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AFFÄREN Kajo und die Detektive

MG Technologies setzte Detektive auf einen Großaktionär an. Die Affäre kann den umstrittenen Sanierer Neukirchen jetzt den Job kosten.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Es gab einiges, das Otto Happel seltsam vorkam. Wurde er unterwegs nicht von einem bestimmten Auto verfolgt? Warum fotografierte ein Mann die Eingangstür und den Briefkasten des Bürogebäudes in Luzern, in dem Happel arbeitet? Und warum lungerten da Gestalten herum, die kaum einen Blick für den Luzerner See hatten, aber dafür umso intensiver beobachteten, wer das Gebäude betrat?

Happel fühlte sich an seinem Arbeitsort in Luzern, wo er eine Vermögensverwaltungsgesellschaft betreibt, beschattet. Und es war, wie der Multimilliardär nun weiß, kein Verfolgungswahn. Ausgerechnet ein Unternehmen, an dem Happel mit knapp zehn Prozent beteiligt ist, hatte eine Detektei auf ihn angesetzt: Die MG Technologies beauftragte die Firma Control Risks, Informationen über Happel zu sammeln. Und Control Risks arbeitete mit einem Schweizer Detektiv zusammen, der Happel vor Ort auskundschaftete.

Die bislang schon einmalige Auseinandersetzung zwischen Kajo Neukirchen, dem Vorstandsvorsitzenden der MG Technologies, und Happel, dem Großaktionär der MG, ist damit auf einer neuen Ebe-ne gelandet: auf der untersten, auf der Schmuddelebene.

Bislang stritten sich Happel und Neukirchen vor allem um Bilanzzahlen und deren Interpretation. Happel wirft, gestützt auf ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC), dem Vorstandschef vor, die Bilanzzahlen geschönt zu haben. Und er will mit einer Klage erreichen, dass die Bilanz der MG einer Sonderprüfung unterzogen wird. Der Konzernmanager und die Wirtschaftsprüfer der MG weisen die Anschuldigungen zurück.

Schon dieser öffentlich ausgetragene Streit ist höchst ungewöhnlich. Dass ein angestellter Manager aber eine Detektei beauftragt, Informationen über seinen Großaktionär zu sammeln, ist ein in der deutschen Industrie wohl einmaliger Vorgang. Zumal Neukirchen sehr gut weiß, wer dieser Happel ist.

Der studierte Maschinenbauer hatte in mehr als zwei Jahrzehnten die Familienfirma Gea zu einem führenden Unternehmen seiner Branche ausgebaut und es anschließend an die Frankfurter MG Technologies, die einstige Metallgesellschaft, verkauft. Happel bekam dafür einen Zehn-Prozent-Anteil an der MG und eine Barzahlung von über zwei Milliarden Mark.

Gegenüber dem SPIEGEL bestätigte die MG den Auftrag an Control Risks, Informationen über Happel zu beschaffen. Dies sei »legitim und in solchen Situationen üblich«. Die MG legt lediglich Wert darauf, keinen Auftrag erteilt zu haben, Aktionär Happel »persönlich zu beschatten«. Doch genau dies geschah offenbar. So fotografierte ein Detektiv nicht nur dessen Büroeingang, sondern auch das Privathaus Happels und fand heraus, dass er den schweizerischen C-Ausländerausweis besitzt, der nur bis zum 1. Juli 2001 gültig war.

Offenbar wurden auch Informationen über einen zweiten Großaktionär der MG, den Fondsmanager Richard Jenkins von AIM Funds, gesammelt, dessen Fonds rund sieben Prozent der MG-Aktien hält. Ein Detektiv hielt in seinen Notizen beispielsweise die »Observation: Sonntag, 14. Januar 2001« fest. An diesem Tag war Jenkins in Zürich und hatte, wie der Detektiv herausfand, »gleichzeitig Zimmer im Marriott und im Central Plaza gebucht«.

Jenkins ist mit seinem Fonds bereits seit Jahren an der MG beteiligt und hat in dieser Zeit mehrfach mit MG-Vorständen über deren Unternehmenspolitik gesprochen. Jenkins kritisierte dabei des Öfteren, dass die MG seit Neukirchens Dienstantritt im Dezember 1993 fast 70 Prozent an Wert verloren hat, während der vergleichbare M-Dax um 40 Prozent an-gestiegen ist.

Die MG sagt in einer Stellungnahme gegenüber dem SPIEGEL, der Auftrag an Control Risks habe Aktionär Happel betroffen. Demnach geriet Jenkins möglicherweise zufällig ins Visier der Detektive, weil er Kontakt mit Happel hatte.

In der Frankfurter Konzernzentrale der MG Technologies herrscht wegen des Einsatzes der Detektive jetzt große Aufregung. Im obersten Führungskreis der MG gehen immer mehr Manager auf Distanz zu Neukirchen. Mit dem Einsatz von Detektiven will vor allem Finanzvorstand Karlheinz Hornung nichts zu tun haben.

Der prominent besetzte Aufsichtsrat, in dem Vertreter der Allianz, der Deutschen Bank, von Siemens und RWE sitzen, ist in Alarmstimmung. Neukirchen hatte weder das Kontrollgremium noch dessen Vorsitzenden Helmut Werner, einst Mercedes-Benz-Chef, vorab über den Einsatz der Detektive informiert.

Der ehemalige Autoboss Werner hat Neukirchen lange gegen Vorwürfe aus dem Unternehmen (Topmanager beschwerten sich über den rabiaten Führungsstil) und von außen ("Financial Times Deutschland": »Grobian ohne Vision") in Schutz genommen. Vor kurzem verlängerte er sogar noch dessen Vertrag vorzeitig. Doch jetzt ist das Maß voll: Der Aufsichtsratsvorsitzende will einen Nachfolger für Neukirchen suchen. DIETMAR HAWRANEK

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