Job-Kahlschlag Löscher krempelt Siemens komplett um

Fast 17.000 Stellen fallen weg: Siemens-Chef Peter Löscher drückt seinen Beschäftigten ein schmerzhaftes Sparprogramm auf - und provoziert damit Protest. Trotzdem hat der Manager gute Erfolgschancen.

München - Kärntner Dialekt kann sehr beruhigen. Das gerollte "r", ein geschmeidiges "schauen's", dazu ein charmantes Lächeln: So hat der Österreicher Peter Löscher bei Siemens   ein Jahr lang eine vor allem beruhigende Wirkung entfaltet. Als der Konzern mitten im Strudel der Korruptionsaffäre um seine Ehre kämpfte, klammerte sich manch ein Siemensianer an die Worte des neuen Chefs wie an die eines Retters.

Plötzlich klingt derselbe Dialekt kalt und herzlos. "Wir müssen jetzt handeln und unsere Kosten verringern", liest Löscher von seinem Blatt ab und verzieht keine Miene. Nur seine linke Augenbraue hüpft gelegentlich nach oben, als ob sie die besondere Bedeutung der Angelegenheit unterstreichen wollte.

Die dazugehörigen Zahlen erscheinen hinter Löscher auf einer Leinwand. Die 16.750 steht für die Stellen, die weltweit wegfallen. Über einem dunkelblauen Balken steht die 12.600 - so viele Mitarbeiter in Verwaltung und Vertrieb werden künftig nicht mehr gebraucht. In Deutschland sind es insgesamt 5250 Leute.

Das sind Daten, die Löschers Image bei den Mitarbeitern mehr als nur ankratzen. Der Siemens-Chef hat die Belegschaft herausgefordert.

Betriebsrat und IG Metall haben schon signalisiert, dass sie den Kampf annehmen. "Ich gehe davon aus, dass es bald Proteste gibt", sagt der Siemens-Bevollmächtigte der IG Metall, Michael Leppik, kurz nach dem Ende von Löschers Pressekonferenz.

"Weder nachvollziehbar noch akzeptabel und in diesem Umfang völlig überzogen" findet Bayerns IG-Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer die Pläne.

Jetzt ist es also raus, und der Retter Peter Löscher ist in der Realität bei Siemens angekommen. Ein Jahr lang stand er als aus den USA importierter Manager vor allem für die Neuerfindung des Konzerns und einen Kulturwandel. Der sollte nicht zuletzt die Folgen der Korruptionsaffäre beseitigen und einen solchen Skandal für die Zukunft verhindern. Dass Löscher mehr vorhat, haben manche im Unternehmen dabei vielleicht verdrängt.

Das Messer ganz oben angesetzt

Es ist kein Zufall, dass sich Löscher meist nur eine Stunde in der Woche persönlich mit der Aufarbeitung der Korruptionsaffäre befasst. Obwohl der Kärntner glaubwürdig für eine neue Kultur der Unternehmensführung steht und das etwa durch die Aussage belegt, er wolle niemals in den Siemens-Aufsichtsrat wechseln, trifft er lieber Kunden und beschäftigt sich mit der operativen Neuausrichtung des Konzerns.

Dazu gehört ein grundlegender Umbau, aus Löschers Sicht verbunden mit personellen Einschnitten. Bemerkenswert daran ist, dass Löscher das Messer zunächst ganz oben angesetzt hat und den unheilvollen Dualismus aus Zentralvorstand und Bereichsvorständen durch ein Führungsgremium ersetzte, dessen Mitglieder selbst die Geschäfte in den drei Sektoren Industrie, Energie und Medizintechnik steuern.

So wurden nicht nur einzelne Spitzenmanager auf einmal entbehrlich. Mit ihnen standen auf einmal ganze Stäbe und Verwaltungseinheiten zur Disposition, die spiegelbildlich für die fehlende Effizienz in der Führung standen. Bis 2010 sollen die Kosten in Verwaltung und Vertrieb nun um 1,2 Milliarden Euro gesenkt werden. Deshalb gelten knapp 17.000 Mitarbeiter als überflüssig.

