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Kalt, kälter, am kältesten

aus DER SPIEGEL 6/1947

»Lieber wieder satte Nazischweine, als hungernde und frierende Demokraten«, das ist die klassische Formulierung, die ein amerikanischer Berichterstatter als Volksmeinung aus Frankfurt nach New York kabelt.

Tatsache ist, daß mit den sinkenden Außentemperaturen auch die Stimmung der deutschen Bevölkerung weiterhin tief unter den Nullpunkt gerät. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der anhaltenden Kältewellen, deren Temperaturen fast an die des Rekordwinters 1928/29 heranreichen, bedeuten einen Rückschlag in der Wiederherstellung normaler Verhältnisse um viele Monate.

Stromabschaltungen, Einschränkungen im Straßenbahnverkehr und die Schließung von Läden und Betrieben versetzen das öffentliche und wirtschaftliche Leben in einen Zustand frostklirrender Stagnation. Selbst Mühlen, Bäckereien und andere Versorgungsbetriebe arbeiten mit Unterbrechungen. Zahlreiche Fabriken - soweit sie nicht für Reparationen arbeiten - sind stillgelegt. Angestellte erledigen in Hut und Mantel die dringendsten Büroarbeiten. Die Arbeiterschaft hat Kälteferien und versucht auf mehr oder weniger legalem Wege sich in dem Zwei-Fronten-Krieg gegen Hunger und Kälte zu behaupten.

In Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und Arbeitsämtern sind in allen Teilen der Besatzungszonen Sofortmaßnahmen durchgeführt worden, zur Arbeitslosenunterstützung bei vorübergehenden Betriebseinschränkungen infolge Strom- und Kohlenmangels. Die hierzu notwendigen Beträge wurden aus öffentlichen Mitteln und - in Erinnerung an die jahrelang gezahlten Beiträge der Arbeiterschaft - aus dem Reichsstock der Arbeitslosenversicherung aufgebracht.

Die wöchentlichen Unterstützungssätze betragen: durchschnittlich 15 RM für Arbeiter, die über 36 RM Wochenlohn erhielten. Verheiratete beziehen 19,80 RM, für jedes Kind erhöht sich der Satz um 3,60 RM.

Stellenweise wurden die freigewordenen Arbeitskräfte für die Zeit der Betriebsunterbrechung dem Arbeitsamt zur Verfügung gestellt und anderweitig eingesetzt. So wurden 2500 Arbeitskräfte aus 34 Kölner Betrieben zu Arbeiten bei der Reichsbahn und anderen öffentlichen Betrieben eingeteilt.

Der teilweise Ausfall des Wasserstraßennetzes hat zu schwerwiegenden Stockungen in der Belieferung der arbeitenden Prioritätsbetriebe geführt und besonders die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln schwer gefährdet

Wieder einmal ist das zerbrechlichste Glied der gemeinschaftlichen Hungerkette, die Deutschland zusammenhält - das Ruhrgebiet - auf die Zerreißprobe gestellt. »Kein Brot - keine Nährmittel«. diese Schilder sind allmählich nicht wegzudenkende Dekorationsstücke der Lebensmittelgeschäfte geworden.

1300 Bergarbeiter der Schachtanlagen in der Nähe Duisburgs konnten nicht einfahren, weil ihre Frauen sich wegen der schlechten Brotbelieferung vor den Zechentoren aufstellten und ihre Männer daran hinderten, die Arbeit aufzunehmen.

Auch die Berliner Luft ist eisgekühlt. Die barbarische Kälte hat zustande gebracht, was viele für unmöglich hielten: Einigkeit im Stadtparlament. In allen Sektoren sind zahlreiche Betriebe geschlossen, in dem russischen Bezirk sind es 62. Fast eine halbe Million Menschen sind durch die Kälte arbeitslos. Die Unterstützungskosten teilen sich die Stadt, die Arbeitgeber und die Berliner Versicherungsanstalt.

Die Berliner sitzen die meiste Zeit des Tages in Dauerdunkelhaft. Im britischen Sektor ist man täglich 12 Stunden ohne Strom, in den anderen drei Sektoren sind es »nur« acht. In den Sprechzimmern der Aerzte herrscht Hochbetrieb Die Erfrierungen nehmen zu. Manche kommen und bitten den Arzt - in einem Falle für 500 Mark - um eine Spritze »die sie von dem Elend erlöst«.

Auch an der Wasserkante sieht es trübe aus. In Hamburg sind von 80 000 Hauswasserleitungen 16 000 geplatzt oder- eingefroren. Die Wasserversorgung ist durch den Frost teilweise unterbrochen. Um den immer häufiger werdenden Plünderungen von Kohlenzügen Einhalt zu gebieten, wurden Schnellstgerichte eingeführt, die Verurteilungen von Diebstählen in den Morgenstunden bereits am Mittag desselben Tages ermöglichen sollen. Die Urteile beschränken sich auf Geldbußen, da es wegen Platzmangels in den Gefängnissen nicht möglich ist, Haftstrafen zu verhängen. (Von 9181 Diebstahlsdelikten im Januar waren allein 4606 Kohlendiebstähle.)

Inzwischen hat das Zwei-Zonen-Wirtschaftsamt einen neuen Schlüssel für die Hausbrandversorgung im Monat Februar ausgearbeitet. Hiernach ist bei einer Förderung im Ruhrbergbau von über 212 000 Tonnen (die Rekordförderung der letzten Wochen war 223 000 Tonnen) für einen Vier-Personen-Haushalt dreiviertel Zentner Steinkohle oder eineinachtel Zentner Braunkohlenbriketts vorgesehen

Es gibt - vor allem nach dem letzten Rationserhöhungs-Trick - nur wenige in Deutschland, die an eine Besserung der allgemeinen Lage in der nächsten Zeit glauben. Nur daß die Sonne täglich etwas höher steigt, das ist ein Trost, der nicht von Konferenzen und Genehmigungen abhängig ist

Mundraub auf Brennstoffbasis

Gestern noch auf Kohlensuche - heute schon im Richterbuche Hausfrauen auf verlorenem Posten

Hoffentlich brennt das Gas noch eine Weile

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