Henrik Müller

Arbeitsmarkt nach Corona Jobs, Jobs, Jobs?

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Deutschland und andere westliche Länder haben einen spektakulären Beschäftigungsboom hinter sich. Ob wir nach überstandener Pandemie daran anknüpfen können, ist fraglich.
Mitarbeiter im VW-Werk in Wolfsburg: Anforderungen an Beschäftigte ändern sich rapide

Mitarbeiter im VW-Werk in Wolfsburg: Anforderungen an Beschäftigte ändern sich rapide

Foto: Swen Pförtner / picture alliance / dpa

Es ist noch gar nicht so lange her, da beherrschte die Angst vor Arbeitslosigkeit die Stimmung in Deutschland. Noch vor zehn Jahren galt der Mangel an Jobs als größtes gesellschaftliches Problem.  Eine verunsicherte Nation fürchtete sich davor, dass die Marktwirtschaft mit immer weniger Menschen auskäme – und dass viele Bürger kein selbstbestimmtes Erwerbsleben mehr führen könnten.

Binnen einem Jahrzehnt hat sich die Stimmung völlig verändert. Inzwischen dominiert ein fast unverbrüchlicher Joboptimismus. Selbst die Coronakrise, immerhin die tiefste Rezession seit Generationen, hat daran wenig verändert. Die Bundesbürger mögen frustriert sein von der nicht enden wollenden Pandemie. Doch was den Arbeitsmarkt betrifft, sind sie guter Dinge.

Erwerbslosigkeit sehen die allermeisten längst nicht mehr als drängendes Problem, anders als den Klimawandel oder die offenkundigen Mängel im Gesundheits- und im Bildungssystem. Zwei Drittel der Deutschen sind mit ihrer Arbeit persönlich zufrieden, 82 Prozent mit ihrer finanziellen Situation, wie die aktuelle Eurobarometer-Umfrage  zeigt. Bemerkenswert hoffnungsvolle Befunde – nach mehr als einem Jahr Pandemie, wiederkehrenden Shutdowns, Homeoffice- und Homeschooling-Stress, Impf- und Testmissmanagement.

Die Frage muss erlaubt sein, ob die Deutschen nicht einer kollektiven Illusion aufsitzen.

Die offiziellen Arbeitslosenquoten mögen nach wie vor niedrig sein. Aber: Immer noch sind rund 2,7 Millionen Menschen in Kurzarbeit.  Die zwischenzeitlich ausgesetzten Insolvenzregeln könnten eine Pleitewelle nur verzögert haben, die irgendwann doch unabwendbar sein mag. Dazu kommt ein beschleunigter technologischer Wandel: Rund die Hälfte aller Jobs in Deutschland drohe zu verschwinden oder sei zumindest tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt, warnt die OECD,  der Klub der Marktdemokratien.

Kommen auf den Arbeitsmarkt Verwerfungen zu, die wir derzeit noch völlig unterschätzen?

Die Mutter aller Unsicherheit

In der bevorstehenden Woche wird es einige neue Erkenntnisse zu den Beschäftigungsaussichten geben. Montag gibt das Münchner Ifo-Institut Auskunft über die Stimmung in den Unternehmen. Donnerstag legt die Bundesagentur für Arbeit neue Zahlen zur Arbeitsmarktentwicklung vor. Zum Tag der Arbeit (Samstag) werden sich die Gewerkschaften zu Wort melden, auch wenn Großkundgebungen dieses Jahr wieder ausfallen müssen.

Aktuell stehen die Signale auf Aufschwung. Die Industrie profitiert vom Export nach China und in die USA, die Baubranche von den nach wie vor sehr niedrigen Zinsen. Handel, Gast- und Eventgewerbe liegen noch darnieder, dürften aber nach (irgendwann) erfolgreicher Impfkampagne einen Boom erleben, wie Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen.

Noch ist die Unsicherheit groß. Engpässe beim Impfen und das Auftauchen neuer, aggressiverer Mutanten des Coronavirus könnten die konjunkturelle Erholung zum Stillstand bringen. Der Arbeitsmarkt hinkt auch deshalb hinter der wirtschaftlichen Entwicklung her. Die Zahl der Entlassungen hat sich zwar normalisiert, doch bei Neueinstellungen halten sich die Unternehmen immer noch zurück, beobachtet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).  »Corona«, schreiben die Forscher, »war für den Arbeitsmarkt ein herber Schlag, aber es hätte schlimmer kommen können.«

Das ist keine Untertreibung. Die Covid-Krise ist der größte Unsicherheitsschock, der in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte auf die deutsche Ökonomie eingewirkt hat, wie eine Studie unseres Forschungszentrums DoCMA  zeigt. Und er hat gravierende Schwächen bei Staat und Verwaltung offenbart, die wiederum die Investitionsbereitschaft der Unternehmen längerfristig beeinträchtigen könnten.

