Kabinettsrüffel Bundesregierung pfeift Mehdorn zurück

Mit einer beispiellosen Zurechtweisung hat die Bundesregierung auf die von Bahnchef Mehdorn ins Spiel gebrachte Standortverlagerung der Konzernzentrale nach Hamburg reagiert. Die öffentliche Ohrfeige schwächt Mehdorn, trotzdem glaubt niemand an einen Rücktritt.

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Berlin - Mit feiner Diplomatie hielt sich das Kabinett heute nicht auf. Die Ansage für Bahnchef Hartmut Mehdorn war vielmehr klar und unmissverständlich. Der Umzug der Konzernzentrale der Bahn von Berlin nach Hamburg sei aus strukturpolitischen Gründen nicht akzeptabel, hieß es nach der heutigen Sitzung. Kein Hintertürchen im Tenor "müssen wir prüfen" oder "weitere Diskussionen sind erforderlich".

Bahnchef Mehdorn: "Beliebt hat er sich nicht gemacht"
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Bahnchef Mehdorn: "Beliebt hat er sich nicht gemacht"

Der Rüffel für den obersten Angestellten des letzten bundeseigenen Großkonzerns hat es in sich. Noch nie wurde ein Manager in der Weise vor aller Öffentlichkeit zurückgepfiffen. Mehdorn selbst blieb nicht mehr als der Hinweis darauf, dass schließlich noch nichts entschieden sei, weder im Bahnvorstand, noch im Aufsichtsrat. Fragen der Verlagerung von Arbeitsplätzen, des künftigen Konzernsitzes oder des Kaufpreises seien "noch gänzlich offen".

Am Abend zuvor hatte Mehdorn Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee noch mit dem Argument zu überzeugen versucht, dass schließlich der Mietvertrag für den Berliner Sony-Tower in wenigen Jahren auslaufe. Schon von daher müsse eine Entscheidung für die Unterbringung der Konzernzentrale getroffen werden. Doch Tiefensee konterte kühl - und in aller Öffentlichkeit: "Ich bin mir sicher, dass Berlin die Chance nutzen wird und dem Unternehmen attraktive Unterbringungsmöglichkeiten anbieten kann".

Der Wind weht künftig von vorn

Zuletzt nutzte der Minister noch die Möglichkeit, Mehdorn noch einmal daran zu erinnern, wer letztendlich der Herr im Haus ist. Er habe mit Mehdorn vereinbart, dass man auch künftig wichtige Entscheidungen der Bahn intensiv und frühzeitig miteinander abstimmen werde, sagte Tiefensee. Er sei sich sicher, dass dies eine gute und belastbare Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen dem Eigentümer und dem Unternehmen sein werde.

Die Reaktion der Regierung dürfte bei Mehdorn endgültig Klarheit geschaffen haben, woher künftig der Wind weht - von vorne. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein kurzes Gespräch mit dem Kanzleramt die Wogen glätten konnte. Die Narrenfreiheit, die er unter Bundeskanzler Gerhard Schröder genoss, gehört endgültig der Vergangenheit an. Rückhalt, so die Botschaft, ist keineswegs mehr uneingeschränkt gesichert.

Schon frohlocken die Kritiker des Bahnchefs, die Eskapade könnte das Ende seiner Amtszeit einläuten. "Mehdorn hat sich vergaloppiert" sagte ein Bundestagsabgeordneter am Rande einer Sitzung. Alle Erfahrung zeige, dass der Mann nicht zu disziplinieren sei. "Beliebt hat sich Mehdorn mit dieser Aktion nicht gemacht", sagt ein anderer. Alles deute darauf hin, dass Mehdorn die Interimszeit bis zur Regierungsübernahme für seinen Coup habe nutzen wollen.

"Nicht mehr tragbar"

Omid Nouripour, im Bundesvorstand der Grünen für Verkehrsfragen zuständig, wurde sogar noch deutlicher: "Mehdorn hat für sein selbstherrliches Vorgehen vor aller Augen eine herbe Klatsche kassiert. Das macht man doch nicht, wenn man mit so einem noch friedlich zusammenarbeiten will", sagt er. "Man muss die Frage stellen, ob der Mann überhaupt noch tragbar ist."

