Amazon-Chef vs. "National Enquirer" Mit dem Falschen angelegt

Das US-Klatschblatt "National Enquirer" hat zuletzt massiv Auflage verloren. Schmierige Storys über Amazon-Chef Jeff Bezos sollten die Verkäufe ankurbeln, das endete im Desaster. Jetzt werden die Finanziers nervös.
Jeff Bezos

Jeff Bezos

Foto: JIM WATSON/ AFP

Beim Durchblättern des aktuellen "National Enquirer" muss man sehr aufpassen, sonst übersieht man Jeff Bezos.

Der Titel widmet sich dem britischen Königshaus und den Gesundheitsproblemen diverser Stars, zudem berichtet das Blatt über Madonnas Midlife-Crisis, Bill Cosbys Sorgen im Gefängnis, Johnny Depps Dauerstreit mit Ex-Gattin Amber Heard.

Das Scheidungsdrama um den reichsten Mann der Welt jedoch, das den "Enquirer" seit Wochen beherrschte, ist diesmal ziemlich hinten versteckt.

"Amazon-Boss jagt Verräter von Sex-SMS!", heißt es über einem auffallend kurzen Bericht: Bezos forsche bisher vergeblich, von wem der "Enquirer" die kompromittierenden SMS, die Bezos und seine Freundin austauschten, gesteckt bekommen habe. Möge Bezos nur weiterforschen: "Der 'Enquirer'", heißt es, "äußert sich nicht zu seinen Quellen."

So schnell wendet sich das Blatt: Seit Januar hatte die Supermarktpostille den Skandal auf Dutzenden Seiten ausgebreitet, inklusive Paparazzi-Fotos und schlüpfrigen Zitaten. Nun ist dem "Enquirer" das Thema nur noch zwei Spalten wert.

Seit Bezos - dem auch die regierungskritische "Washington Post" gehört - behauptete, der "Enquirer" habe ihn mit Nacktfotos zu erpressen versucht, um Präsident Donald Trump einen Gefallen zu tun, ist die sonst so selbstsichere Gossip-Redaktion in der Defensive: Die Exklusivstory ging nach hinten los - und plötzlich steht für den "Enquirer" und seinen Verlag American Media Inc. (AMI) viel mehr auf dem Spiel als eine fette Schlagzeile.

Zahlte der Verlag Schweigegeld an Trumps Geliebte?

Der AMI-Vorstand lässt die Leaks an den "Enquirer" auf Rechtsbrüche hin untersuchen. Die New Yorker Staatsanwaltschaft, die wegen der Schweigegeldzahlung an mehrere mutmaßliche Geliebte Trumps gegen AMI ermittelte, prüft den Vorfall laut US-Medienberichten ebenfalls.

Doch am bedrohlichsten für den "Enquirer": Der Besitzer von AMI, ein Hedgefonds aus New Jersey, wird inzwischen offenbar auch nervös.

Das Verlagsgeschäft von AMI war im Sog der Printkrise ohnehin schon kollabiert. Die wöchentliche Auflage des "Enquirer", die mal bei sechs Millionen lag, verkümmerte 2018 nach Angaben des Fachmagazins "Adweek" auf knapp 218.000 Exemplare: 151.866 seien in 40.000 Supermärkten und 67.000 Drogerien verkauft worden, der Rest seien Abos gewesen.

Der Wirtschaftsdienst Bloomberg berichtete außerdem, "steile Verluste" und jahrelange "Schuldenexzesse" hätten AMI tief in die roten Zahlen gerissen: Der Verlag sei um mehr als 1,3 Milliarden Dollar verschuldet und auf dem Papier nur noch "minus 203 Millionen Dollar" wert.

Und dann kam die juristische Krise, in die AMI durch seine Nähe zu Trump rasselte.

Mit Bezos schnitt sich der "Enquirer" ins eigene Fleisch

Die Bezos-Scheidung hätte dem Verlag eigentlich Aufwind bringen sollen: Es begann als "Enquirer"-Recherche im alten Stil, so, wie man auch die Affären des Demokraten John Edwards und des Golfers Tiger Woods ausgeschlachtet hatte. Jene Enthüllungsgeschichten hatten AMI sogar die - widerwillige - Anerkennung der anderen großen Medien verschafft.

Doch mit Bezos schnitt sich der "Enquirer" ins eigene Fleisch. AMI-Chef David Pecker hat schon oft zum Wohl seines Freundes Trump agiert, etwa indem er dessen Affären aus den Schlagzeilen hielt - handelte er nun aus gleichem Motiv, indem er die Affäre des Mannes, den Trump gerne anfeindet, in die Schlagzeilen brachte? Allein die Spekulation schadet.

Obendrein rückte die Geschichte die Besitzverhältnisse von AMI ins Rampenlicht. Der Hedgefonds Chatham Asset Management kaufte 2014 - nachdem AMI auf einen Konkurs zusteuerte - die Mehrheit an dem Verlag. Die restlichen Anteile gingen an Pecker und den Investor Leon Cooperman aus New Jersey, einen einstigen Trump-Vertrauten, der sich inzwischen aber vom Präsidenten distanziert hat.

"Fragwürdiges Geschäftsgebaren"

Chatham managt fast vier Milliarden Dollar, darunter Renteneinlagen der Angestellten des Bundesstaats New Jersey. Und der ermahnte den Fonds nun: Aufgrund des "fragwürdigen Geschäftsgebarens von AMI" müsse Chatman seiner "Verantwortung als Treuhänder" gerecht werden und "seine Investoren vor unzumutbaren Risiken schützen".

Das könnte Chatham zum Beispiel über den AMI-Vorstand tun, der nun die SMS-Affäre um Bezos und den "Enquirer" untersucht: In dem sitzen - neben Pecker und dem ehemaligen Finanzchef des Casino-Konzerns Trumps - seit der Übernahme 2014 zwei Chatham-Vertreter.

Die Drohung der Vertreter des Bundestaats ist unmissverständlich: Sollten sich Bezos' Schilderungen als richtig herausstellen, dann wäre das Verhalten von AMI "völlig inakzeptabel". Es würde "allen Erwartungen widersprechen, die wir an Investmentpartner stellen", schreibt der Vorsitzende der zuständigen Behörde in New Jersey. Kurz: Im Ernstfall kann der Geldhahn für das verschuldete Blatt zugedreht werden.

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