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Kampf um Null

Der Stuttgarter Metallarbeiter-Führer Willi Bleicher sagte in der vergangenen Woche »heiße Tage voraus. Mit Punktstreiks« die am Donnerstag dieser Woche beginnen könnten, wollen 3,6 Millionen Metaller trotz drohender Arbeitslosigkeit für höhere Löhne kämpfen. Doch wie immer die Bataille ausgehen mag, die Arbeitnehmer können höchstens eine Lohnsteigerung erreichen, die gerade den Kaufkraftverlust der Mark ausgleicht.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Zum erstenmal, seit die Sozialdemokraten in Bonn regieren, droht ein bundesweiter Arbeitskampf die Wirtschaft zu lähmen und die Regierenden in neue Verlegenheit zu stürzen.

Am Freitagabend, anderthalb Stunden vor Mitternacht, gab Willi Bleicher in Stuttgart das Ergebnis der ersten Urabstimmung in der diesjährigen Metallrunde bekannt: 89,58 Prozent der organisierten Arbeiter und Angestellten in Nordwürttemberg-Nordbaden hatten sich für Streik entschieden. Bleicher, der das Ergebnis sofort seinem Vorsitzenden Otto Brenner nach Frankfurt durchtelephoniert hat: »Der Otto hat sich sehr gefreut.«

Ungewollt hat Bonn auch noch die Kampfbereitschaft der 3,6 Millionen Metaller genährt: Der Streikmut ist nicht zuletzt eine Folge von Karl Schillers glückloser Stabilitätspolitik, die 1971 in einem Kaufkraftverlust der Mark von sechs Prozent gipfelte.

Zum erstenmal seit Bestehen der Bundesrepublik gehen die Arbeiter nicht auf die Straße, um einen höheren Lebensstandard zu erstreiten. Dieses Mal ist Ziel des Kampfes ausschließlich die Sicherung des Erreichten.

Die Metall-Gewerkschaft hatte bei dieser Lohnrunde elf Prozent gefordert, die Arbeitgeber hatten 4,5 Prozent geboten. In der Schlichtung wollte sich die württembergisch-badische Tarif-Kommission der Gewerkschaft mit zunächst einmal 7,5 Prozent Lohnerhöhung bei einer Laufzeit des Vertrages von sieben Monaten bescheiden. Die Unternehmer jedoch blieben hart. Selbst diese 7,5 Prozent mehr Lohn, um die es in Wahrheit bei der Auseinandersetzung geht, würden den Arbeitern und Angestellten -- nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung -- bestenfalls gerade die inflatorische Lücke in der Lohntüte schließen. Auch wenn das maximal Erreichbare erreicht würde, betrüge die reale Lohnerhöhung höchstens Null, in vielen Fällen weniger, zumal die Zahl der bislang durchschnittlich geleisteten acht Wochen-Überstunden rapide sinkt.

Der Kampf um Null bringt die Gewerkschaften -- so unbezweifelbar die Notwendigkeit ihres Verlangens ist -- in eine nahezu verzweifelte Lage. Denn einmal beschleunigt der Streik die bereits begonnene Talfahrt der Konjunktur. die Zahl der Kurz- und Ganztags-Arbeitslosen könnte weiter steigen.

Zum anderen ist die Bereitschaft zu Kampfmaßnahmen unumgänglich, da »eine Kapitulation vor dem Unternehmerdiktat von 4,5 Prozent« (IG-Metall-Chef Otto Brenner) erneut den Aufstand der Basis ·gegen die Gewerkschaftsspitze provozieren würde. Die spontanen Streiks vom Herbst 1969 sind den Funktionären unvergeßlich. Stuttgarts Willi Bleicher; »Schon mit 7,5 Prozent können wir uns kaum noch bei den Kollegen sehen lassen.«

Das in Jahrzehnten geübte Tarifspiel -hohe Forderung, niedriges Angebot und Abschluß etwas über der Mitte -- vollzieht sich diesmal fast ohne das rituelle Stentor-Geschrei, in der Sache mithin weit härter. Auch das niedrige Angebot der Metall-Unternehmer entspringt nicht bloßer Taktik.