Dass der Bahnchef tatsächlich kurz vor dem Rausschmiss steht, glauben jedoch nicht einmal seine schärfsten Widersacher. "Mehdorn ist zwar nicht mehr sakrosankt", sagt Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann. "In einem zentralen Punkt hat das Kabinett seine Strategie jedoch bestätigt." Die Bahn dürfe sich von nun an auch den letzten Konkurrenten einverleiben.

Tatsächlich hat das Kabinett Mehdorns Plan gebilligt, die Bahn zum Logistikdienstleister umzubauen. Gegen die Beteiligungen an der Hamburger Hochbahn und an der Hafengesellschaft HHLA bestehen keine Einwände, auch wenn Opposition und unabhängige Fachleute massiv dagegen aufbegehren. Es handle sich um zukunftsweisende Strategien, sagte Tiefensee. Mit der Umsetzung der Pläne könne es der Bahn gelingen, sich auf den europäischen und internationalen Transport- und Logistikmärkten stärker aufzustellen.

Eine solche Zukunftsstrategie lässt sich aber nur mit einem Vorstandvorsitzenden verfolgen, der über entsprechenden Rückhalt von Seiten der Eigentümer verfügt, darüber sind sich auch die verantwortlichen Verkehrspolitiker von Union und SPD im Klaren. Diese versuchten denn auch anschließend, die Zurechtweisung als Petitesse hinzustellen.

"Was wirklich gestört hat, war die Art und Weise, wie diese Standortentscheidung herbeigeführt werden sollte", sagte der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion Georg Brunnhuber. Auch SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler, sonst nicht eben zurückhaltend mit seinen Äußerungen, betrachtet die Angelegenheit als beendet. "In den eigentlich wichtigen unternehmerischen Fragen hat Mehdorn volle Rückendeckung." Was die künftige Zusammenarbeit von Bahnchef und Bundesregierung betreffe, seien lediglich noch einige Stilfragen zu klären.



