Compliance-Untersuchung Julian Reichelt muss Macht bei »Bild« künftig teilen

Julian Reichelt darf nach einer befristeten Freistellung wegen eines Compliance-Verfahrens wieder zurück zur »Bild«-Zeitung. Künftig bildet er allerdings eine Doppelspitze mit Alexandra Würzbach.
»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt

»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt

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CLEMENS BILAN / EPA

Julian Reichelt, Chefredakteur der »Bild«-Zeitung, kehrt nach einer befristeten Freistellung wegen eines Compliance-Verfahrens wieder zurück an die Spitze der Boulevardzeitung. Das teilte der Medienkonzern Axel Springer mit. Der Entscheidung liegt ein Untersuchungsbericht des Compliance-Verfahrens zugrunde, das sich mit verschiedenen Vorwürfen bezüglich des Verhaltens von Julian Reichelt befasst hat. Rund ein halbes Dutzend Mitarbeiterinnen hatte dem Medienhaus Vorfälle aus den vergangenen Jahren angezeigt, ein Team unter der Leitung von Chief Compliance Officer Florian von Götz kümmerte sich um die Aufklärung der Sachverhalte.

Das unternehmensinterne Compliance-Management hatte im Auftrag des Vorstands mit Unterstützung der Kanzlei Freshfields über einen Zeitraum von mehr als vier Wochen verschiedene Hinweise auf mögliches Fehlverhalten untersucht und ausgewertet. Für die Ermittlung war die Freshfields-Anwältin und frühere Staatsanwältin Simone Kämpfer zuständig. Auf Basis der vorliegenden Erkenntnisse hat der Vorstand der Axel Springer SE beschlossen, dass Julian Reichelt seine Arbeit fortsetzt und die am 12. März 2021 erfolgte Freistellung mit sofortiger Wirkung aufgehoben wird.

Vermischung von Beziehungen eingeräumt

Zum gleichen Zeitpunkt wird die Redaktionsleitung als Doppelspitze neu aufgestellt. Alexandra Würzbach, 52, derzeit Chefredakteurin der »Bild am Sonntag« und Mitglied der Chefredaktion der »Bild«-Gruppe, wird gleichberechtigte Vorsitzende der »Bild«-Chefredaktionen. Ihre Schwerpunkte werden die »Bild am Sonntag« sowie das übergreifende Personal- und Redaktionsmanagement sein. Für die inhaltliche Ausrichtung aller Produkte der »Bild«-Gruppe sind Alexandra Würzbach und Julian Reichelt gemeinsam verantwortlich.

Im Kern der Untersuchung standen die Vorwürfe des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Julian Reichelt hat die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die oben genannten Vorwürfe jedoch bestritten und dies eidesstattlich versichert.

»Ich weiß, ich habe Fehler gemacht«

»Ich weiß, ich habe im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen Fehler gemacht und kann und will das nicht schönreden«, wird Julian Reichelt in der Pressemitteilung zitiert. »Was ich mir vor allem vorwerfe, ist, dass ich Menschen, für die ich verantwortlich bin, verletzt habe. Das tut mir sehr leid. Rückwirkend kann ich das nicht mehr ändern, aber ich werde meine Chance jetzt nutzen und mich dafür einsetzen, gleichberechtigt mit Alexandra Würzbach und gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als ein Team eine neue Unternehmenskultur für Bild zu schaffen und vorzuleben.« Worin genau die Fehler von Reichelt bestanden, schreibt Axel Springer nicht.

Aus dem Konzern heißt es, es habe durchaus Belege für Affären mit Mitarbeiterinnen gegeben, was der Vorstand ausdrücklich missbillige. Beweise für einen Machtmissbrauch habe man jedoch nicht gefunden, deswegen dürfe Reichelt an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Bei der Bewertung habe eine Rolle gespielt, dass die Beziehungen einvernehmlich gewesen seien. In Zukunft will Axel Springer nach SPIEGEL-Informationen den hausinternen »Code of Conduct« neu formulieren. Etwaige intime Beziehungen innerhalb des Verlags, insbesondere mit Untergebenen, sollen künftig meldepflichtig sein.

Während der Untersuchung wurden Frauen von Mitarbeitern aus Reichelts Umfeld unter Druck gesetzt, dies ist auch dem Vorstand bekannt. Dazu heißt es bei Springer, der Vorgang könnte noch personelle Konsequenzen haben.

Zweite Doppelspitze innerhalb weniger Jahre

Reichelt wird die »Bild«-Chefredaktion nicht zum ersten Mal in einer Doppelspitze bestreiten. Tanit Koch war in der Nachfolge von Ex-Chefredakteur Kai Diekmann seit Januar 2016 für die Printausgabe zuständig, während Julian Reichelt für das Digitalangebot federführend war und als Vorsitzender der »Bild«-Chefredaktion die übergeordnete Verantwortung für die Marke trug. Im Februar 2018 schied Koch nach einem internen Machtkampf aus dem Verlag aus.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, bezeichnete das System der Doppelspitze damals ausdrücklich als Fehler. »Die Verantwortungskonstellation in der Chefredaktion war zwar gut gemeint, hat aber in der Praxis nicht funktioniert, weil diese Aufstellung nicht zu ›Bild‹ passt. ›Bild‹ braucht ganz klare Verhältnisse.«

rai/dpa
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