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SOFTWARE Kämpfen, killen, Kehle zudrücken

Im Kartellverfahren gegen Microsoft hat die zweite Runde begonnen. Die Verteidigung versucht zu beweisen, daß das Software-Imperium kein Monopol besitzt - und zu verhindern, daß das übermächtige Unternehmen zerschlagen wird.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Thomas Penfield Jackson, Richter am U. S. District Court in Washington, läßt sich nicht leicht beeindrucken. Gelangweilt sitzt der überaus beleibte Mann in seinem Richterstuhl und blickt auf das Getümmel vor sich. 30 nadelgestreifte Anwälte drängeln sich da auf purpurnem Teppich. Der ungewöhnlich zahlreiche Aufmarsch italienischer Lederschuhe mißfällt dem Richter. So ein Anwaltsspektakel hat der Gerichtssaal Zwei noch nie gesehen.

Richter Jackson lehnt sich zurück und starrt an die Decke, als erwarte er eine Rasur. Er gähnt. Dann spielt er mit seiner Thermoskanne, und irgendwann kommt der Punkt, an dem die Augenlider langsam absinken wie die Rolltür einer Tiefgarage.

Der Richter macht ein kurzes Nickerchen. Niemand wagt es, Seine Ehren zu stören. Der Mann wird das erste Urteil sprechen in einem Fall, der als die größte Kartellklage der letzten Jahrzehnte in die Rechtsgeschichte der USA eingehen wird: die Klage der US-Regierung und von 19 US-Staaten gegen das Software-Unternehmen Microsoft - ein Fall wie der gegen John D. Rockefellers Imperium Standard Oil, der mit der Zerschlagung in 34 Teile endete.

Der Vorwurf des Justizministeriums: Die Firma von Bill Gates habe unrechtmäßig ihren Net-Browser Internet Explorer an das Betriebssystem Windows gekoppelt, um damit Netscape und andere aus dem Markt zu drängen. Da 95 Prozent aller neuen PC mit Windows ausgerüstet sind, sei das praktisch einem Monopol gleichzusetzen. Und das werde schamlos ausgenutzt - mit rüden Methoden und schmutzigen Tricks.

Um das zu beweisen, hat der oberste US-Kartellwächter Joel Klein hamsterfleißig Beweise gesammelt. Sein Trustbuster-Team sichtete 3,3 Millionen Seiten Microsoft-E-Mails, befragte Microsoft-Manager, Experten, Konkurrenten und Kompagnons. Der von Klein beauftragte Anwalt David Boies präsentiert nun seit über drei Monaten dem Richter auf 1400 Dokumenten Beweise gegen das Unternehmen und landete mehrere Coups. Der spektakulärste: Die Aussage von Microsoft-Chef Bill Gates wurde nicht verlesen, sondern per Video vorgespielt.

Statt einzuschreiten, ließen die teuren Anwälte von Bill Gates dessen Dämonisierung via Multimedia zu: Der reichste Unternehmer der Welt erschien überlebensgroß auf einer Leinwand, das erinnerte fatal an den irren Weltherrscher Mister X bei James Bond.

Gates machte dazu in seiner Rolle als Big Brother eine denkbar schlechte Figur. Er rutschte unwohl auf seinem Sessel herum, wich Fragen aus und antwortete vage. Als er clintonartig behauptete, sich weder an selbstgeschriebene E-Mails noch an seine Beteiligung an wichtigen Sitzungen zu erinnern, schüttelte der Microsoft-kritische Richter Jackson nur noch ungläubig den Kopf.

Boies nutzte die Waffe. Immer wieder spielte er Ausschnitte aus dem Video und koppelte sie mit enttarnenden E-Mails der führenden Microsoft-Manager. Von »Killerteams« ist da die Rede, die man zur Überzeugungsarbeit »bei IBM vorbeischicken« wolle; von der Einschleusung einer »verschmutzten« Programmversion eines Konkurrenzprodukts und der Notwendigkeit, bei einer Konkurrenzfirma »eine ganze Menge Schaden anzurichten«.

Kämpfen, killen, Kehle zudrücken - das sei die ganz normale Sprache in dieser hartumkämpften Branche, wiegelten die Microsoft-Vertreter ab. Und was ist mit den Taten? Nacheinander traten die Microsoft-Opfer in den Zeugenstand. Netscape-Chef

* 1996 während einer Diskussionsrunde.

James Barksdale berichtete von gewaltigem Druck. Microsoft verlangte, daß der Browser-Marktführer Netscape freiwillig aus dem Windows-Markt aussteige und seinen Browser nur noch für andere Betriebssysteme mache. Sonst würde das Software-Unternehmen seinen eigenen Internet Explorer mit wettbewerbswidrigen Mitteln anbieten und Netscape so schwächen, daß die Finanzmittel für Innovationen fehlen. Und genauso, behaupten die Kläger, geschah es auch.

Der Vizepräsident des Online-Dienstes AOL, David Colburn, sagte aus, Microsofts Internet Explorer statt des Netscape-Browsers ausgewählt zu haben, um auf den lukrativen Windows-Start-Bildschirm zu kommen.

Apple-Vizepräsident Avadis Tevanian berichtete, daß Microsoft ihn zwingen wollte, keine windowsgestützte Multimedia-Software zu entwickeln. Ansonsten würde man keine Windows-Versionen mehr für Apple schreiben.