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Rainer Dressler, 12.04.2005
1.
Was soll man dazu sagen? Mir jedenfalls fällt zu DIESER Bahn nichts mehr ein. Preissteigerungen von - bis zu - 100% in den letzten paar Jahren. Gleichzeitig Verschlechterung des Service und der Flexibilität. Mittlerweile ist man mit dem Flugzeug (fast, da nicht immer) günstiger unterwegs, je nachdem, wo man hin will. Auf jeden Fall schneller. Ich persönlich kann nur den Kopf darüber schütteln, wie man sich Kunden so vergraulen kann.
DAW, 13.04.2005
2.
Das Problem ist doch ganz einfach: Die Privatisierung zielt eben nicht auf die optimale Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bürger ab, sondern nur auf die Erreichung der Börsenfähigkeit. Und danach sind die Fahrgäste / Kunden auch nur noch die Zahlemänner für Vorstände, Aufsichtsräte und Aktionäre wie schon bei den anderen börsennotierten Unternehmen. Das sieht man unter anderem daran, dass Mehdorn viele Strecken und Verbindungstypen wie den InterRegio zugunsten neuer ICE-Verbindungen eingestampft hat. Da braucht es Prestige - natürlich auf Kosten der Kunden - und da die Bahn ein Monopol (zumindest auf der Schiene) hat, darf sie fleißig alles testen und ausprobieren, bis sie komplett heruntergewirtschaftet ist, Mehrdorn mit Millionen im Ruhestand ist und auch die Aktionäre ihr Scherflein bekommen haben. Mal ehrlich: Wie selten dämlich müssen Regierungen sein, die Unternehmen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen der Bürger, welche außerdem eher als Volkseigentum zu bezeichnen sind, dem internationalen Kapitalmarkt in den gierigen Rachen werfen? Hat man aus Telekom sowie Ver- und Entsorgern immer noch nichts gelernt?! MfG Daniel
Rainer Dressler, 13.04.2005
3.
---Zitat von DAW--- Das Problem ist doch ganz einfach: Die Privatisierung zielt eben nicht auf die optimale Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bürger ab, sondern nur auf die Erreichung der Börsenfähigkeit. Und danach sind die Fahrgäste / Kunden auch nur noch die Zahlemänner für Vorstände, Aufsichtsräte und Aktionäre wie schon bei den anderen börsennotierten Unternehmen. Das sieht man unter anderem daran, dass Mehdorn viele Strecken und Verbindungstypen wie den InterRegio zugunsten neuer ICE-Verbindungen eingestampft hat. Da braucht es Prestige - natürlich auf Kosten der Kunden - und da die Bahn ein Monopol (zumindest auf der Schiene) hat, darf sie fleißig alles testen und ausprobieren, bis sie komplett heruntergewirtschaftet ist, Mehrdorn mit Millionen im Ruhestand ist und auch die Aktionäre ihr Scherflein bekommen haben. Mal ehrlich: Wie selten dämlich müssen Regierungen sein, die Unternehmen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen der Bürger, welche außerdem eher als Volkseigentum zu bezeichnen sind, dem internationalen Kapitalmarkt in den gierigen Rachen werfen? Hat man aus Telekom sowie Ver- und Entsorgern immer noch nichts gelernt?! MfG Daniel ---Zitatende--- Lieber DAW, wie wahr, wie wahr. Womit wir wieder beim Shareholdervalue wären, der alles und nichts bestimmenden Maxime. Ich frage mich nur, wie der bei der deutschen Bahn aussieht heutzutage, kann eigentlich nicht sonderlich toll sein. Wer fährt mit diesem sonderbaren "Ruderverein" eigentlich noch? Mal vor, mal zurück und Keiner von denen blickt mehr so richtig durch. Die Preisgestaltung ist mehr als obskur. Alles sehr seltsam... Mit den besten Grüssen aus dem Schwarzwald. Rainer Dressler
Pinarello, 14.04.2005
4.
---Zitat von DAW--- Das Problem ist doch ganz einfach: Die Privatisierung zielt eben nicht auf die optimale Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bürger ab, sondern nur auf die Erreichung der Börsenfähigkeit. Und danach sind die Fahrgäste / Kunden auch nur noch die Zahlemänner für Vorstände, Aufsichtsräte und Aktionäre wie schon bei den anderen börsennotierten Unternehmen. Das sieht man unter anderem daran, dass Mehdorn viele Strecken und Verbindungstypen wie den InterRegio zugunsten neuer ICE-Verbindungen eingestampft hat. Da braucht es Prestige - natürlich auf Kosten der Kunden - und da die Bahn ein Monopol (zumindest auf der Schiene) hat, darf sie fleißig alles testen und ausprobieren, bis sie komplett heruntergewirtschaftet ist, Mehrdorn mit Millionen im Ruhestand ist und auch die Aktionäre ihr Scherflein bekommen haben. Mal ehrlich: Wie