Möglicher Machtmissbrauch Ippen-Verlag verhindert Veröffentlichung von Recherche über »Bild«-Chef Reichelt

Journalisten des Ippen-Verlags wollten über neue Erkenntnisse zu einem möglichen Machtmissbrauch durch »Bild«-Chefredakteur Reichelt berichten. Doch ihr eigener Verleger stoppte sie.
Julian Reichelt (Archivbild)

Julian Reichelt (Archivbild)

Foto: Jörg Carstensen/ DPA/ picture alliance

Neue Erkenntnisse über einen möglichen Machtmissbrauch gegenüber Frauen beim Springer-Verlag sorgen für Unruhe in dem Berliner Medienkonzern – und in anderen Verlagshäusern.

Nach dem Beschluss des Verlegers Dirk Ippen, Recherchen des hauseigenen Investigativteams über Missstände bei der »Bild« und im Hause Springer in seinen Publikationen nicht zu veröffentlichen, gehen die Rechercheure des Ippen-Verlags auf die Barrikaden.

»Heute Vormittag haben wir […] erfahren, dass Sie uns die für den Sonntag, 17. Oktober 2021, geplante Berichterstattung über Machtmissbrauch gegen Frauen und weitere Missstände bei Axel Springer SE und insbesondere durch die Person Julian Reichelt, BILD-Chefredakteur, untersagen«, heißt es in einem Schreiben vom Freitag, das dem SPIEGEL vorliegt.

»Wir sind schockiert von dieser Entscheidung.« Diese bedeute einen »Vertrauensbruch in der Zusammenarbeit zwischen dem Investigativteam und dem Verlag.«

Unterzeichnet haben den Brief Investigativchef Daniel Drepper, sein Stellvertreter sowie zwei Senior-Reporterinnen. Erst vor wenigen Monaten hatte der Ippen-Verlag das Rechercheteam des deutschen Ablegers des US-Portals »BuzzFeed« übernommen.

»Vorwürfe über Sex, Lügen und eine heimliche Zahlung«

Wie die »New York Times« schreibt , hatte das Ippen-Investigativteam wochenlang über möglichen Machtmissbrauch bei Springer und insbesondere in der Redaktion der »Bild«-Zeitung recherchiert – und dabei Zugang zu internen Dokumenten erhalten. Verleger Ippen habe aber die Veröffentlichung gestoppt.

Ein Ippen-Sprecher bestätigte dies gegenüber der US-Zeitung. Man habe vermeiden wollen, durch eine Veröffentlichung die wirtschaftlichen Interessen eines Wettbewerbers zu schädigen, begründete er den Beschluss.

Die »New York Times« berichtete Montag selbst über diese Dokumente und ihre eigenen Recherchen über die Zustände bei Springer: unter dem Titel »Vorwürfe über Sex, Lügen und eine heimliche Zahlung«.

Demnach soll Reichelt unter anderem einer jungen Frau, die damals als Auszubildende bei »Bild« arbeitete und mit der er eine Beziehung hatte, eine prestigeträchtige Aufgabe verschafft haben – obwohl sie sich selbst nach eigener Aussage nicht bereit dafür gefühlt habe.

Später soll er ihr eine Sonderzahlung über 5000 Euro gegeben und ihr gesagt haben, sie solle dies niemals jemandem erzählen. Eine Springer-Unternehmenssprecherin teilte der US-Zeitung mit, die Aussage der Frau enthalte »einige inakkurate Fakten«, nannte aber keine Details.

Die Aussage stammt dem Bericht zufolge aus internen Untersuchungen, die Axel Springer im Frühjahr eingeleitet hatte, nachdem Vorwürfe gegen Reichelt wegen möglichen Machtmissbrauchs, Mobbing und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen aufgetaucht waren. Dabei wurde die Wirtschaftskanzlei Freshfields eingeschaltet.

Der SPIEGEL beschrieb schon damals ausführlich das System Reichelt: unter dem Titel »Vögeln, fördern, feuern«.

Der »Bild«-Chef wurde damals einige Tage lang freigestellt, durfte aber bald an seine Position zurückkehren. Das Untersuchungsverfahren habe »keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung« ergeben, teilte der Verlag damals mit.

Beim Ippen-Verlag droht der Streit über den Veröffentlichungsstopp zu eskalieren. »Dass Sie […] entscheiden, dass wir die Geschichte nicht veröffentlichen dürfen, widerspricht allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung«, schreibt das Investigativteam. Die Entscheidung sei eine »absolute Verletzung« des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag, also der journalistischen und geschäftlichen Interessen.

»Wir müssen sicher sein«, schließt der Brief, »dass auch im Hause Ippen die Trennung von Redaktion und Verlag gilt.«

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