Kampf gegen die Rezession EZB senkt Leitzins weniger stark als erwartet

Die EZB reagiert mit einer neuen Zinssenkung auf die Rezession - mit 1,25 Prozent liegt der Leitzins nun auf einem historischen Tiefstand. Experten hatten allerdings mit einem größeren Zinsschritt gerechnet.


Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) forciert den Kampf gegen die Wirtschaftskrise: Der Leitzins wurde am Donnerstag um 25 Basispunkte auf nunmehr 1,25 Prozent zurückgenommen, wie die EZB nach der turnusmäßigen Ratssitzung mitteilte.

EZB in Frankfurt: Leitzins auf historisch niedrigem Niveau
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EZB in Frankfurt: Leitzins auf historisch niedrigem Niveau

Beobachter hatten allerdings mit einer Zinssenkung auf 1,0 Prozent gerechnet. "Das ist eine ganz klare Überraschung. Die EZB will sich offenbar noch ein bisschen Luft lassen. Die Botschaft lautet wohl: Wir wollen den Leitzins nicht unter die Marke von ein Prozent senken", sagte Norbert Braems, Volkswirt bei Sal. Oppenheim. "Das unterstreicht, dass die EZB sich mit unkonventionellen Maßnahmen schwer tut und nicht so aggressiv wie andere Notenbanken reagiert. Sie hält sich damit die Tür für einen weiteren Zinsschritt offen", erklärte Lothar Hessler von HSBC Trinkaus.

Zinssenkungen der EZB im Überblick: Auf historischem Tiefstand
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Zinssenkungen der EZB im Überblick: Auf historischem Tiefstand

Harsche Kritik kam von Gewerkschaftsseite. "Es ist unverantwortlich, in der jetzigen Situation die Zinsen nicht radikal zu senken", sagte Dierk Hirschel, Chefvolkswirt beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Die EZB riskiere, dass sich die Konjunkturkrise weiter verschärfe.

Allerdings liegt der Wert nach der aktuellen Entscheidung dennoch auf einem historischen Tiefstand. Seit Oktober hatte die EZB den Leitzins bereits in mehreren Schritten verringert. Zuletzt hatte die Zentralbank die Zinsen am 5. März um 50 Basispunkte auf 1,50 Prozent gesenkt. Eine Null-Zins-Politik wie sie etwa in den USA derzeit gilt, lehnt die EZB bislang ab.

Mit den Mini-Zinsen versucht die Zentralbank, die Konjunktur in Europa wieder anzukurbeln. Die Idee dahinter: Je günstiger sich die Unternehmen und Banken Geld leihen können, desto eher investieren sie.

Bislang haben die Zinssenkungen den Absturz der Konjunktur allerdings kaum bremsen können. Die Wirtschaft in der Eurozone wird laut Commerzbank wohl erst ab Herbst 2009 aufhören zu schrumpfen. Dann sollten die zahlreichen Konjunkturpakete und die massiven Zinssenkungen allmählich Wirkung entfalten, erwartet Commerzbank-Volkswirt Christoph Weil in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie. Im Gesamtjahr 2009 wird die Wirtschaft der Eurozone demnach um 4,5 Prozent schrumpfen, um dann im Jahr 2010 zu stagnieren.

Die Talfahrt habe sich zum Jahresbeginn beschleunigt, heißt es in der Studie weiter. Auftragseingänge und Industrieproduktion befänden sich im freien Fall. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte im ersten Quartal um mehr als zwei Prozent eingebrochen sein. Ein Ende der Rezession sei nicht in Sicht. Unternehmen und Haushalte seien stark verunsichert.

Entsprechend hoch ist die Bereitschaft, den Abschwung durch billiges Geld einzudämmen. Begünstigt wurden die Zinssenkungen zuletzt durch niedrige Inflationsraten. Angesichts einer Teuerungsrate von nur noch 0,6 Prozent im Euroraum überwiegen die anhaltenden Konjunktursorgen die Inflationsängste, wie die Ökonomen der Helaba erklären.



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