selten dämlich müssen Regierungen sein, die Unternehmen zur Befriedigung von Grundbedürfnissen der Bürger, welche außerdem eher als Volkseigentum zu bezeichnen sind, dem internationalen Kapitalmarkt in den gierigen Rachen werfen? Hat man aus Telekom sowie Ver- und Entsorgern immer noch nichts gelernt?! MfG Daniel ---Zitatende--- Na ja, ist ja nicht so einfach, die Privatisierung der Staatsunternehmen geht ja von der EU aus, wir Deutschen also Paradeeuropäer müssen hier natürlich wieder weit voraus marschieren, die Franzosen scheren sich einen Dreck umd die EU, wenn es um das Wohl des Staates geht. Bleibt noch anzumerken, die Privatisierung der - vom Steuerzahler aufgebauten und finanzierten - ehemaligen Staatsunternehmen Bahn und Post kann man in Deutschland zumindest aus Sicht der Kunden und Verbraucher als restlos gescheitert sehen, ehrlich gesagt, ich kann diese grinsenden Gesichter der Herren Vorstände beider Unternehmen schon gar nicht mehr sehen. Siehe Deutsche Post, in den USA werden Milliarden in den Sand gesetzt, man will ja schließlich Global Player werden, hier in Deutschland wird abgebaut wo es nur geht, sei es Filialen, Mitarbeiter und Briefkästen, oder wie soll man die Nachricht verstehen, daß 2004 in den USA etwa 700 Mio Euro Verlust gemacht wurden, aber hier in Deutschland wieder mal tausende von Filialen und Mitarbeitern das Ende eingeleitet wird. Iss ja klar, das Geld für die Global Player Spielereien des Vorstandes muß ja schlißelich irgendwo herkommen. Auch Bahnchef Mehdorn will ja jetzt weltweit expandieren, getreu dem Motto, "wenn wir schon im eigenen Land nix auf die Beine kriegen, dann versuchen wir es halt gleich weltweit", schließlich denken alle nur noch Global. Gerade die Bahn lebt eigentlich nur noch von der Substanz aus den alten Bundesbahntagen, fragt sich noch wie lange.
Rainer Dressler, 14.04.2005
5.
---Zitat von Pinarello--- Na ja, ist ja nicht so einfach, die Privatisierung der Staatsunternehmen geht ja von der EU aus, wir Deutschen also Paradeeuropäer müssen hier natürlich wieder weit voraus marschieren, die Franzosen scheren sich einen Dreck umd die EU, wenn es um das Wohl des Staates geht. Bleibt noch anzumerken, die Privatisierung der - vom Steuerzahler aufgebauten und finanzierten - ehemaligen Staatsunternehmen Bahn und Post kann man in Deutschland zumindest aus Sicht der Kunden und Verbraucher als restlos gescheitert sehen, ehrlich gesagt, ich kann diese grinsenden Gesichter der Herren Vorstände beider Unternehmen schon gar nicht mehr sehen. Siehe Deutsche Post, in den USA werden Milliarden in den Sand gesetzt, man will ja schließlich Global Player werden, hier in Deutschland wird abgebaut wo es nur geht, sei es Filialen, Mitarbeiter und Briefkästen, oder wie soll man die Nachricht verstehen, daß 2004 in den USA etwa 700 Mio Euro Verlust gemacht wurden, aber hier in Deutschland wieder mal tausende von Filialen und Mitarbeitern das Ende eingeleitet wird. Iss ja klar, das Geld für die Global Player Spielereien des Vorstandes muß ja schlißelich irgendwo herkommen. Auch Bahnchef Mehdorn will ja jetzt weltweit expandieren, getreu dem Motto, "wenn wir schon im eigenen Land nix auf die Beine kriegen, dann versuchen wir es halt gleich weltweit", schließlich denken alle nur noch Global. Gerade die Bahn lebt eigentlich nur noch von der Substanz aus den alten Bundesbahntagen, fragt sich noch wie lange. ---Zitatende--- Heute war ich bei der Bahn um eine Fahrkarte für die nächste Woche zu holen, geht leider nicht anderst. Ich habe geschlagene 20 Minuten gebraucht, ohne anstehen, bis ich sie bekommen habe. Genau so lange hat der gute Mann am Schalter gebraucht, um in seinem Bahnsystem durchzublicken, wohin ich will und was ich will. Wobei, das muss ich sagen, ein letztendlich günstigerer Preis herausgekommen ist, als wenn ich die Fahrkarte im Internet bestellt hätte. Und schneller ist die Verbindung auch. Mehdorn, leider meine Meinung, ist nicht sehr zuträglich für die Deutsche Bundesbahn. Er stiftet mehr Unruhe bzw. Unordnung als Klarheiten für den Kunden. Was soll ich davon halten, wenn der Preis im Internet um rund 40 EUR teurer ist gegenüber dem Preis am Bahnschalter? Wobei genau diese immer seltener werden! Dubioser Verein, so langsam! Mit den besten Grüssen aus dem Schwarzwald. Rainer Dressler
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