Käufliche Blogger Schwitzende Swinger

Blogger rühmen sich, die Anti-Elite der Medienbranche zu sein. Doch längst haben die Revoluzzer begonnen, sich mit Konzernen zu arrangieren. Schon gibt es erste Fusionen der einstigen Todfeinde.

Von , New York


New York - "Time"-Chefredakteur Jim Kelly hatte geladen, und die Crème de la crème der Presseszene war angetanzt. Schulter an Schulter drängten sie sich in Kellys Apartment, Bierflaschen und Cocktailgläser im Anschlag: Bill Keller, der Herr der "New York Times", Hendrik Hertzberg vom "New Yorker", CNN-Quotenretter Anderson Cooper und andere.

Der Ehrengast war ein anderer: Andrew Sullivan, der konservativ-schwul-katholisch-HIV-positive Blog-Pionier, der nach fünf Jahren Einzelkampf im Internet seine Web-Wallungen jetzt an "Time" verkauft hat.

Die "Time"-Sullivan-Fusion ist eine der ersten Ehen zwischen etablierten Medien und ihren angeblichen Todfeinden, den Bloggern. Sullivan kassiert nun Lizenzgebühr in unbekannter Höhe. Und Kelly hofft, dass Sullivans "unverkennbare, individuelle Stimme" der Anfang einer "Blog-Gemeinde auf Time.com ist".

Klatsch, Tratsch, ätzender Kommentar

"Ausverkauf!", schallte es prompt aus dem New Yorker Medienblog "Gawker", das sich rühmt, als Stachel im Fleisch des Establishments zu bohren. Doch auch die "Gawker"-Schreiber waren an jenem Abend in die Höhle des "Time"-Löwen gekommen, wenn auch misstrauisch und besorgt um ihre Unabhängigkeit. "Dies war die Party, wo sich teure Anzüge (Bill Keller) und billige Handtaschen (wir) zu einem einzigen, schwitzenden Medien-Gruppenfick trafen", nörgelte "Gawker"-Autorin Jessica Cohen.

Gawker-Seite: Nach Schätzungen setzt das Netzwerk 1,5 Millionen Dollar im Jahr mit Anzeigen um

Gawker-Seite: Nach Schätzungen setzt das Netzwerk 1,5 Millionen Dollar im Jahr mit Anzeigen um

Zeichen der Zeit. Zwar rühmen sich die Blogger, mit ihren "Web-Tagebüchern" voller Klatsch und ätzendem Kommentar eine Medienrevolution losgetreten zu haben. Doch längst haben beide Seiten begonnen, sich miteinander zu arrangieren. Gerade "Gawker" ist ein Beispiel, dass aus subversivem Herumtippen ein Geschäft werden kann.

Längst ist Gawker Media ein richtiger Verlag, der neben dem bissigen "Gawker" noch 13 weitere Blogs produziert - etwa die Klatsch-Pages "Wonkette" (aus Washington) und "Defamer" (aus Hollywood) und, Geschäft ist Geschäft, das Softporno-Blog "Fleshbot". An die 4000 Dollar am Tag, hat das "New York Magazine" ausgerechnet, dürfte "Gawker" mit Anzeigen verdienen. Mehrere "Gawker"-Blogs haben Verträge mit Yahoo! abgeschlossen und liefern dem Portal Inhalte zu.

"Wir sind kleiner, als alle denken. Das Anzeigengeschäft deckt nur unsere Rechnungen", widerspricht Gaby Darbyshire,  Entwicklungsdirektorin für Gawker Media. "Erwarte nicht, mit Bloggen reich zu werden." Über konkrete Geschäftszahlen will sie nicht reden.

Willkommen im Salon

Vom hobbyhaften Bloggen daheim im ungemachten Bett kann aber keine Rede mehr sein. Gawker Media residiert in den großzügigen Räumen von Meetup.com, einer erfolgreichen Internet-Firma, die Gruppentreffs organisiert. Und bald wird das Unternehmen in brandneue Büros in Soho umziehen: einen Blogger-"Salon" mit Sofas und einer Bar, damit der harte "nine-to-five job" (Darbyshire), zu dem das Bloggen geworden sei, angenehmer wird.

Gawker-Gründer und -Chef Nick Denton, früher mal Silicon-Valley-Korrespondent der "Financial Times", hat im Jahr 2000 schon mal ein Start-up verkauft - nun wohnt er in einem Luxus-Loft in Soho. Immer wieder munkeln sie, dass Denton auch sein Blogger-Reich an die "alte Garde" verkaufen wird - als Interessent wird die "New York Times" genannt.

"Es gibt 100 verschiedene Wege, deine Firma auszuverkaufen", sagt Darbyshire dazu nur und fügt, ganz die gelernte Anwältin, schnell hinzu: "Wir haben keine Pläne, Gawker in absehbarer Zukunft zu verkaufen." Die Frage ist aber berechtigt. Im Oktober 2005 ging das Blog-Konglomerat Weblogs an Time Warner - für angeblich 25 Millionen Dollar.

Kommt einem bekannt vor: Firmen mit minimalem Profit wechseln für enorme Summen den Besitzer. "Dies ist wie der Beginn des Internets", sagt Darbyshire. In der Tat erinnert der Blogger-Hype an den ersten Web-Boom: Aus einer anfangs völlig unorganisierten Informationsmasse kristallisiert sich eine Elite heraus.

