Kampfansage IG-Metall-Chef will 2008 zum Mega-Tarifjahr machen

2008 soll es endgültig vorbei sein mit der Lohnzurückhaltung – zumindest, wenn es nach IG-Metall-Chef Huber geht. In einem Interview kündigte er eine harte Haltung bei den anstehenden Tarifverhandlungen an. Ökonomen dagegen finden die Forderungen der Gewerkschaften überzogen.


Hamburg – Berthold Huber will dieses Jahr in die Vollen gehen: "Ganz offensichtlich ist das Jahr 2008 ein Mega-Tarifjahr", sagte der IG- Metall-Vorsitzende im Deutschlandradio Kultur. Sowohl für die Beschäftigten als auch für die Arbeitnehmerorganisationen gehe es dabei um sehr viel. Angesichts des guten Wirtschaftswachstums und guter Unternehmensergebnisse forderte Huber die Arbeitgeber auf, nicht zu blockieren. Sonst werde es Streiks geben.

Die IG Metall und die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di fordern in den im Januar beginnenden Tarifverhandlungen für einzelne Branchen bis zu acht Prozent mehr Gehalt. Die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie peilt für die im Februar beginnenden Tarifverhandlungen für die mehr als eine halbe Million Beschäftigten der Branche Lohnerhöhungen von bis zu sieben Prozent an. Die Arbeitgeber haben die Forderungen zurückgewiesen.

Der Wirtschaftsexperte Wolfgang Franz warnte vor zu hohen Abschlüssen. "Maßlose Lohnforderungen sind gerade jetzt Gift für Wachstum und Arbeitsplätze", sagte Franz der "Bild"-Zeitung. Sollten die Gewerkschaften den Pfad der in den vergangenen Jahren gemäßigten Tarifabschlüsse verlassen, drohe Schaden bei der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sagte Franz. "Der Aufschwung darf nicht verfrühstückt werden", mahnte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung.

Auch der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard plädierte dafür, die moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre fortzusetzen. Mit den Tarifforderungen von bis zu acht Prozent riskierten die Gewerkschaften Arbeitsplätze. Die Gewerkschaften könnten sich auch nicht auf die Inflationsrate stützen, sagte das Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Die recht hohe Inflation beruhe auf dem Einmaleffekt der Mehrwertsteuererhöhung und werde 2008 deutlich niedriger sein als zuletzt mit drei Prozent.

Der Tarifexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Hagen Lesch, rechnet für dieses Jahr trotz der hohen Forderungen der Gewerkschaften mit relativ kurzen Arbeitskämpfen. Dank der besseren Konjunktur sei diesmal auch eine spürbare Gehaltserhöhung möglich, etwa im öffentlichen Dienst, sagte er der "Frankfurter Rundschau". Lohnkonflikte seien zudem nicht "so zäh wie Abwehrstreiks", die gegen Einschnitte im Unternehmen gerichtet sind und im vergangenen Jahr große Bedeutung hatten. Laut Lesch haben deutsche Arbeitnehmer 2007 häufiger als in den vergangenen 14 Jahren gestreikt. Mit rund 580.000 Arbeitstagen sei die Zahl auf den höchsten Stand seit 1993 gestiegen.

ase/ddp



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double_pi, 06.07.2007
1.
man sollte mehr beteiligung am gewinn für die mitarbeiter zulassen! dann wäre die diskussion um ständige lohnpreiserhöhungen hinfällig!
jinky, 06.07.2007
2.
Zitat von sysopDie Wirtschaft brummt, die Gewinne der Unternehmen steigen. Können jetzt auch die Arbeitnehmer mehr Geld verlangen - oder würde das den Aufschwung gefährden?
Ist doch ganz einfach: In der Rezession müssen Arbeitnehmer weniger Geld akzeptieren, weil alles sonst noch schlechter wird. Im Aufschwung dürfen sie nicht mehr Geld verlangen, weil alles sonst wieder schlechter wird. Michel aus Lönneberga stellte in ähnlicher Situation die Frage: "Wenn ich kein Geld habe, KANN ich keine Limonade trinken. Wenn ich welches habe, DARF ich keine Limonade trinken. Wann also SOLL ich Limonade trinken?" Aber das war ja auch ein kleiner Junge, der keinerlei Ahnung von gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen hatte, nicht wahr?
Gast100100, 06.07.2007
3.
Wenn man jahrzehntelang Wohltaten in der Politik bestellt braucht man sich nicht zu wundern wenn irgendwann die Rechnung kommt. Die Deutschen haben kein Brutto sondern ein Netto-Problem.
affordable, 06.07.2007
4.
Zitat von Gast100100Wenn man jahrzehntelang Wohltaten in der Politik bestellt braucht man sich nicht zu wundern wenn irgendwann die Rechnung kommt. Die Deutschen haben kein Brutto sondern ein Netto-Problem.
Aber Sie wollten an dieser Stelle nicht Frau merkel zitieren? ;-)
exi, 06.07.2007
5.
Zitat von sysopDie Wirtschaft brummt, die Gewinne der Unternehmen steigen. Können jetzt auch die Arbeitnehmer mehr Geld verlangen - oder würde das den Aufschwung gefährden?
... schlechte Bezahlung produziert 'Dienst nach Vorschrift' und würgt jede Produktion schneller ab als eine ehrliche Entlohnung. Und wo soll denn überhaupt ein Problem sein? