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FLUGREISEN Kampf um Zentimeter

Die Business Class in den Flugzeugen wird immer komfortabler. Die Passagiere wandern aus der ersten Klasse ab. *
aus DER SPIEGEL 3/1985

Die Techniker der Lufthansa müssen es sehr eilig gehabt haben. A, B, C steht noch über den Sitzen in dem Jumbo nach New York. Doch darunter findet der Passagier nicht drei Flugsessel, sondern nur zwei.

Um den Passagieren ihrer Business Class das Reisen etwas angenehmer zu machen, hat die deutsche Airline in den letzten Wochen des alten Jahres aus jeder Reihe ihrer Langstreckenflieger einen Sitz entfernt. An den Fenstern sitzen jetzt nicht mehr drei, sondern nur noch zwei Passagiere nebeneinander. Die Beschriftung konnte wohl nicht so schnell geändert werden.

Der hastige Umbau zeigt, wie hart die Fluggesellschaften um die Geschäftsreisenden konkurrieren. Die Lufthansa konnte es sich nicht länger leisten, ihre Business-Class-Flieger so eng wie bisher sitzen zu lassen.

»Das werden die nicht lange durchhalten«, hatte sich Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau noch vor anderthalb Jahren über den US-Konkurrenten TWA ausgelassen. Die Amerikaner werben seit langem

mit besonders viel Komfort um die Geschäftsleute: In ihren Jumbos sind die Business-Class-Sitze so breit wie anderswo die Sessel der ersten Klasse. Während die Lufthansa neun Business-Passagiere in eine Reihe stopfte, sind es bei TWA schon seit geraumer Zeit nur sechs.

Doch Heinz Ruhnau hat sich geirrt. TWA hielt durch und bekam in den letzten Monaten auch noch Gesellschaft: Pan Am, British Airways und einige andere Gesellschaften stellten ebenfalls nur sechs Sessel pro Reihe auf.

Da mußte Ruhnaus Lufthansa, wollte sie es sich nicht mit dem Geschäftsreise-Publikum verderben, wenigstens von neun auf acht Sitze gehen.

Vor ein paar Jahren hatten die Fluggesellschaften solche Probleme noch nicht. Da gab es in der Luft nur zwei Klassen: eine First, in der die Passagiere für teures Geld in breite Sessel sinken durften; und eine Economy, in der alle übrigen Mitflieger mehr oder weniger dichtgedrängt zusammensaßen. Zwischen denen, die in der zweiten Klasse zum vollen Tarif flogen, und denen, die ihr Ticket zum Spartarif erworben hatten, machten die Fluggesellschaften keinen Unterschied.

Das änderte sich, als die Billigangebote und die Billigflieger immer zahlreicher und die Vollzahler immer rarer wurden. Nun mußten sich die Flugunternehmen etwas einfallen lassen, um möglichst viele Vollzahler in ihre Jets zu locken. So kamen sie auf die Idee, für die Geschäftsreisenden zwischen der First und der Economy eine separate Klasse einzurichten, die sie von dem gewöhnlichen Reise-Volk abhebt.

Die meisten Gesellschaften nennen die neue Zone Business Class. Etliche Airlines ließen sich noch wohlklingendere Bezeichnungen einfallen. »Ambassador« taufte TWA die neue Klasse, »Super Club« heißt sie bei British Airways, »Clipper« bei Pan Am oder »First Business« bei SAS.

In dem, was sie den Passagieren bieten, unterscheiden sich die Flugunternehmen dagegen kaum. Da sämtliche Liniengesellschaften die gleichen Maschinen einsetzen und sich auch in Sicherheit und Pünktlichkeit weitgehend angeglichen haben, beschränkt sich der Wettbewerb auf Nebensächliches: auf Service und Komfort.

Die kommerzielle Fürsorge beginnt am Boden. Fast alle Fluggesellschaften haben für die Vollzahler eigene Abfertigungsschalter eingerichtet, damit sie sich gar nicht erst unter gewöhnliche Menschen mischen müssen. Meistens dürfen sie auch mehr Gepäck als Touristen mit an Bord nehmen. Und auf vielen Flughäfen finden die Passagiere der Mittelklasse spezielle Aufenthaltsräume (Lounges), in denen ihnen schon vor dem Start ein Drink eingeschenkt wird.

Über den Wolken geht es ebenfalls feiner zu als in der Touristenklasse. Fast alle Gesellschaften bieten kostenlos jede Menge alkoholische Getränke. Die Menüs werden auf Porzellan serviert. Pro Flugbegleiter sind weniger Passagiere zu betreuen. Und wenn der Flug auf dem New Yorker Kennedy-Flughafen endet, offerieren die meisten Gesellschaften den Business-Class-Fliegern kostenlosen Hubschraubertransfer ins Zentrum von Manhattan oder zum Anschlußflughafen La Guardia.

Groß allerdings waren die Unterschiede zwischen den Fluggesellschaften bald nicht mehr. So war es unvermeidlich, daß sich der Wettbewerb auf ein anderes, nicht unwesentliches Detail verlagerte: den Sitzkomfort.

Es begann ein Kampf um Zentimeter. Wie breit ist der Flugzeugsessel? Wieviel Platz bleibt für die Beine? Wie weit kann der Sitz bei Nachtflügen nach hinten geneigt werden?

In Anzeigen und in Hitlisten der Reise- und Wirtschaftspresse können die Vielflieger seither nachlesen, wo es am bequemsten ist.

Den meisten Raum fürs Gesäß bietet British Airways; nach eigenen Angaben sind es genau 61 Zentimeter. Die Lufthansa, die sich selbst als Elite-Airline fühlt, liegt da mit 48 Zentimetern weit zurück.

Die Manager der deutschen Fluggesellschaft waren ohnedies unter den letzten, als die Business Class eingeführt wurde. Sie hielten die neue Klasse lange für eine Modeerscheinung, die bald vorübergehen würde. Vor allem aber fürchteten sie, daß die First-Class-Flieger in die Mittelklasse abwandern würden.

Diese Befürchtung erwies sich als durchaus berechtigt: Während die Zahl der Business-Flieger ständig steigt, gehen die Buchungen der ersten Klasse überall zurück.

Die Fluggesellschaften reagierten. Die Swissair etwa verringerte die Zahl ihrer Spitzenklasse-Sitze von 36 auf 24 und vergrößerte die Business Class um beinah 20 Plätze. Singapore Airlines rüstete die gesamte First Class im Jumbo-Oberdeck in eine Business Class um. Nur im Bug ist jetzt noch die Luxusklasse untergebracht.

Der Trend könnte letztendlich zurückführen, vom gegenwärtigen Dreiklassensystem wieder hin zu zwei Klassen - wobei die Business Class die erste Klasse ersetzt hätte. Je mehr jedenfalls die Fluggesellschaften im Kampf um den geschäftsreisenden Passagier ihre zweite Klasse aufwerten, um so mehr entwerten sie ihre teuersten Plätze.

Am deutlichsten offenbarte das die Alitalia in einer Anzeige. Ihre Mittelklasse, warben die Italiener, sei »wirklich nicht zu unterscheiden von First Class«.

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