebot.

Du Pont konterte mit einer ebenfalls verbesserten Offerte. Aber den Höhepunkt erreichte das Fusions-Gefecht, als von Mitte Juli an sich noch ein zweiter »schwarzer Ritter« ins Getümmel stürzte.

Der Kraftprotz Mobil bot auf Anhieb über 200 Millionen Dollar mehr für das gesamte Conoco-Paket als der Du-Pont-Konzern. Und auch auf alle weiteren Seagram- und Du-Pont-Offerten legte der Öl-Gigant lässig jeweils noch einige hundert Millionen Dollar drauf.

Selbst eine zum Schluß auf 120 Dollar je Aktie erhöhte Mobil-Offerte vermochte den meisten Conoco-Aktionären jedoch nicht die Angst zu nehmen, daß sie bei Annahme dieses Angebots womöglich sehr lange auf das versprochene Geld warten würden. Denn die Conoco-Direktoren hatten gedroht, sich mit einem langen Kartellrechts-Streit gegen die Übernahme durch Mobil zur Wehr zu setzen.

Wall-Street-Spekulanten rechnen allerdings nicht damit, daß Mobil nach der Conoco-Schlappe weitere Fusions-Abenteuer scheuen wird. Und auch Seagrams Bronfman späht schon nach neuer Beute.

»Jeden Tag«, tröstet sich der Whiskey-Brenner, »kommt ein anderer Bus die Straße entlang.«

S.99Bisheriger Rekord: 1979 zahlte der Ölkonzern Shell 3,7 MilliardenDollar für die Übernahme der amerikanischen Ölgesellschaft Belridge,um die sich zunächst auch der deutsche Energiekonzern Veba bemühthatte (SPIEGEL 36/1979).*

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