Isabell Hülsen

Rechtsstreit mit dem ehemaligen »Bild«-Chefredakteur Der Fall Reichelt

Julian Reichelt sieht sich als Opfer einer Kampagne, an deren Spitze er den SPIEGEL vermutet. Dabei lieferte er selbst die Gründe für seinen Rausschmiss als »Bild«-Chefredakteur.
Ehemaliger »Bild«-Chefredakteur Reichelt

Ehemaliger »Bild«-Chefredakteur Reichelt

Foto: Clemens Bilan / epa

Julian Reichelt, 41, ehemaliger Kriegs­reporter und bis vor Kurzem Chefredakteur der »Bild«, kennt nur Freund oder Feind. So gesehen ist es bloß konsequent, dass er seinen Rauswurf Mitte Oktober als Ergebnis eines politisch motivierten »Vernichtungsfeldzuges« gegen ihn deutete, wie er der »Zeit« verriet. An der Spitze dieses vermeintlichen Feldzugs: der SPIEGEL.

Wahr daran ist nur, dass der SPIEGEL als erstes Medium Reichelts mutmaßliches Fehlverhalten im Job öffentlich machte, das schließlich zu seinem Karriereende beitragen sollte: Der »Bild«-Chef hatte sexuelle Beziehungen mit jungen Mitarbeiterinnen, Auszubildende am Anfang ihrer Karriere.

Im März berichteten wir, dass der Axel-Springer-Verlag die Kanzlei Freshfields mit einem Compliance-Verfahren beauftragt hatte, um Vorwürfen des Machtmissbrauchs nachzugehen. Reichelt wurde freigestellt – durfte aber nach wenigen Wochen zurück auf seinen Posten. Ja, es habe Fehlverhalten gegeben, räumte Springer ein, aber keinen Machtmissbrauch.

Reichelt triumphierte und zog gegen den SPIEGEL vor Gericht. Einerseits, weil wir vor der Veröffentlichung die Springer-Pressestelle konfrontiert hatten, nicht ihn persönlich. Andererseits, weil wir nach Reichelts Meinung über das Verfahren gar nicht hätten berichten dürfen, weil an den Vorwürfen nichts dran sei. Das Gericht folgte ihm, was die Konfrontation anging, der Text wurde erst mal von der Seite genommen – anders, als Reichelt heute behauptet, jedoch nicht, weil der SPIEGEL Sachverhalte »erfunden« hätte. Wir haben gegen die Entscheidung Beschwerde eingelegt.

Die Gründe für seinen Rausschmiss lieferte der »Bild«-Chef am Ende selbst. Während Springer-Boss Mathias Döpfner von Hintermännern fabulierte, die Reichelt zu Fall bringen wollten, pflegte der weiter eine Beziehung zu einer jungen Kollegin. Mitte Oktober publizierte erst die »New York Times« Details zu Reichelts Verquickung von Bett und Beruf. Den Kollegen und Kolleginnen des Ippen-Verlags untersagte der eigene Verleger, Dirk Ippen, eine Berichterstattung. Und so war es der SPIEGEL, der seine Recherchen und die von Ippen zu einem Text verband.

Wenige Stunden vor der Veröffentlichung gab Springer Reichelts Rauswurf bekannt.

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