Kampf gegen Hunger Uno fordert massiven Ausbau der Landwirtschaft

Für Millionen Menschen geht es ums Überleben: Laut Uno muss die Nahrungsmittelproduktion bis 2030 um 50 Prozent erhöht werden, um den Bedarf zu decken. In Rom sind jetzt Staats- und Regierungschefs zusammengekommen - es geht um konkrete Beschlüsse im Kampf gegen den Hunger.


Rom - Weltweit steigen die Preise für Nahrungsmittel, Millionen Menschen leiden Hunger. Auf einem Gipfeltreffen in Rom sucht die internationale Staatengemeinschaft jetzt nach einem Ausweg aus der Krise. Die konkreten Forderungen von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon: Bestehende Hürden im Agrarhandel müssten fallen, bei den Welthandelsgesprächen der WTO sei eine dringende Einigung geboten.

Weltkarte: Diese Länder erhalten Entwicklungshilfe aus Deutschland
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Weltkarte: Diese Länder erhalten Entwicklungshilfe aus Deutschland

Ban erklärte auf der Konferenz in Rom, die weltweite Nahrungsmittelproduktion müsse bis 2030 um 50 Prozent erhöht werden, um die wachsende Nachfrage zu decken. Dazu seien "kühne und wichtige Maßnahmen" nötig. "Hunger nährt Wut, sozialen Zerfall, Krankheiten und wirtschaftlichen Niedergang", warnte Ban.

Papst Benedikt XVI. sagte in einem Grußwort, dass Hunger und Unterernährung in einer Welt mit ausreichend Ressourcen inakzeptabel seien. Millionen von Menschen schauten voller Hoffnung nach Rom, da ihr eigenes Überleben auf dem Spiel stehe.

An den Beratungen der Welternährungsorganisation (FAO) nehmen etwa 40 Staats- und Regierungschefs teil, unter ihnen der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy und der ägyptische Präsident Husni Mubarak. "Die Zeit des Redens ist vorbei, jetzt ist die Zeit zu handeln", sagte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf.

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Während der Konferenz werden kontroverse Debatten erwartet. Umstritten sind vor allem die Subventionen der Industrienationen für ihren Agrarsektor und der wachsende Flächenverbrauch für die Produktion von Biosprit. US-Landwirtschaftsminister Ed Schafer sagte auf dem Flug nach Rom, die Produktion von Biokraftstoffen trage nur mit zwei bis drei Prozent zu dem für dieses Jahr erwarteten Preisanstieg von 43 Prozent bei. Die Hilfsorganisation Oxfam beziffert diesen Anteil unter Berufung auf Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) jedoch auf 15 bis 30 Prozent.

Nach Berechnungen der Weltbank sind die Preise für Nahrungsmittel in den vergangenen drei Jahren um 83 Prozent gestiegen. Noch höher war die Teuerung bei einzelnen Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Reis. Auf der Konferenz wird auch diskutiert, inwieweit Spekulationen an den internationalen Agrarmärkten zu dem Preisauftrieb beigetragen haben.

Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind
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Neue Essgewohnheiten
In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.

Biokraftstoffe
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.

Spekulationen
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Schlechte Ernten
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.

Für diplomatischen Zündstoff sorgte in Rom die Teilnahme der Präsidenten des Irans und von Simbabwe, Mahmud Ahmadinedschad und Robert Mugabe. Die australische Regierung kritisierte die Teilnahme Mugabes als "obszön" - dem simbabwischen Präsidenten wird vorgeworfen, mit der Vertreibung weißer Landbesitzer eine schwere Agrarkrise in seinem Land verursacht zu haben.

Karl-Ludwig Günsche

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wal/AP/AFP/dpa



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