Doch Unsicherheitsschocks wirken sich höchst unterschiedlich auf die Wirtschaft aus, abhängig davon, aus welcher Richtung sie stammen. Die Finanzkrise warf lange Schatten, weil sie aus dem Wirtschaftssystem selbst kam: Die Finanzierungsbedingungen blieben über Jahre schwierig, Unternehmen investierten kaum, die Arbeitslosigkeit verharrte in vielen Ländern auf hohem Niveau. Der Covid-Schock jedoch kommt von außerhalb des Systems. Das deutet darauf hin, dass eine rasche Rückkehr zur Normalität möglich sein könnte, sobald die Pandemie erst abgeflaut ist und die Kontaktbeschränkungen gelockert sind.

Tatsächlich war die Entwicklung der Arbeitsmärkte vor der Coronakrise ziemlich spektakulär, nicht nur in Deutschland. Können wir daran nach überstandener Pandemie anknüpfen?

Rückblick: ein erstaunliches Jahrzehnt

Zwischen 2010 und 2019 entstanden in der Bundesrepublik rund drei Millionen zusätzliche Jobs, und zwar überwiegend reguläre, sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. Deutschland war keineswegs ein Einzelfall: Bevor die Coronakrise das Leben zum Stillstand brachte, erlebten viele wohlhabende Länder einen Beschäftigungsboom, der sich ab Mitte der Zehnerjahre immer weiter beschleunigte. In den USA und der EU entstanden im vorigen Jahrzehnt jeweils rund zehn Millionen zusätzliche Arbeitsplätze. 

Parallel dazu ging die Arbeitslosigkeit zurück. 2019 war Deutschland unter den OECD-Ländern (nach Japan) das Land mit der niedrigsten Quote an Beschäftigungssuchenden.

Immer mehr Menschen bekamen eine Chance. Die Langzeitarbeitslosigkeit ging zurück: In der Bundesrepublik halbierte sie sich in den Zehnerjahren, in Großbritannien sank sie auf ein Drittel, in den USA auf ein Fünftel.

Die positive Entwicklung verbesserte die Verdienstmöglichkeiten. Nach Jahrzehnten fallender oder stagnierender Lohnquoten stiegen die Werte in vielen Ländern in den vergangenen Jahren wieder spürbar.

Die zunehmende Knappheit an Arbeitskräften  trieb den Preis für Arbeit. Geholfen haben dürften auch steigende Mindestlöhne, die die Beschäftigungsdynamik, anders als von vielen Ökonomen befürchtet, kaum bremsen konnten.

Vom Ende der Arbeit – und ihrer Zukunft

Die Zahlen der vergangenen Jahre widersprechen der einst gängigen Behauptung, uns gehe die Arbeit aus. Digitalisierung, Roboterisierung und Globalisierung scheinen gerade nicht zu beschäftigungslosem Wachstum zu führen, sondern im Gegenteil zu einer Art Jobwunder.

Noch Mitte der Nullerjahre jedenfalls hielt kaum jemand einen solchen Beschäftigungsboom für möglich. Eine IAB-Studie kam damals zu dem Ergebnis, dass die Zahl der regulären Arbeitsplätze (Vollzeit, sozialversicherungspflichtig) in Deutschland zwischen 1991 und 2004 um knapp 20 Prozent gesunken war: minus 3,5 Millionen Jobs in der Industrie, minus 836.000 auf dem Bau, minus 363.000 in der Landwirtschaft, minus 344.000 bei Dienstleistern und Staat. Insgesamt fünf Millionen normale Jobs weniger. Wie in Deutschland, so hatte sich auch in anderen EU-Staaten die Arbeitslosigkeit verfestigt. Den USA attestierten die Ökonomen Richard Freeman und William Rodgers in einer Studie eine »überraschende Unfähigkeit, Jobs zu schaffen«.

