Jubel und Sorge Geteilte Reaktionen auf Schrempp-Rücktritt

Die Börse feiert den Abschied von Jürgen Schrempp: Analysten und Kleinanleger beschwören bessere Zeiten und sparen nicht mit Kritik am scheidenden Konzernchef. Bundeswirtschaftsminister Clement hingegen sagt, Schrempp habe entscheidende Weichen im Konzern gestellt.


Betriebsratschef Klemm und Jürgen Schrempp: Keine unproblematische Beziehung
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Betriebsratschef Klemm und Jürgen Schrempp: Keine unproblematische Beziehung

Hamburg - Analysten und Kleinanleger reagierten euphorisch auf Schrempps Rücktritt. Und auch Analysten und Kleinanleger freuten sich offen über den Abschied des Konzernchefs. "Das Unternehmen kommt aus einem tiefen Tal der Tränen", sagte Thomas Meyer, Fondsmanager bei der Union Investment.

Wichtig sei nun, dass die Restrukturierung des Konzerns fortgeführt und die Profitabilität gesteigert werde. Auch Jürgen Pieper, Verkehrsexperte des Frankfurter Bankhauses Metzler, zeigte sich positiv überrascht von der Rücktrittserklärung des DaimlerChrysler-Oberhaupts: "Schrempp hat in der Vergangenheit zu viele schlechte strategische Entscheidungen getroffen." Ein andere Aktienhändler erklärte: "Schrempp ist mit seinem Vorhaben, einen globalen Autokonzern zu formen, kläglich gescheitert. Er hat mit den Zukäufen von Mitsubishi und auch Chrysler eine gute Marke ruiniert." Der designierte Nachfolger Dieter Zetsche bringe frischen Wind in das Unternehmen, so die Meinung vieler Experten.

Auch Stephan Droxner, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBB) hält Zetsche für den richtigen Mann. "Dieter Zetsche hat die US-Tochter Chrysler erfolgreich saniert und kommt auch in der Investment-Community gut an." Außerdem sei er charismatisch und volksnäher als Schrempp.

Eine kurzfristige Änderung der Unternehmensstrategie sei jedoch nicht zu erwarten, glaubt Droxner. Weder werde der Konzern die Produktion des Sorgenkinds Smart einstellen, noch sei zu erwarten, dass der Autobauer sich von der lange defizitären amerikanischen Tochter Chrysler trenne.

Auch Vertreter von Kleinanlegern nahmen ohne Bedauern Abschied von Schrempp. Ulrich Hocker, Chef der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Düsseldorf, übte harsche Kritik am DaimlerChrysler Aufsichtsrat, der Schrempps Vertrag letztes Jahr vorzeitig bis 2008 verlängert hatte. "Der Traum von Herrn Schrempp, einen weltumspannenden Konzern zu schaffen, ist schon lange gescheitert. Die Zeche hierfür haben die Aktionäre gezahlt", erklärte Hocker. "Wir hoffen, dass mit dem Nachfolger endlich wieder erfolgreichere Zeiten für DaimlerChrysler anbrechen."

"Schrempp hatte Mut und eine Vision"

In der politischen Landschaft wird der scheidende Konzernchef dagegen von einer ganz anderen Seite gesehen. Bundeswirtschatfsminister Wolfgang Clement zollte Schrempp "vollen Respekt" für seine unternehmerischen Leistungen und seine Kooperationsbereitschaft. In Fragen der internationalen wirtschaftlichen Entwicklung habe Schrempp immer mit der Bundesregierung zusammengearbeitet.

Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger rühmte Schrempps Engagement für das Land. Der Konzernchef habe zentrale Bereiche der Produktion und Wertschöpfung auf Dauer in Baden-Württemberg gehalten und so zahlreiche Arbeitsplätze gesichert. Außerdem habe die Eroberung der amerikanischen und asiatischen Märkte in Angriff genommen, die große Bedeutung für DaimlerChrysler hätten. "Er hat mit Mut und Vision auf die Veränderungen und die Globalisierung der Wirtschaft reagiert", sagte Oettinger.

Auch der DaimlerChrysler Gesamtbetriebsrat bewertete Schrempps Amtszeit insgesamt positiv. Schrempp habe seit seinem Amtsantritt im Jahr 1995 aus Einem "diversifizierten Technologiekonzern" wieder ein auf die Produktion von Autos und Nutzfahrzeugen konzentriertes Unternehmen gemacht, erklärte Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm. Auch die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler lobte Klemm als zukunftsweisend.

Zu Schrempps Haltung gegenüber der Arbeitnehmervertretung zog Klemm ein gemischtes Resümee. Zwar habe sich Schrempp stets für das deutsche Mitbestimmungsmodell eingesetzt, sagte Klemm. Er kritisierte jedoch gelichzeitig Schrempps öffentliches Bekenntnis zur Konzentration auf den Shareholder Value. Insgesamt sei das Miteinander jedoch positiv zu bewerten. Von Schrempps Nachfolger Dieter Zetsche erwarte man sich nun eine ähnlich konstruktive Zusammenarbeit.



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