Steven McGeady, Vizepräsident von Intel, sprach gar von Erpressung. Wenn die neue Ton- und Bild-Software von seiner Firma nicht zurückgezogen worden wäre, hätte Microsoft Windows für Intel-Chips inkompatibel gemacht, sagte er.

Noch härter erwischte es Sun Microsystems. Die Firma entwickelte die Computersprache Java, die auf allen Betriebssystemen anwendbar ist und auf der der Netscape Navigator läuft. Um den Zugang auf Windows zu beschränken, hat Microsoft eine eigene, modifizierte Java-Version entwickelt.

Auch die Microsoft-Argumentation, der Browser sei aus technischen Gründen nicht vom Betriebssystem zu trennen, wurde gleich von mehreren Experten widerlegt.

Microsoft wehrte sich mit dem Serviceargument: Die Kopplung diene der Kundenbequemlichkeit. Und all die anderen Klagen? Alles Gejammer von Konkurrenten, die nicht schnell und nicht gut genug seien. Die Apple- und Intel-Software sei nicht einwandfrei gelaufen, und der Internet Explorer sei einfach besser als Netscape, basta. Und zeige nicht die Ende November überraschend getroffene Verschmelzung von AOL und Netscape, wie beweglich und durchlässig der Markt sei?

Tatsächlich, räumte Richter Jackson ein, beeinflusse der AOL-Netscape-Verbund die Situation. Angesichts der 14 Millionen AOL-Kunden könne nach Meinung einiger Experten nicht mehr davon gesprochen werden, daß Netscape der Zugang verwehrt sei.

Oracle-Chef Larry Ellison sieht das anders: »Die innovativste Firma der letzten zehn Jahre ist tot, völlig zerstört von Microsoft.« Viele Experten stimmen zu. Der Zusammenschluß erhärte den Vorwurf der Regierung: Statt zwei Microsoft-Konkurrenten gibt es jetzt nur noch einen.

Ist also Amerikas führendes Software-Unternehmen eine Gefahr für die Öffentlichkeit? Schadet die Microsoft-Dominanz den Kunden? Nein, sagte Richard Schmalensee, Professor am Massachusetts Institute of Technology und erster Zeuge für Microsoft, auf deren Payroll er steht. Sein Argument: Microsoft nutze ihr Quasi-Monopol nicht, die Preise seien relativ niedrig und stabil. Was aber ist mit den Gewinnen? Jüngst meldete Microsoft eine Profitsteigerung um 75 Prozent.

Der Gewinn sei kein Indikator für eine Monopolstellung, behauptete Schmalensee - und lief Boies damit direkt ins Messer. Der hatte einen gegensätzlichen Artikel von Schmalensee parat, den dieser 1982 in der »Harvard Law Review« veröffentlicht hatte. Darin benennt der Professor anhaltend hohe Gewinne als einen guten Indikator für die Marktmacht einer Firma. Microsofts erster von zwölf Zeugen war blamiert.

Bill Gates, so berichten enge Freunde, kann nicht verstehen, daß im Land des Kapitalismus eine erfolgreiche Firma derart unter Beschuß gerät. Zudem sieht er sich selbst keineswegs in einer unangreifbaren Position. Der Unternehmer, der den Niedergang der Marktführer Lotus Development, Wordperfect und Novell beobachtet hat, fürchtet ständig ein ähnliches Schicksal für Microsoft. Unablässig analysiert er Konkurrenzprodukte. Sein Standardlamento: »Dieses Ding kann uns killen.«

Selbst seine eigenen Manager halten diese Angst für übertrieben. »Bill muß lernen, von seinem Underdog-Verhalten wegzukommen und sich wie ein Industrieführer zu benehmen«, riet Vorstandsmitglied David Marquardt.

Spät erst hat Gates begriffen, daß er an die Wohlfahrt spenden muß, um sich das Wohlwollen der Öffentlichkeit zu sichern. Viel zu spät merkte er, daß er auch politische Verbündete und Lobbyisten in Washington braucht.

Geradezu erfrischend naiv ließ Gates vor Jahren Bill Clinton abfahren, als der sich bei einer Golfpartie anmenscheln wollte. Das Gespräch über den Verlust der Mütter, den beide Männer gerade zu bewältigen hatten, dauerte nur kurz. Gates verbat sich solche Intimitäten. Und war seinerseits beleidigt, daß Clinton sich nicht für binäre Systeme interessierte. Nach 18 Löchern hatten sich die berühmten Bills nichts mehr zu sagen.

Als wenig später Clinton gegen Dole in den Wahlkampf zog, klimperte kein einziger Microsoft-Dollar in seiner Wahlkampfkasse. Bald darauf begann das Justizministerium das Antitrust-Verfahren.

Ob es den Microsoft-Verteidigern gelingen wird, angesichts des 95prozentigen Marktanteils den Monopolverdacht auszuräumen, darf bezweifelt werden. Dennoch könnte die Strafe gering ausfallen, denn Microsoft hat den Kunden bislang kaum beweisbar geschadet, und nur die Aussicht auf später möglichen Mißbrauch könnte als Argument zu dünn sein. Ohnehin wird der Fall wohl ans Berufungsgericht weitergereicht. Spätestens 2001 wird das Verfahren dann vor dem Obersten Gerichtshof landen.

Wie viele Microsoft-Konkurrenten dann noch übrig sind? MICHAELA SCHIEßL

* 1996 während einer Diskussionsrunde.

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