So war die Lage zur Mitte der Nullerjahre. Entsprechend düster erschien damals die Zukunft der Arbeit.  Einige Forscher sagten Deutschland und anderen westlichen Ländern gar eine »Brasilianisierung« vorher: ein Abdriften weiter Teile der Bevölkerung in prekäre, informelle Arbeitsverhältnisse.

So weit ist es glücklicherweise nicht gekommen. In den Zehnerjahren kehrte sich die Entwicklung um. Können wir darauf vertrauen, dass es nach überstandener Pandemie so weitergeht?

Deutsche Schwächen

Für die nähere Zukunft sind wir mit zwei gegenläufigen Entwicklungen konfrontiert. Einerseits sorgt die demografische Entwicklung für einen Rückgang an Menschen im erwerbsfähigen Alter. Bereits ab 2023 wird die Arbeitsbevölkerung in Deutschland beginnen zu schrumpfen – es sei denn, die Zuwanderungsdynamik nähme wieder überraschend zu oder die nächste Bundesregierung würde rasch eine Liberalisierung des Renteneintrittsalters im Rahmen einer Agenda 2030 vorantreiben.

Weil andere westliche Länder sowie China ähnliche Altersverschiebungen erleben, sagen die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan eine »große demografische Wende« vorher. Weil nun nicht mehr Arbeitsplätze, sondern Arbeitskräfte chronisch knapp sind, prophezeihen sie in ihrem Buch »The Great Demographic Reversal« steigende Löhne, weniger Ungleichheit und zunehmenden Inflationsdruck.

Beschleunigter Wandel

Andererseits jedoch verändern sich die Anforderungen an die Beschäftigten rapide. Und Corona hat einige dieser Verschiebungen beschleunigt. Eine OECD-Untersuchung  hat 2020 am Beispiel mehrerer angelsächsischer Länder den veränderten Qualifikationsbedarf gezeigt. Ein Ergebnis: Technische Kenntnisse seien zunehmend gefragt, aber auch »transversale Fähigkeiten«, also Leute, die durch Zuverlässigkeit, Kommunikations- und Teamfähigkeit andere Menschen zur Zusammenarbeit befähigen.

Andere Begabungen hingegen verlieren an Bedeutung, etwa die Überzeugungskraft von Verkäuferinnen, die im stationären Einzelhandel extrem wichtig sein mag, in einer Konsumwelt des algorithmengesteuerten Digitalshoppings aber kaum mehr benötigt wird. Wer auf die Fertigung von Verbrennungsmotoren spezialisiert ist, kann nicht von heute auf morgen E-Autos bauen.

Der deutsche Arbeitsmarkt sei bereits vor der Pandemie »durch die Digitalisierung, die Alterung der Gesellschaft und den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaftsweise in Bewegung« gewesen, so die OECD. Nun müsse man sich auf ein beschleunigtes Tempo des Wandels einstellen. Deutschland sei darauf zwar insofern vorbereitet, als das Bildungsniveau  in der Breite der Gesellschaft hoch sei. Allerdings hapere es hierzulande an einem zielgenauen System der Fortbildung über das Erwerbsleben hinweg.

Arbeitskräfte mögen immer knapper werden, aber das bedeutet noch nicht, dass jeder Jobsuchende vermittelbar wäre. Wer im Zuge der Coronakrise seinen Job verloren hat, kommt umso schwerer mit dem gestiegenen Veränderungstempo zurecht. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist bereits wieder deutlich gestiegen. Auch viele jüngere Beschäftigte haben derzeit einen schlechten Start, der sich über viele Jahre negativ auf ihr Erwerbsleben auszuwirken droht, wie diverse Studien  zeigen.

Damit der andauernde Joboptimismus begründet ist, wird es noch einiger Anstrengungen bedürfen – bei den Unternehmen, der Wirtschaftspolitik und den Beschäftigten.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

München – Deutsche Stimmung – Das Ifo-Institut veröffentlicht den aktuellen Geschäftsklimaindex.

Brüssel – Europas Strategie – EU Trade Policy Day 2021: Die EU, die größte Handelsmacht der Welt, diskutiert ihren neuen Ansatz. Mit: Kommissionsvizepräsident Dombrovskis, WTO-Generaldirektorin Okonjo-Iweala und der EU-Handelsgeneraldirektorin Weyand.

Stockholm – Unter Waffen – Das Friedensforschungsinstitut Sipri veröffentlicht seinen Bericht zu den weltweiten Militärausgaben.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Philips, Michelin, Kuehne & Nagel, Tesla

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