Kampf gegen die Rezession EZB senkt Leitzins auf 1,5 Prozent

Historischer Zinsschritt der EZB: Angesichts der schweren Wirtschaftskrise senkt die Europäische Zentralbank den Leitzins auf den niedrigsten Stand seit Bestehen der Währungsunion. Der Wert notiert nun bei 1,5 Prozent.

Frankfurt am Main/Luxemburg - Die Europäische Zentralbank (EZB) setzt im Kampf gegen die Wirtschaftskrise auf billiges Geld: Der Zinssatz wurde um 50 Basispunkte auf 1,50 Prozent zurückgenommen, wie die EZB nach einer Ratssitzung in Frankfurt am Main mitteilte. Zum ersten Mal seit der Einführung des Euro liegt der Zins damit unter der Zwei-Prozent-Marke.

EZB in Frankfurt: Leitzins auf Rekordtief

EZB in Frankfurt: Leitzins auf Rekordtief

Foto: DPA

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte einen solchen Schritt nach der Ratssitzung im Februar bereits angedeutet. Volkswirte hatten entsprechend fast einhellig damit gerechnet, dass der Schlüsselzins auf 1,5 Prozent reduziert wird. Mit den Mini-Zinsen versucht die Zentralbank, die Konjunktur in Europa wieder anzukurbeln. Die Idee dahinter: Je günstiger sich die Unternehmen Geld leihen können, desto eher investieren sie.

Die EZB hat den Zins im Kampf gegen die Krise seit Sommer mehrfach in Folge gekappt, im Februar zuletzt aber eine Pause eingelegt. Begünstigt wurden die jüngsten Zinsschritte durch einen deutlichen Rückgang der Inflation.

Der Teuerungsdruck im Eurogebiet bleibt weiter gering. Die jährliche Inflationsrate stieg im Februar nach Angaben der Europäische Statistikbehörde Eurostat vom Montag auf 1,2 Prozent. Im Januar lag der Wert bei 1,1 Prozent. Nach den Regeln der EZB ist Preisstabilität im gemeinsamen Währungsgebiet mit 16 Staaten bei Raten von bis zu zwei Prozent gewährleistet.

DGB kritisiert zögerliche Senkung

Die Wirtschaft begrüßte die Zinsentscheidung der Notebank. "Sie nutzt den Spielraum, den ihr der sinkende Preisdruck eröffnet", sagte der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. Angesichts der schwierigen konjunkturellen Situation sei die Zinssenkung angemessen.

Kritik an der EZB kam dagegen vom Deutschen Gewerkschaftsbund. "Sie reagiert zu spät und zu zögerlich auf die historische Wirtschaftskrise", sagte der DGB-Chefvolkswirt Dierk Hirschel. "Sie hätte sich ein Beispiel an den angelsächsischen Banken nehmen und die Zinsen schnell und drastisch senken sollen."

Nullzins in den USA

Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten ist das Zinsniveau in Europa immer noch hoch. Die US-Notenbank Fed hatte ihren Leitzins auf bis zu null Prozent gesenkt - und damit ihr Pulver verschossen. In Amerika sind nun weitere Zinsschritte nach unten nicht mehr möglich. Die EZB hingegen hält sich ein Türchen offen: Sollte die Konjunktur weiter abschmieren, kann sie die Zinsen doch noch senken.

Die meisten Volkswirte sehen die Untergrenze für den Leitzins bei der EZB im laufenden Jahr bei 1,0 Prozent. So gehen die Analysten der UniCredit von einem solchen Zinsniveau für die Jahresmitte aus. Ausschlaggebend für weitere Zinssenkungen seien die sehr schlechte Unternehmensstimmung, die stark fallende Inflation und die rapide Abschwächung bei der Kreditvergabe.

Zinstief in Großbritannien

Auch die britische Notenbank hat am Donnerstag ihren Leitzins wegen der Wirtschaftskrise erneut deutlich gesenkt. Der Zins werde um 0,50 Prozentpunkte auf 0,50 Prozent reduziert, teilte der geldpolitische Ausschuss der Bank of England in London mit.

Ökonomen hatten wegen der ausgeprägten Finanz- und Wirtschaftskrise in Großbritannien ebenfalls mit einer Zinssenkung in dieser Größenordnung gerechnet. Im Februar hatte die britische Notenbank ihren Leitzins wegen der Krise bereits um 0,5 Punkte und damit auf den niedrigsten Stand seit der Gründung der Notenbank im Jahr 1694 reduziert. Im September hatte der Leitzins noch bei 5,0 Prozent gelegen.

suc/Reuters/dpa-AFX