Jerry Yangs Rücktritt Die Lebenslüge der lila Legende

Er konnte Yahoos massive strukturelle Probleme nicht lösen - jetzt tritt Konzernchef Jerry Yang zurück. Es ist das vorerst letzte Kapitel in der Entzauberung einer Legende, die an ihrer eigenen Sturheit gescheitert ist.

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Hamburg - Der französische Wissenschaftler Gustave Le Bon schrieb in seiner "Psychologie der Massen" folgenden Satz: "Die legendären Helden, nicht die wirklichen Helden, haben Eindruck auf die Massen gemacht." Es ist ein Satz, der sich gut auf Jerry Yang beziehen lässt. Es ist vor allem seine Vergangenheit, längst zur Legende überhöht, die ihm den Nimbus des Helden gibt - und die er selbst so lange und so stur versucht hat, gegen den Einbruch einer neuen Wirklichkeit zu verteidigen.

Gescheiterter Yahoo-Chef Yang: Anführer für 17 Monate, Chief Yahoo auf Lebenszeit
AP

Gescheiterter Yahoo-Chef Yang: Anführer für 17 Monate, Chief Yahoo auf Lebenszeit

Legenden über Jerry Yang kann man in Yahoo-Hausen und im umliegenden Silicon Valley hören. Dort erzählen die Leute, dass der 40-Jährige manchmal in Meetings seinen Golf-Abschlag trainiert. Sie erzählen, dass Yang in E-Mails nie Großbuchstaben verwendet. Sie erzählen, dass Yang, der gebürtige Taiwanese, als er mit zehn in die USA übersiedelte, nur ein englisches Wort kannte: "shoes".

Doch Yang lernte schnell Englisch, und 1994 bereitete er mit einer kleinen IT-Klitsche und einer simplen Idee einer heute milliardenschweren Branche den Weg. Er und sein Mitstudent David Filo friemelten an der kalifornischen Stanford University eine Linkliste für das Internet zusammen. Dieses war seinerzeit noch weitgehend WWW-Wildnis, ein unübersichtlicher Web-Seiten-Wust, in dem sehr wenige Menschen mit sehr langsamen Modems herumsurften.

Mit ihrem einfachen Suchverzeichnis machten Yang und Filo das Steinzeit-Internet ein Stück weit gesellschaftsfähig. Ihre Applikation nannten sie zunächst "Jerry and David's Guide to the World Wide Web". Später wurde daraus "Yet Another Hierarchical Officious Oracle", kurz Yahoo. Übersetzt bedeutet der Name etwa so viel wie: "Noch so ein hierarchisch geordnetes, halbamtliches Orakel". Yang gab sich selbst den symbolischen Titel "Chief Yahoo", er war jetzt das Ober-Orakel.

Ob Yang und Filo tatsächlich orakelhafte Kräfte besaßen, lässt sich schwer sagen. Ob sie wussten, dass das Internet binnen anderthalb Jahrzehnten dem Fernsehen den Rang als Leitmedium abzulaufen beginnen sollte? Vielleicht hatten sie eine Vision, vielleicht hatten sie auch einfach nur Glück. Jedenfalls wurden Yang und Filo die ersten Milliardäre der Dotcom-Zeit, nachdem sie Yahoo 1996 an die Börse brachten. Auf seinem Höhepunkt hatte Yahoo einen Marktwert von 130 Milliarden Dollar.

Am Montag, dem Tag, an dem Yang mitteilte, nicht mehr Chef sein zu wollen, war Yahoo an der Börse gerade noch 15 Milliarden Dollar wert. Und Kritiker bemängelten, dass Yang mit seinem Rücktritt viel zu lange gewartet hat. "Wenn Jerry nicht einer der Firmengründer wäre, hätte er schon vor Monaten gehen müssen", ätzt Technikexperte Rob Enderle. Der Branchendienst "Paid Content" veröffentlichte eine Linkliste, eine Kurzübersicht der "Greatest Hits" aus Yangs 17-monatiger Regentschaft.