Herbert van Hüllen, Chef des Gesamtverbandes der metallindustriellen Arbeitgeberverbände (Gesamtmetall) ließ eine Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Anlageberatung kursieren, die für 1970 einen Ertragsrückgang von 31 Prozent nach Steuern und für 1971 eine weitere Einbuße von 25 Prozent errechnete. Selbst der unverdächtige ehemalige Schiller-Staatssekretär Klaus Dieter Arndt, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. räumte ein: »Die Gewinnlage der deutschen Unternehmen kann nicht auf dem diesjährigen Niveau bleiben. Sie muß sich in nächster Zukunft erheblich verbessern, damit diese Unternehmen die Kraft haben, weiter für die wirtschaftliche Entwicklung dieses Landes investieren und sorgen zu können.« Angesichts des drohenden Nulltarifs realer Lohnentwicklung sind freilich sowohl parteiliche als auch statistisch einwandfreie Gewinnzahlen für den Gang der Ereignisse nicht mehr erheblich. Bereits in der vergangenen Woche legten rund 100000 Metaller in Nordwürttemberg-Nordbaden ohne den Ursegen gewerkschaftlicher Streikbestimmung warnend für einige Stunden die Arbeit nieder. Transparente: »4,5 Prozent sind Lohnraub« oder »Die Herren Heinzle. Schreiber, Schleyer (Arbeitgeber- Vertreter) spielen stets die alte Leier --

Der Streik, bei dem wieder die ursprüngliche Forderung von elf Prozent (Vertragsdauer zwölf Monate) das Kampfziel ist, soll voraussichtlich am Donnerstag dieser Woche beginnen -- aus Gründen der Sparsamkeit. da der Buß- und Bettag ein bezahlter Feiertag ist. Zunächst sollen nur Betriebe stillgelegt werden, die noch ein dickes Auftragspolster haben und in denen die Arbeiter hoch organisiert sind.

In fünf weiteren der insgesamt 25 Tarifgebiete der Metallindustrie sind die Verhandlungen ebenfalls gescheitert. Im größten Bezirk, Nordrhein-Westfalen (950 000 Beschäftigte), bemühte sich der zum Schlichter berufene ehemalige christdemokratische Bundesarbeitsminister Hans Katzer vergangene Woche vergebens, die Tarifpartner auf eine mittlere Linie festzulegen.

Von Baden und Württemberg könnte sich eine Streikwelle über Westdeutschland ausbreiten. Am Montag dieser Woche beginnt die Schlichtung in Hamburg; in Schleswig-Holstein, beim VW-Konzern (Haustarif) und im Saarland sind die Verhandlungen vorläufig gescheitert.

Am Dienstag dieser Woche wollen sich die Unternehmer auf eine gemeinsame Strategie einigen. Geplant ist, daß Gesamtmetall den Mitgliedern grundsätzlich das Recht zur Aussperrung einräumt. Danach dürfen bestreikte Unternehmen auch nichtorganisierte Arbeitswillige vor die Tür setzen, die dann weder Streikunterstützung erhalten noch Anspruch auf Arbeitslosen-Unterstützung haben. Mit dieser Taktik, so hoffen die Unternehmer, soll ein Druck auf die Werktätigen ausgeübt werden, die Arbeit möglichst bald -- auch wenn sie das geforderte Ziel nicht erreicht haben -- wieder aufzunehmen.

Beide Seiten rechnen freilich noch auf Vermittlung durch »eine hochgestellte politische Persönlichkeit« (Württembergs Arbeitgeber-Vizepräsident Hanns Martin Schleyer). Diese »besondere Schlichtung« soll nach den Vorstellungen der Kontrahenten Bundeskanzler Willy Brandt übernehmen -- abermals ein Novum in der westdeutschen Tarifgeschichte.

Tarifexperten der Gewerkschaften ließen bereits durchblicken, welches Schlichtungsergebnis ihnen annehmbar

* Am 29. September beim 50. Geburtstag des FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick.

erschien: 85 Prozent mehr Lohn bei einer Vertragsdauer von zehn Monaten. Die Arbeitgeber aber sind strikt gegen kurze Laufzeiten der Tarife. Der BDI: »Das ist Lohn-Floating.«

Nur über eines waren sich die Tarifgegner schon in der vergangenen Woche vollkommen einig: Karl Schiller soll auf keinen Fall Oberschlichter sein. Schillers Prestige bei den Metallarbeitern ist von der Art. daß es nicht einmal den Unternehmern tunlich erscheint, ihn als Friedensstifter auftreten zu lassen.

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