Kampf um "Münstersche Zeitung" Freigestellte Redakteure beklagen Rufmord

Nachdem in Münster eine gesamte Lokalredaktion geschasst wurde, streiten die Beteiligten. "Die Qualität war unterirdisch", rechtfertigt sich der Verleger. In einem offenen Brief antworten die Redakteure mit deutlichen Worten.

Hamburg - Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Proteste: Die Stimmung zwischen Verleger Lambert Lensing-Wolff und den 17 Mitarbeitern der alten Lokalredaktion der "Münsterschen Zeitung" (MZ) könnte eisiger kaum sein. Mitte Januar hatte der Verleger die gesamte Redaktion - Lokales und Sport - sowie das Redaktionssekretariat von einem Tag auf den anderen von Dienst freigestellt. Zuvor war die Redaktion unter abenteuerlichen Umständen aus dem Pressehaus ausquartiert worden und hatte im Druckhaus arbeiten müssen. 19 Kollegen waren zunächst von der Freistellung betroffen, inzwischen sind es immer noch 15.

Die Übriggebliebenen kämpfen seit Wochen um ihre einstigen Jobs. Die Gewerkschaften sammelten rund tausend Unterschriften gegen die Freistellungen. Etliche Leser der "Münsterschen Zeitung" bestellten ihre Abos ab, andere riefen zum Boykott des Blattes auf. Künstler der Stadt - darunter Musiker und Moderator Götz Alsmann und Steffi Stephan, Weggefährte von Udo Lindenberg - veranstalteten ein Solidaritätskonzert für die geschassten Journalisten. 800 Zuschauer kamen. Ein Umdenken in der Verlagsleitung jedoch scheint nicht in Sicht.

In einem Interview mit dem Branchendienst "kressreport" bekräftigt Verleger Lensing-Wolff seinen Kurs. "Wir standen vor der Entscheidung, jetzt zu handeln oder mittelfristig unterzugehen", sagte er. "Das Qualitätsniveau war derart unterirdisch, wie ich es noch bei keiner anderen Redaktion erlebt habe."

"Massive Rufschädigung"

Solche Äußerungen empfinden die einstigen Lokalredakteure als "öffentliche Diffamierungen" und "massive Rufschädigung", wie es nun in einem offenen Brief heißt. Potentielle neue Arbeitgeber würden so abgeschreckt, klagen die Unterzeichner. "Dadurch verschlimmern Sie unsere Lage, nachdem Sie bereits im Begriff sind, unsere berufliche Existenz zu zerstören."

Als reformunfähig sieht sich keiner aus der alten Mannschaft. Der Wille, sich an Fortbildungen zu beteiligen, sei stets hoch gewesen, schreiben die Journalisten. Eigene Vorschläge zur Verbesserung des Produktes seien bereits vor zwei Jahren vorgelegt worden, jedoch am "Widerstand der Redaktionsleitung" gescheitert. Die Redaktionsleitung, der langjährige Chefredakteur und Lokalchef Claus-Jürgen Spitzer, fungiert inzwischen als Herausgeber. Für das vom Verleger als unterirdisch bezeichnete Niveau und den geschäftlichen Niedergang der Zeitung werde nun einzig die Redaktion verantwortlich gemacht. Chef Spitzer sei "von drohender Entlassung offenbar nicht betroffen".

Warum die Qualität des münsterschen Lokalteils derart zu wünschen übrig ließ, erklärt sich Lensing-Wolff seinerseits mit einem jahrelangen Missstand. "Die Leute sind über viele Jahre hinweg in diesem Termin- und Gefälligkeitsjournalismus regelrecht versaut worden", sagte er dem "kressreport". Letztlich habe es keine Alternative zu einer radikalen "Notoperation" gegeben.

Die alte Belegschaft sieht das anders. "Wir sind kein Krebsgeschwür, das in einer 'Notoperation' zu entfernen ist", heißt es in dem offenen Brief. "Wir sind auch nicht die Sündenböcke, die für die Misere der 'MZ' zur Rechenschaft zu ziehen sind. Wir sind Ihr münstersches Redaktionsteam, das über Jahre und Jahrzehnte engagiert gearbeitet, immer loyal zu Ihrem Haus gestanden und diese Behandlung durch seinen Arbeitgeber in keiner Weise verdient hat." Der Brief schließt mit dem Appell, Lensing-Wolff möge seine Entscheidung doch noch einmal überdenken.

"Natürlich bin ich auch daran schuld"

Eine erneute 180-Grad-Wende allerdings ist unwahrscheinlich. Zu heftig hat der Verleger in den vergangenen Wochen sein Vorgehen verteidigt, trotz aller Kritik. Daran hat sich nichts geändert: Als Reaktion auf den offenen Brief sagte er, er stehe weiterhin zu den Aussagen bezüglich des schlechten Qualität des Lokalteils Münster. Darüber hinaus wolle er sich "nicht weiter an der gewerkschaftlich betriebenen Auseinandersetzung beteiligen". Eine Einigung mit den Betroffenen gibt es nach deren Angaben bislang nicht.

In einem internen Schreiben an die Mitarbeiter des Verlages gesteht Lensing-Wolff Fehler ein, "aus denen wir in Zukunft lernen wollen". Für die Zukunft hat sich der Verlag vorgenommen, "insbesondere rechtzeitig zu handeln, aber auch rechtzeitig miteinander zu reden", heißt es in dem Brief vom 16. Februar.

Selbstkritik klingt auch in dem "kressreport"-Interview an. "Natürlich bin ich auch daran schuld", räumt er ein. "Ich hätte früher erkennen müssen, in welchem Maße das hier in Münster schiefläuft. Vielleicht", so fügt er hinzu, "habe ich mit nach dem Prinzip Hoffnung die Lage schöner geredet, als sie tatsächlich war".

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