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Milliardenspiel: Die größten Akteure im Kalimarkt

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Lukaschenkos Kali-Krieg Ein Königreich für ein Kartell

Ein Top-Manager in Haft, ein Kartell geplatzt, ein Bestechungsversuch mit Milliarden: Weißrusslands Despot Lukaschenko und der russische Unternehmer Kerimow kämpfen um die Macht im Düngemittelmarkt. Der Kali-Streit steht vor dem Showdown.

Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko herrscht seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten in Weißrussland. Aus seinem früheren Leben als Direktor einer kommunistischen Sowchose, eines landwirtschaftlichen Großbetriebs, hat sich der Präsident ein Faible für bodenständigen Zeitvertreib bewahrt. Nachmittags, zwischen fünf und sechs, greife er gern einmal zum Beil und gehe Holz hacken, vertraute Lukaschenko russischen Journalisten an.

Ähnlich derb macht der Präsident mitunter Wirtschaftspolitik. Als der russische Uralkali-Konzern im Sommer aus einem Kartell mit Weißrusslands Staatskonzern Belaruskali ausscherte, ließ Lukaschenko kurzerhand Uralkali-Chef Wladislaw Baumgertner in Minsk verhaften. Baumgertner kam gerade von einem Treffen mit dem weißrussischen Premierminister.

Seit Ende August sitzt Baumgertner in Minsk fest. Sein Arbeitgeber Uralkali hatte über Jahre mit Lukaschenkos Staatsunternehmen Belaruskali Preise abgestimmt und gemeinsam Kunden beliefert, darunter viele in Indien und China. Die Partner kontrollierten zuletzt 40 Prozent des Weltmarkts für Kali-Salze, die für die Herstellung von Dünger gebraucht werden.

Das Kartell trieb die Preise hoch: 400 Dollar kostete 2009 eine Tonne im Schnitt, zeitweise wurden bis zu 900 Dollar gezahlt. Lukaschenko, dessen Land stark abhängig ist von russischen Öl- und Gas-Lieferungen, spülte das Kali-Geschäft Milliarden in die klamme Staatskasse. Das machte Belaruskali zum wertvollsten Unternehmen in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Land, aber auch interessant für russische Oligarchen.

Als Uralkali im Juli das Kartell mit den Weißrussen abrupt beendete und einen Preiskampf auf dem Weltmarkt anzettelte, traf das auch Konzerne im Westen. In Frankfurt stürzte der Kurs des deutschen Düngemittelherstellers K+S ab.

Für kein Unternehmen aber waren die Folgen so verheerend wie für Belaruskali. Während die gesunkenen Preise weltweit eher zu einer höheren Nachfrage führten, ist die Kali-Produktion in Weißrussland im Vergleich zum Vorjahr um 44,5 Prozent eingebrochen. Zwei von vier Minen im weißrussischen Ort Soligorsk mussten zeitweise geschlossen werden.

Es fehlen Bahnverbindungen und Englischkenntnisse

Nun zeigt sich, wie abhängig die Weißrussen von ihren russischen Kartell-Partnern waren. Über russische Bahnverbindungen wurden die Großkunden in Asien beliefert. Das Geschäft mit China und Indien sei nahezu komplett zum Erliegen gekommen, heißt es in Minsk - weil Belaruskali im Vertrieb Fachkräfte mit Englischkenntnissen fehlen.

Um den angeschlagenen Staatskonzern zu entlasten, hat Lukaschenko Belaruskali Export-Gebühren erlassen. Mit Dumpingpreisen von gerade einmal 140 Dollar pro Tonne versucht Belaruskali nun, Kunden im Nachbarland Russland zu ködern. Uralkali hat im Gegenzug die Preise im russischen Inland auf 160 Dollar gesenkt.

Der Ausbruch des Kali-Kriegs zwischen den ehemaligen Kartell-Partnern hat Experten überrascht. "Dass Uralkali das Kartell verlässt, war so wahrscheinlich wie ein Abschied Saudi-Arabiens aus der Opec", sagt Robert Kirchner, Ökonom vom German Economic Team Belarus. Beide Unternehmen hätten auch weiter die Preise am Weltmarkt beeinflussen und hohe Profite einstreichen können.

Viel spricht dafür, dass in dem Konflikt zwei Männer auch persönliche Rechnungen miteinander begleichen wollen: Weißrusslands Despot Lukaschenko auf der einen und der russische Uralkali-Großaktionär Suleiman Kerimow auf der anderen Seite. Kerimow gehört mit einem Vermögen von 7,1 Milliarden Dollar zu den reichsten Männern im Riesenreich  und ist berüchtigt für sein aggressives Geschäftsgebaren.

Bestechung mit fünf Milliarden Dollar?

Kerimow hatte Uralkali 2010 einem anderen Oligarchen abgekauft. Gern wollte er auch Belaruskali unter seine Kontrolle bringen. Verhandlungen mit Lukaschenko aber scheiterten. Mehr noch: Weißrusslands Präsident machte öffentlich, dass Kerimow dem weißrussischen Staat nicht nur einen Kaufpreis von zehn Milliarden Dollar angeboten hatte, sondern auch fünf Milliarden Bestechungsgeld für Lukaschenko persönlich. Dem Überbringer des Kaufangebots, einem Mittelsmann namens "Mischa", will Lukaschenko mit auf dem Weg gegeben haben, er werde ihm zwar "keine Handschellen anlegen", er solle aber "mit solchen Ideen besser nicht mehr zu mir kommen". Die Handschellen bekam dann später Baumgertner angelegt, Kerimows Top-Manager.

Dass Lukaschenko die Offerte öffentlich machte, war ein gezielter Affront gegen den stolzen Kerimow. Moskauer Marktbeobachter glauben, dass der Milliardär im Gegenzug den Preiskampf entfesselt hat, um Belaruskali sturmreif zu schießen für eine Übernahme.

Lukaschenko hat sein Kriegsziel in dieser Woche öffentlich gemacht: Der Weißrusse will Uralkali zurück in das Kartell zwingen und am liebsten erwirken, dass der Oligarch Kerimow sich wieder ganz aus dem Kali-Geschäft zurückzieht.

Prinzipiell müsse zwar "ein Dieb im Gefängnis sitzen", sagte Lukaschenko mit Blick auf den festgesetzten Uralkali-Chef Baumgertner, deutete aber auch Bereitschaft zu Verhandlungen an. Dieb hin oder her, er werde den Mann freilassen, natürlich gegen die Zahlung einer entsprechenden Summe, mit der Russland "den Schaden kompensiert", der Minsk seit dem Ende des Kartells entstanden sei.