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AUTOMOBILE Käfer im Kühlhaus

Ein Autohändler aus Hannover hat sich auf das Konservieren wertvoller Autos spezialisiert. Das Verfahren stammt von der Bundeswehr.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Vor acht Jahren, im Sommer 1970, wurden die schweren Kampfpanzer vom Typ M 47 in das Bundeswehrdepot bei Munsterlager rangiert -- der Tank voll Benzin, die Ölwanne voller Schmieröl. Im März dieses Jahres kletterten Reservisten der Ersatzreserve I in die Luken -- und alles war wie früher: Die Motoren sprangen an und liefen rasch rund, die komplizierte Panzer-Hydraulik funktionierte wie vor acht Jahren. Nicht einmal ein Scharnier war verrottet.

»Von der Bundeswehr«. weiß Günter Artz, Geschäftsführer beim Autohaus Nordstadt in Hannover, »können wir noch viel lernen.« Seit Jahren mühen sich die Nordstädter um eine Technik, die der Bundeswehr mit ihren alten Panzern und Kanonen längst vertraut ist: Alte Autos sollen für langjährige Lagerung gegen vorzeitigen Verschleiß präpariert werden -- und dennoch stets fahrbereit sein.

Daß diese Dienste sich auszahlen, erfuhr Artz schon vor sechs Jahren, als er dem stolzen Besitzer eines gerade perfekt restaurierten Mercedes 300 SL Roadster zur Hand ging. Der Mercedes-Fan wollte das Schmuckstück zehn Jahre lang unberührt lassen, um es später einer verblüfften Nachwelt als letztes Überbleibsel einer vergangenen Auto-Blüte zu präsentieren.

Beim Versuch, dem Mann zu helfen. stieß Artz auf eine äußerst aufwendige, gleichwohl aber keineswegs perfekte Methode: Der Mercedes wurde gründlich gereinigt, Hohlräume und Wagenunterseite mit einem Wachs-Bitumen-Gemisch versiegelt. Motor- und Getriebeöl, Kühlwasser und Benzin wurden durch chemische Schutzmittel ersetzt. Eine luftdichte Aluminium-Plastikfolie sollte das Cabrio vor Feuchtigkeit, eine Holzverschalung vor Stößen schützen.

Als Artz seine Verpackungskünste publik machte, meldeten sich sechs Dutzend Interessenten, um ihre alten Buicks und Daimlers, Porsches und Ro 80 nach dem Artz-Rezept einwickeln zu lassen.

Sie zahlten dafür eine Menge -- 6000 mit, 3500 Mark ohne Holzkiste -- und bekamen wenig garantiert: Nordstadt verbürgt sich lediglich für 18 Monate. Spätestens nach fünf Jahren soll die ganze Prozedur wiederholt werden.

Weil die Auftraggeber meist auf die unförmige Holzverschalung verzichteten, häuften sich versehentliche Beschädigungen an den zumeist in Privatgaragen parkierten Auto-Paketen. Überaus unbefriedigend war für die Auto-Enthusiasten auch, daß sie das einmal Verpackte bestenfalls noch fühlen, aber nicht mehr sehen und schon gar nicht mehr vorzeigen konnten.

So meldete sich ein Wiener schon drei Wochen nach der Verpackung telephonisch in Hannover: Er habe ungläubigen Partygästen seinen Jaguar in natura vorführen müssen. Die Verpackung sei dabei leider zu Bruch gegangen.

Solche Pannen will Artz mit dem Know-how der Bundeswehr in Zukunft verhüten. Die Oldtimer sollen in luftdichten Plastikzelten mit jederzeit zu öffnendem Reißverschluß abgestellt werden und so allzeit bereit sein.

Für das ideale Klima im Innenraum sorgt ein elektrischer Lüfter: Er produziert einen leichten Überdruck und garantiert ständig trockene Luft. »Allein die absolute Trockenheit«, so Artz, »ist wichtig.«

Ein Problem allerdings hat auch Artz noch nicht bewältigt: Die von einer schwedischen Firma entwickelten Spezialtrockner sind so dimensioniert, daß sie riesige Hallen, wie etwa die Depots der Bundeswehr, trocken halten. Kleingeräte für den Einsatz bei den Auto-Fans dagegen sind vorerst nicht im Angebot.

Artz selbst plant einen Großeinsatz. Er will eine leerstehende Kühlhalle -- »für so etwas ideal« -- pachten, sie an einen Schweden-Trockner anschließen und sie dann als Parkhaus für Oldtimer vermieten.

Über die Auslastung der Kapazität macht sich der Konservator keine Sorgen. Beim Autohaus Nordstadt lägen bereits »über fünfzig Neuwagen-Bestellungen« für den Tag vor, an dem das VW-Käfer-Cabriolet eingestellt wird -- von Interessenten, die fast ausnahmslos auch heute Cabrio fahren und lediglich für die Zukunft eines auf Vorrat haben wollen. »Diese Käfer«, so Artz, »die kommen dann erst mal ins Kühlhaus.«

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