Ganze Stäbe zur Disposition

Ob es deshalb zum großen Arbeitskampf kommt, ist längst nicht sicher. Dass überwiegend Mitarbeiter aus Verwaltung und Vertrieb betroffen sind, stärkt Löschers Position in den nun folgenden Verhandlungen.

Zwar führt die IG Metall an, 75 Prozent der Betroffenen seien gar keine Manager, wie von Löscher suggeriert, sondern fielen unter den von ihr ausgehandelten Tarifvertrag. Doch wie hoch ihr Organisierungsgrad unter den betroffenen Angestellten ist, sagt die IG Metall nicht. Die Stammklientel der Gewerkschaft, Arbeiter in den Produktionsstätten, wird von Löschers Sparprogramm weitgehend ausgenommen.

Zunächst dürfte jedoch das erste Signal der Verständigung wirken, das Löscher gesendet hat. Mehr als 1000 Stellen weniger als befürchtet sollen in Deutschland wegfallen, 5250 statt 6400. "Das ist ein erstes Zeichen des Entgegenkommens", sagt ein Gewerkschafter. "Das wird Schärfe aus dem Konflikt nehmen und zeigt, dass Luft in der Sache drin ist." Gleiches gilt für die Aussicht, dass das Sparprogramm unter Umständen ohne betriebsbedingte Kündigungen umzusetzen sei, wie Siemens-Personalvorstand Siegfried Russwurm in Aussicht stellte.

Ärger im mittleren Management

Einiges deutet darauf hin, dass Löscher in seinem verflixten zweiten Jahr größerer Ärger von anderer Seite droht: dem mittleren Management. Hier sind vor allem atmosphärische Störungen aufgetreten, verursacht nicht zuletzt durch Löscher selbst, der beherzt in manches Fettnäpfchen getreten ist, das er sich zudem noch selbst aufgestellt hat.

So hatte er auf äußerst unvorteilhafte Weise von einer "Lehmschicht" gesprochen, die im Zuge des Sparprogramms in der Verwaltung angegangen werden müsse. Kaum jemand wusste wirklich etwas mit dem Begriff anzufangen, aber irgendwie klang er nass und schmutzig. Als Löscher sein Management dann noch als "zu weiß und zu männlich" bezeichnete, nahmen manche das persönlich - auch wenn der Ruf nach mehr Vielfalt in der Führung von außen betrachtet konsequent erscheint in einem Konzern, in dem die Traditionen hochgehalten werden.

Druck von Investoren

Getrieben wird Löscher von seinen Investoren. Etwa ein Drittel haben die Siemens-Aktien seit seinem Antritt an Wert verloren. Die Konkurrenz von General Electric  , Löschers ehemaliger Arbeitgeber, hat sich deutlich besser entwickelt. Auch bei den Verwaltungskosten schneiden die Wettbewerber besser ab.

Manchem Analysten geht Löscher mit seinem 1,2-Milliarden-Euro-Sparprogramm daher noch nicht weit genug. "Die Größenordnung ist eher bescheiden", sagt Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck und verweist auf den Siemens-Gesamtumsatz von 72,4 Milliarden Euro.

Doch dabei wird es wohl nicht bleiben. So könne er weitere Stellenstreichungen unter schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht ausschließen, sagt Personalvorstand Russwurm. Und ob deutsche Werke der Sparte Transportation im Zuge des separaten Sparprogramms "Mobility in Motion" geschlossen werden müssen, sei noch nicht abzusehen.

Von einem Produktionsüberhang in Europa sprach Löscher am Dienstag jedenfalls schon. Und so tun sich die nächsten, womöglich noch brisanteren Konfliktfelder, bereits auf.

Diese Großkonzerne streichen Stellen - eine Auswahl

Unternehmen Branche wegfallende Arbeitsplätze Anmerkung
Henkel Konsumgüter 1000 bis 2011 in Deutschland
Unicredit Bank 2000 bei Tochter HypoVereinsbank
Continental Autozulieferer 2500 nach der Übernahme von Siemens VDO
Siemens Industrie 5250 bis 2010 in Deutschland
BMW Auto 7500 im Inland, davon 5000 Zeitarbeiter
Telekom Kommunikation 3000 bis 4000 pro Jahr bei der Tochter T-Systems
Quelle: dpa
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