Vorteile für beide Seiten

"New York Magazine" ließ die Blogger-Szene von Clay Shirky analysieren, einem Professor an der New York University. Der fand heraus, dass es eine sehr kleine, doch sehr populäre "A-List" von Blogs gibt ("Gawker", das Politblog "Daily Kos", das Techblog "Engadget"), die inzestuös verlinkt sind und so auf hohe Visits kommen. Die Mehrheit der 30,2 Millionen Blogs, die die Blog-Searchsite "Technorati" heute zählt, landet abgeschlagen auf der der "C-List": Winzige, bedeutungslose Privatblogs - ein Wust von redundantem "white noise" (Darbyshire).

Fest steht aber, dass die erfolgreichsten Blogs zum neuen Establishment mutieren. Gerade stand  die "Gawker"-Belegschaft für "Vanity Fair" Porträt, das Hausblatt der Medien-Hautevolée. 

Meldungen vom Tod der Blogs scheinen indes ebenso verfrüht wie die vom Tod der etablierten Massenmedien. Stattdessen, prophezeit Darbyshire, dürften sich beide Seiten am Ende miteinander einrichten. Schon jetzt gebe es eine "starke Symbiose" - die Blogs fungierten als Stichwortgeber für die Massenmedien, die wiederum den Blogs Reibungsmaterial lieferten. "Wenn alle die Vorteile dieses Arrangements erkennen würden", sagt sie, "stünden wir uns nicht so feindlich gegenüber."



insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
Rus, 14.09.2005
1.
kein interesse. keine tipps. ausser - buch kaufen. ;-) ne, also ich hab da bisher nichts mit anfangen können. gleichgesinnte können sich auch in foren treffen, obwohl, wenn jemand aufgrund seines gewichtes ( zum abnehmen ) quer durch die staaten läuft und das als weblog reinsetzt, ist das ein erlebnisbericht und von daher schon interessanter mal drüber zu schauen.
Daniel Kulla, 14.09.2005
2.
Der Vorteil von Blogs gegenüber Foren besteht hauptsächlich in der Abwesenheit von Gruppendisziplin. Blogs erzeugen und verstärken individuelle Standpunkte, die sich ohne Tagesordnung oder erzwungenen Konsens austauschen können. "Foren sind eh ganz schön deutsch", sagte Bob, "deshalb lese ich da meistens nur mit. Die Ältesten bestimmen den Konsens, alle anderen laufen im Minenfeld herum und schießen um sich. Wenn man irgendwas fragt, wird man sofort in irgendeine Fraktion einsortiert. Das stimmt völlig, daß sich da ganz üble Welten aufgebaut haben, weil es überhaupt keinen Abgleich mehr mit der Wirklichkeit gibt. Dann schon lieber Bloggen. Da ist jeder nur eine Durchgangsstation und kann aber sein Ding machen. Das ist in Deutschland auch auffällig wenig verbreitet." Tascha nickte: "Oh ja, da habe ich gerade erst in der c't gelesen, ausgerechnet der IT-Redakteur vom Focus - naja - meinte, daß in Frankreich jeder zweite Oberschüler ein Blog hat, und hier gibt es ganz wenige. Und er meinte, daß liegt an der mangelnden rhetorischen Kultur, an Technikfeindlichkeit und daran, daß es keine starken Zugpferde gibt, auf die sich alle beziehen." http://myblog.de/classless/art/1383126 _________ Weiterführende Literatur: "Die Blogosphäre", Frank Unger http://neuronal.twoday.net/files/magisterarbeit
DJ Doena 14.09.2005
3.
Blogs werden meiner Meinung nach in Ihrer Bedeutung zu hoch angesiedelt. Sie sind nur eine neue Inkarnation des Internets. Seit es dieses gibt, lässt es die Menschen interaktiv partizipieren. War es am Anfang noch das Usenet (http://de.wikipedia.org/wiki/Usenet), waren es später zu Zeiten des WWW die Gästebücher, die Kommentarfunktionen und die Webforen. Und jetzt eben die Blogs. Nur weil es 60 Millionen Blogs gibt, sind sie noch nicht besonderes. Ich möchte nicht wissen, wieviele Webforen es gibt, in denen von Star Trek bis "Weblogs - Zu hohe Erwartungen" alles ausdiskutiert wird,.
Marcel Bartels, 14.09.2005
4. Auf die Katzenbilder achten
---Zitat von sysop--- Nicht alle Weblogs sind freilich lesenswert, nicht jeder Blogger ist ein Talent. Was halten Sie von der Weblog-Flut? Lesen Sie Internet-Tagebücher? ---Zitatende--- Da möchte ich denn auch was zu sagen, lesenswert sind freilich nur Weblogs mit Katzenbildern. ;-) Besten Gruß Marcel vom Parteibuch http://www.mein-parteibuch.de/
sand222, 14.09.2005
5.
---Zitat von DJ Doena--- Und jetzt eben die Blogs. Nur weil es 60 Millionen Blogs gibt, sind sie noch nicht besonderes. Ich möchte nicht wissen, wieviele Webforen es gibt, in denen von Star Trek bis "Weblogs - Zu hohe Erwartungen" alles ausdiskutiert wird,. ---Zitatende--- Stimme ich voll zu!
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