Suche nach Pflegekräften Spahns heikle Mission in Mexiko

Gesundheitsminister Jens Spahn wirbt in Mexiko um Pflegekräfte für deutsche Kliniken und Heime. Der Hilferuf in dem Land ist politisch problematisch.

Henry Romero/ Reuters

Aus Mexiko-Stadt berichtet


Luz del Carmen Hernandez Padaza macht sich im November auf den Weg nach Deutschland. Acht Tage wird sie fort sein, und sie glaubt, dass die Reise ihr Leben verändern könnte. Die examinierte Krankenpflegerin hofft auf eine Zukunft in Übersee, in fernen Städten, die die Mexikanerin nur mit Mühe aussprechen kann: Düsseldorf, Köln, Berlin. Das Papier, das vor ihr auf dem Tisch liegt, macht ihr den Ausflug möglich. "Einladung des Bundesministeriums für Gesundheit" steht auf Spanisch darauf.

Jens Spahn hat es ihr an diesem Morgen in Mexiko-Stadt in die Hand gedrückt. Mehr als ein Dutzend mexikanische Pflegeexperten sitzen an diesem Tag an einer langen Tafel mit dem deutschen Minister. Luz del Carmen Hernandez Padaza trägt ein elegantes schwarzes Kleid, auch die anderen Fachkräfte, Ausbilder und Schulleiter haben sich offensichtlich schick gemacht. Dabei ist es der deutsche Politiker, der sich hier beweisen muss.

Jens Spahn ist nach Mexiko gereist, um den deutschen Pflegenotstand zu bekämpfen. Die Rede, die er vor den mexikanischen Pflegeexperten hält, ist auch eine Bewerbungsrede: Der Minister wirbt um mexikanische Fachkräfte. "Deutschland ist nach Japan das zweitälteste Land der Welt", sagt Spahn. "Wir brauchen dringend Pflegekräfte." Deshalb hat er 15 mexikanische Pflegeschulleiter und Fachkräfte nach Deutschland eingeladen. Es soll ein Pilotprojekt sein, der Beginn einer neuen Kooperation.

Jens Spahn mit Vertretern mexikanischer Ausbildungseinrichtungen
Henry Romero/ REUTERS

Jens Spahn mit Vertretern mexikanischer Ausbildungseinrichtungen

50.000 bis 80.000 Pflegestellen, so rechnet Spahn vor, seien in Deutschland unbesetzt. Krankenpfleger in Kliniken fehlen genauso wie Altenpfleger in Heimen. In Deutschland allein, so viel steht fest, wird der Bedarf kurzfristig nicht zu decken sein - auch wenn die Bundesregierung um Berufsrückkehrer wirbt, auch wenn Löhne steigen und auch wenn Auszubildende künftig nicht mehr selbst für ihr Schulgeld aufkommen müssen. Bis die neuen Gesetze wirken, wird es dauern.

Klinikkonzerne und Heimträger suchen bereits selbst auf der ganzen Welt nach Nachwuchs. Allerdings stoßen sie dabei immer wieder an Grenzen. Die Anerkennung von Berufsabschlüssen dauert quälend lang, und kleineren Kliniken oder Heimen fehlen ohnehin die Möglichkeiten, im Ausland Personal zu rekrutieren. Die Bundesregierung will jetzt dabei helfen. Es ist eine moralisch heikle Frage: Sollte ein Land Pflegekräfte in fernen Nationen anwerben? Darf eine alternde Nation wie Deutschland gezielt nach jungen Zuwanderern suchen, um seine Senioren umsorgen zu lassen?

Man darf nicht nur, man sollte sogar, findet Spahn. Unter einer Bedingung: Wenn beide Länder davon profitieren. Jedenfalls will das Ministerium unbedingt den Eindruck vermeiden, man klaue anderen Nationen ihre junge Generation.

So hat das Gesundheitsministerium in den vergangenen Monaten systematisch Länder identifizieren lassen, in denen die Bevölkerung vergleichsweise jung, der Fachkräfteüberschuss aber hoch ist. Oder kurz: Länder, die es verschmerzen können, wenn junge Menschen abwandern. Nach diesem Schema tourt das Gesundheitsministerium durch die Welt. Im Juli warb Spahn im Kosovo um Pflegekräfte, seine Staatssekretärin reiste im August auf die Philippinen. Jetzt also ist Spahn in Mexiko. Und es ist jetzt schon klar, dass es für Spahn nicht die letzte Mission im Ausland ist.

