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BANKENSICHERUNG Kameras, na dann los

Auf Bonner Dringen wollen die Banken ihre Schalter besser sichern. Das Kreditgewerbe bezweifelt den Nutzen.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Für Bankräuber galt die Filiale der Dresdner Bank in der Frankfurter Kaiserstraße einst als bevorzugte Adresse. Als aber die Kassenstelle vom Erdgeschoß in den 1. Stock verlegt wurde, blieb, so Dresdner-Bank-Manager Walter Vielmetter, der »regelmäßige Besuch aus

Im übrigen jedoch nahmen die regelmäßigen Besuche der Geldgangster zu. Von 1975 auf 1976 kletterte die Zahl der Banküberfälle in der Bundesrepublik um zehn Prozent auf knapp 400 Fälle: Statistisch schlugen die Räuber im vergangenen Jahr fast zweimal pro Werktag zu.

»Selbstbedienungsläden zur finanziellen Ausstattung von Terroristen«, wütete denn auch SPD-Fraktions-Chef Herbert Wehner vor zwei Wochen gegen die Kreditzunft, und sein Parteifreund Axel Wernitz, Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses, zog mit der Forderung nach, in die Schalterhallen der Banken unsichtbare Kameras einzubauen, die in Aktion treten, sobald Terroristen und andere Bankräuber zur Tat schreiten.

Sicherheitsexperten glauben nämlich, daß die erhofften Konterfeis aus den versteckten Kameras abschreckend wirken oder zumindest bei der Fahndung helfen: Auch maskierte Räuber sollen an Statur und Gestik identifiziert werden können.

Gegen die Anschaffung so teurer »optischer Raumüberwachungsgeräte« wie sie im Fachwelsch genannt werden. hatten sich die Kreditinstitute lange Zeit gewehrt. Die hier und dort eingebauten Fernsehkameras, so sagen die Banken, würden zu grob gerasterte und unscharfe Bilder liefern. Die geeigneten Photoapparate wiederum müßten per Knopfdruck ausgelöst werden, was die Sicherheit der Angestellten gefährde.

Jetzt aber wehren sich die Bankiers nicht mehr. Friedrich Wilhelm Christians, Präsident des Bankenverbandes. einigte sich mit Innenminister Werner Maihofer über verschärfte Sicherung der Schalterhallen mit Kameras und anderem Gerät. Verbandsgeschäftsführer Bernhard Schenk: »Nach Ponto hat die ganze Sache wieder drive gekriegt.«

Drive allerdings bekommen nun auch die Kosten. Von den 44 000 Kassenstellen in der Bundesrepublik sind bis jetzt höchstens 1500 mit Kameras ausgerüstet. Filmkameras aber, von denen nach Schätzungen des Bundesverbandes deutscher Banken mindestens zwei pro Filiale gebraucht werden, kosten 4000 bis 5000 Mark, Fernseh-Anlagen mindestens das Doppelte.

Unter dem Strich würde die Christians-Maihofer-Aktion mithin zwischen gut 400 Millionen Mark und einer Milliarde kosten, und das steht in keinem Verhältnis mehr zu den Verlusten, die ein Banküberfall bringt. Zudem haben die Geldgewerbler mit einer ähnlich kostspieligen Aktion in der Vergangenheit bereits schlechte Erfahrungen gemacht.

Als die Banken vor gut zehn Jahren begannen, mit einem Aufwand von schließlich 500 Millionen Mark die Kassierer mit Panzerglas zu umwanden, schreckte dies nur kurz, denn die Räuber änderten ihre Taktik. Sie nahmen Geiseln. Von den 364 im Jahr 1975 überfallenen Kassenstellen waren 250 schußsicher verglast.

Diese Einsicht aber nützt nun nichts mehr: »Der politische Druck ist da«, so ein Branchenvertreter, »es geht ganz einfach darum, irgend etwas zu tun. Die haben sich überlegt, was haben die Banken noch nicht; aha, Kameras, na dann los.«

Banken und Versicherer sind sich denn auch einig, daß die Sicherung der Schalterhallen sehr viel mehr kostet, als sie einbringen wird.

Allein der jährliche Zinsaufwand für die 400-Millionen-Investition liegt höher als der Zehn-Millionen-Verlust durch Bankräuberei der Terroristen. Dieser Verlust wiederum war dem Kreditgewerbe von den Versicherungen preiswert abgenommen worden.

Ob der Einbau hochsensibler Photographieranlagen in die Filialbetriebe die Überfälle und den Geldschaden verringert, bezweifeln die Bankiers immer noch. Das Risiko des Personenschadens dagegen könnte wachsen: mehr Geiselnahmen statt Sofortinkasso, mehr Gewaltanwendung statt Überredung. Fritjof Schäfer vom Verband der Sachversicherer: »Ob die Kameras helfen oder nicht, bewegt sich mehr im Gebiet des Glaubens.«

Sicherheitsexperten allerdings glauben sehr fest daran, daß der Kameraeinbau die Patentlösung ist. Während nämlich andere Schutzvorrichtungen, wie etwa herunterrauschende Fallgitter. die Täter, Kunden und Angestellte zu einer Käfiggemeinschaft zusammenschließen, oder Zeitschlösser an der Kasse, die dem Kassierer pro Stunde nur einen bestimmten Geldbetrag zur Verfügung stellen, zu Überreaktionen reizen könnten, arbeitet das System Kamera ganz ruhig. Das bloße Wissen um vorhandene Kameras schreckt ab, der Einsatz der Kameras erleichtert die Fahndung.

So kommt es denn, daß etwa die Stadtsparkasse Wuppertal, seit sie vor sieben Jahren elektronische Anlagen

* Kontaktstreifen einer Testaufnahme, vergrößerungen.

einbaute, in keiner ihrer Filialen mehr überfallen wurde.

Ein Beweis dafür, daß der Kamerakrieg lohnt, ist das allerdings noch nicht. Wenn nur wenige Banken gesichert sind, werden die Verbrecher den Weg des geringeren Widerstandes suchen. Wenn alle Banken in gleicher Weise zur Festung werden, bleibt ihnen der Ausweg in neue Einfälle.

Die allerdings wollen Kamerahersteller wie Marktführer Robot in Düsseldorf den Gangstern zumindest erschweren. Neuestes Angebot der Kamerabranche: ein Gerät, das nicht durch Fußdruck ausgelöst wird, sondern durch die Aushändigung des Geldes selbst. Greift der Kassierer die verlangte Beute aus seinem Schrank, so wird die Kamera in einem der Geldfächer elektromagnetisch eingeschaltet. Der Räuber photographiert sich selbst, mit drei Aufnahmen pro Sekunde.

Um welches Fach es sich dabei handelt, das weiß nur der Kassierer.

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