Yahoos Problemfelder
Schwächelnde Suchmaschine
Getty Images
Google ist die mit Abstand beliebteste Suchmaschine und hat Yahoo in den vergangenen Jahren immer weiter abgehängt. Google es geschafft hat, die Suche im Internet zu einem lukrativen Geschäft zu machen. Mit kleinen Textanzeigen, die neben Suchergebnissen stehen, verdient Google Millionen. Yahoo hat das Potential dieser Werbung lange unterschätzt, Google hat dadurch einen großen Technologievorsprung.

Der Erfolg des Firmenchefs wird stark am Suchmaschinengeschäft gemessen. Yang bemüht sich bislang vergeblich, gegenüber Google aufzuholen.
Technologie-Chaos
REUTERS
Dutzende Anwendungen sind unter dem Markennamen Yahoo zusammengefasst. Doch die Software von vielen dieser Dienste sind untereinander nicht kompatibel. Für dieses Kompatibilitätschaos ist Jerry Yang mit verantwortlich: Eine seiner Aufgaben war schon immer die Beaufsichtigung der Technologie.
Verlustreiches Werbegeschäft
DPA
Etwa 87 Prozent der Einnahmen macht Yahoo durch Online-Werbung, in den vergangenen Jahren sind die Einnahmen auf diesem Gebiet kontinuierlich gesunken. Eine Kooperation mit Google im Werbegeschäft, von der sich Yahoo bis zu 800 Millionen Dollar jährlich versprach, scheiterte im November an kartellrechtlichen Bedenken. Experten wie die Autoren des einflussreichen US-Branchenblogs Techcrunch hatten ohnehin schon den Versuch dieser Kooperation als Eingeständnis einer Niederlage gewertet.
In der Liste finden sich einige besonders zynische Überschriften, schon allein sie zeigen, wie wenig Legende und Wirklichkeit bei Jerry Yang noch gemeinsam haben. In ihr stehen Links zu Artikeln, die sich mit Yahoos einbrechenden Werbeeinnahmen befassen. Links zu Berichten, in denen beschrieben wird, wie Erzrivale Google Yahoo in Sachen Technologie und Reichweite immer mehr abhängte. Berichte darüber, wie Yang sich vergeblich bemühte, gegenüber Google aufzuholen.

Es finden sich Verweise auf Kritiker, die Yang Konzeptlosigkeit vorwerfen. Dutzende Anwendungen sind unter dem Markennamen Yahoo zusammengefasst, die Software vieler dieser Dienste sind untereinander nicht kompatibel. Für dieses Kompatibilitätschaos ist Jerry Yang mit verantwortlich: Eine seiner Aufgaben war schon immer die Beaufsichtigung der Technologie.

Die großen Drei: Microsoft, Google und Yahoo im Vergleich

Google Microsoft Yahoo
Umsatz in Mrd. US-Dollar* 16,59 51,12 6,97
Gewinn in Mrd. US-Dollar* 4,20 14,07 0,66
Mitarbeiter 16.800 79.000 14.300
Suchanfragen weltweit in Mrd. 37,1 2,2 8,6
Anteil der Suchanfragen weltweit 60,8% 3,5% 14,0%
Suchanfragen mobil USA in Mio. 6,3 1,2 4,2
Anteil Suchanfragen mobil USA 38,3% 7,3% 25,4%
E-Mail-Accounts in Mio. 51 256 262

* Zahlen für Geschäftsjahr 2007
Stand: Februar 2008, Quelle: Unternehmensinformationen

Doch nicht nur technisch blieb vieles, was unter dem lila Dach zusammenwachsen sollte, ungeordnet. Der gesamte Dienst Yahoo ließ in den letzten Jahren zusehends eine klare Linie vermissen. Dieses Problem hat Yang zwar nicht geschaffen, er hat es aber auch nie geschafft, seinem Laden wieder eine innere Struktur zu geben. Im Gegenteil: Er schaffte es noch nicht einmal, Yahoo nach außen strukturiert wirken zu lassen.

Auf einer Pressekonferenz im Mai sollte Yang definieren, was sein Konzern eigentlich genau ist. Er sagte: "Wir wollen, dass Sie den Tag mit Yahoo beginnen." Die "Financial Times" merkte seinerzeit an, dass dasselbe wohl auch für eine Dusche oder einen Kaffee gelte - und lieferte eine eigene, wenig schmeichelhafte Yahoo-Definition: "Microsoft macht Software, Google Suchmaschinen, Yahoo ist lila und hat ein Ausrufezeichen."