In Mexiko steigt der Bedarf nach Fachkräften

"Ich freue mich über jede Fachkraft", sagt der Gesundheitsminister. Aus dem Kosovo sollen es pro Jahr an die 1000 Zuwanderer sein, hofft er, aus Mexiko könnten noch einmal "einige hundert Pflegekräfte" kommen. Die Zahl der 15 mexikanischen Pflegeausbilder, die im November zu ihrer achttägigen Seminarreise nach Deutschland kommen sollen, scheint da vergleichsweise überschaubar. Spahn sieht sie als "Multiplikatoren": Kehren sie in ihre Heimat Mexiko zurück, könnten sie von ihren Erfahrungen in Deutschland erzählen. Außerdem sollen Kliniken und Heime künftig bei der Anwerbung von Pflegekräften unterstützt werden - durch eine verlässliche Zertifizierung von Visa-Vermittlern und die schnellere Anerkennung von Berufsabschlüssen. Um eine effektivere Personalvermittlung soll sich künftig eine neue Dachorganisation kümmern.

Allerdings ist eine Anwerbung in Mexiko politisch heikel. Zwar ist das Land jung, das Durchschnittsalter liegt bei 29,2 Jahren. Doch auch Mexiko altert, Leiden wie Diabetes nehmen zu. Und damit steigt auch in Mexiko der Bedarf nach Fachkräften. "Es fehlt uns an Personal", sagt der Leiter einer regierungsunabhängigen mexikanischen Gesundheitsstiftung im Gespräch mit Spahn.

Erst im Frühjahr hatte die OECD Mexiko ein ernüchterndes Urteil ausgestellt: Im internationalen Vergleich sei die Gesundheitsversorgung unterdurchschnittlich, weil es an staatlichen Investitionen fehle. Die Zahl der Klinikbetten sei sehr gering, auf dem Land mangele es an Ärzten und Pflegern. Nach einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es in Mexiko 2,9 angestellte Pflegefachkräfte pro 1000 Einwohner. In Deutschland sind es 12,9 Prozent.

Auch wenn es paradox klingt, könnte die Kooperation mit Deutschland Mexiko auf lange Sicht aber weiterhelfen. Leiter von Pflegeschulen berichten, dass sie viele Pflegeplätze nicht besetzen können, weil es nicht genug Kliniken gebe, in denen die Studenten ihre praktischen Ausbildungsteile absolvieren könnten. Ein Austausch mit Deutschland schafft da Erleichterung.

Auch Luz del Carmen Hernandez Padaza berichtet, dass es in ihrem Studienjahrgang "eine Menge Pfleger" gibt, die es nun in andere Länder zieht. Sie kann sich vorstellen, für länger in Deutschland zu bleiben. Möglicherweise für immer. Ihre Familie, sagt sie, sei da ganz offen. "Sogar meine Eltern wollen mich in Berlin besuchen kommen."



insgesamt 193 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
syt 21.09.2019
1. Wir brauchten mehr
mit einander,auf Augenhöhe ! Wir helfen Ländern mit unserer Technik ,und lassen uns helfen ,wo wir Probleme haben. Das heisst aber auch,das diese Menschen hier ,gleichen Lohn bekommen, und ihre Familien mit bringen,falls gewünscht !
beatrock63 21.09.2019
2. Anständige Entlohnung
der Arbeitskräfte hier im Land wäre die naheliegende Lösung. Aber Herr Span ist offensichtlich mehr an Schlagzeilen denn an Lösungen interessiert.
deroffenbacher 21.09.2019
3.
Nach einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es in Mexiko 2,9 angestellte Pflegefachkräfte pro tausend Einwohner. In Deutschland sind es 12,9 Prozent... PROZENT? Müsste wohl heissen: In Deutschland sind es 12,9 Pflegekräfte.
josho 21.09.2019
4. Dahinter steht vor allem die Aussicht....
.....dass durch diese Pflegekräfte das Lohnniveau bei uns gedrückt werden kann. Hätte man in der Pflege angemessen bezahlt, dann gäbe es diesen Notstand nicht. Wer hat noch einmal die letzten Jahrzehnte bei uns federführend regiert? Spahn und Kollegen....
marcanton80 21.09.2019
5. Haha
Ist das sein Ernst, jetzt sollen Damen aus Schwellenländern oder gleich der dritten Welt, den alten weißen Mann pflegen wenn er runzelig ans Bett gefesselt ist......anstatt diesen mist Beruf mal attraktiver zu machen durch eventuell mehr Lohn bessere work life Balance,nö können uns ja die Billigkräfte aus dem nahen oder fernen Ausland holen und hier dann ausbeuten weil es der Einheimische ja nicht mehr macht.....unglaublich .....was denken sich solche Politiker eigentlich dabei
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.