Zur Ausgabe
Artikel 33 / 94

HOCHSEEFISCHEREI Jungfräulich gekehlt

Aus Protest gegen die Unnachgiebigkeit Bonner Bürokraten will der letzte deutsche Herings-Reeder seine Flotte auflösen.
aus DER SPIEGEL 41/1976

Schon vor einem Jahr maulte und moserte der Porzer Herings-Reeder und Grundstücksmakler Wilfried Hilgert, 43, gegen die Spitzen des Staates: »Wenn man meinen Schiffen nicht die gleichen Chancen wie anderen Reedern gewährt«, warnte er Bundesernährungsminister Josef Ertl, »werde ich mich aus dem Fischerei-Geschäft ganz zurückziehen.«

In diesem Herbst gab Hilgert auf: Er bot seine Logger-Flotte dänischen und afrikanischen Interessenten an und erschreckte so die Liebhaber des echten und wahren Matjes-Genusses.

Denn schon seit Jahren stammen die veritablen deutschen Matjes-Heringe ausschließlich von Hilgert-Schiffen. Nur er nämlich läßt junge Heringe ohne Rogen und Milch nach altem Rezept auf hoher See »kehlen« (schlachten) und in Fässer einsalzen. Zeitweise schickte er bis zu fünf Heringslogger und zwei Fischdampfer zu den Fanggründen.

In das rauhe Geschäft hatte sich Landratte Hilgert bereits 1969 eingelassen. als er für 2.1 Millionen Mark die in Konkurs geratene »Glückstädter Heringsfischerei GmbH« kaufte. Von einstmals hundert westdeutschen Heringsloggern waren damals nach einer zehnjährigen Pleitefahrt ganze acht Schiffe übriggeblieben.

Getreu der Meinung des Reichsgründers Fürst Otto von Bismarck ("Wäre der Hering nicht so zahlreich und billig, er wurde als eine größere Delikatesse geschätzt werden als Hummer und Kaviar") ließ Hilgert unverdrossen seine Herings-Fänger ausschwärmen. Weder die Krise noch die seltener gewordenen Heringsschwärme in der Nordsee irritierten ihn.

Um den »Verwaltungswasserkopf« (Hilgert) an Land zu zerschlagen, hantierte er an der Glückstädter Mole eigenhändig mit Listen und Rotstift und erreichte, daß das marode Unternehmen schon nach wenigen Monaten wieder mit Gewinn arbeitete. Vier Jahre später war der Flottenchef gar so liquide, daß er sich mit der Cuxhavener »Nordatlantischen Hochseefischerei« eine zweite Reederei zulegen konnte.

Bei Behörden und Großfischern machte sich der »Seewolf vom Rhein« (Branchenspitzname) durch seine flotte Fahrt schon bald unbeliebt. So forderte er vom Bundesernährungsministerium eine strenge »Auszeichnungspflicht« für Salzheringe, die eine Verwechslung seines echten Matjes mit »an Land nachgekehlter Ware« verhindern sollte. Hilgert: »Es ist ein Betrug am Verbraucher, wenn auf dem Markt Matjes-Heringe verkauft werden, die ein Jahr alt sind, aber als frisch angeboten werden.«

Im Streit mit einem Fischproduzenten, der gefrorene Importheringe in »Original Glückstädter Matjes« verwandelte, bemühte Hilgert das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht, um sein Rezept juristisch abgesichert zu bekommen. Mit Erfolg: Die Richter bestätigten in ihrem Urteil, beim echten Matjes handele es sich »traditionell um einen jungfräulichen, seegekehlten und seegesalzenen Hering«.

Mit dem Fischkartell Seefisch-Absatz-Gesellschaft (Unilever, Oetker, Jacobs-Kaffee, Pickenpack) das mit 40 Schiffen 44 Prozent der westdeutschen Frischfischfänge anlandet. legte sich der Reeder an, als er an der deutschen Nordseeküste die Frischfischpreise unterbot. Öffentlich verspottete er die Kartellbrüder: »Die nehmen lieber einen finanziellen Verlust hin und verarbeiten Frischfisch zu Mehl, als den Fisch unter ihren festgesetzten Mindestpreisen in den Handel zu bringen.«

Die Strafe folgte prompt. Weil der Preisbrecher keiner »anerkannten Erzeugergemeinschaft oder Erzeugerorganisation« wie der Seefisch-Absatz-Gesellschaft angehörte, verweigerten ihm die Behörden fast alle beantragten Dieselöl-Subventionen. Außerdem blieb er von den in der Hochseefischerei begehrten Zuschüssen für Schiffsneubauten ausgeschlossen, die bis zu 30 Prozent der Kosten tragen.

Verbittert über diese Benachteiligung, begann der Reeder schon vor über einem Jahr, seine Flotte abzutakeln. Ein Schiff nach dem anderen wurde an dänische und deutsche Großfischereien ausgeliefert.

Vor dem Ausverkauf seiner letzten drei Logger startete der pfiffige Unternehmer sicherheitshalber einen neuen Branchen-Ausflug. Der Ex-Reeder will künftig in der ganzen Bundesrepublik Tennisplätze bauen. In Bonn plant er gleich eine Hallen-Anlage für zehn Spielplätze. Hilgert: »Da können einige Herren dann besser über ihre Fischereipolitik nachdenken.«

Zur Ausgabe
Artikel 33 / 94
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.