Jerry Yang hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, wie sehr ihm dieses Lila Software-Getüm mit dem Ausrufezeichen, am Herzen liegt. Im Mai, auf einem IT-Kongress, sagte er gar die vielbespotteten Worte "Ich blute lila". Es war seine Begründung dafür, warum er der beste Chef für das Unternehmen ist: weil er das Unternehmen ist. Seine emotionale Bindung an Yahoo aber war einer der Gründe, warum Yang Übernahmeangebot um Übernahmeangebot von Microsoft ausschlug. Der IT-Gigant hatte Yahoo kaufen wollen, um gemeinsam die Dominanz von Google im boomenden Werbemarkt rund um die Online-Suche zu brechen. Microhoo tauften die Zeitungen diese mögliche Allianz. Doch selbst als Microsoft für Microhoo den Phantasiepreis von 47,5 Milliarden Dollar bot, lehnte Yang ab.

Im Silicon Valley und in Yahoo-Hausen nennen die Leute Yang das "Superhirn". Sie sagen, er sei sehr stur - und felsenfest von seinen Fähigkeiten überzeugt. Seine Sturheit gegen Microsoft hat Yang viele Feinde eingebracht. Aktionäre wie der streitbare Großinvestor Carl Icahn kritisierten ihn für seine Verweigerung gegen den Deal. Sie verloren dadurch hohe Summen.

Der Druck auf die Yahoo-Kontrolleure, Yang abzusetzen, stieg - doch offenbar traute sich keiner, den Firmengründer vor die Tür zu setzen. Die Aktionäre waren da weniger respektvoll: Sie wählten Yangs Erzrivalen Icahn in den Verwaltungsrat. Der Finanzhai, der von sich selbst behauptet, "Blut im Wasser riechen" zu können, gilt als vehementer Verfechter der Microhoo-Idee.

Doch Yang blieb stur. Es blieb bei dem Nein. Stattdessen strebte er eine Werbeallianz mit Google an. Yahoogle schlagzeilte die Fachpresse. Yang versprach sich von der Kooperation bis zu 800 Millionen Dollar jährlich. Google aber ließ die Pläne vor wenigen Wochen platzen - wegen Bedenken der Wettbewerbshüter und Protesten von Werbekunden. Erst da brachte der Yahoo-Chef Microsoft wieder als möglichen Käufer ins Gespräch. Doch der Software-Riese ließ ihn abblitzen.

Jerry Yang hatte nun nichts mehr. Kein Microhoo. Kein Yahoogle. Nur einen Haufen wütender Aktionäre. Zu allem Überfluss kam Yang im dritten Quartal 2008 auch der erneute Ausbruch der Finanzkrise in die Quere. Er musste einen Gewinneinbruch von rund 64 Prozent hinnehmen, musste ankündigen, jede zehnte Stelle zu streichen. 1500 Jobs insgesamt, dabei hatte er erst im Februar 1000 Mitarbeiter entlassen müssen.

Yang hat es nicht geschafft, Yahoo aus der Krise zu führen. Die lila Legende ist entzaubert. Yang tat das Unvermeidliche: Er ging. Insider spekulieren nun darüber, ob auch Yahoo das in ihren Augen Unvermeidliche tut: sich kaufen zu lassen, um mit einem neuen starken Partner die Krise zu meistern.

Berichten zufolge sprach Yahoo wiederholt mit dem Internet-Portal AOL aus dem Time-Warner-Konzern über ein Zusammengehen. Manche Anleger vermuten auch, Icahn könnte sich nun erneut dafür stark machen, den lila Riesen doch noch mit Microsoft zu fusionieren. Das allerdings dürfte schwierig sein: Zwar ist Yang nicht länger Chef, er sitzt aber nach wie vor im elfköpfigen Verwaltungsrat und kann vor dort aus auf Entscheidungen einwirken.

Wie lila sein Blut noch immer ist, hat er bei seinem Rücktritt gezeigt: Seinen symbolischen Titel, den "Chief Yahoo", hat er offiziell noch immer nicht abgegeben.



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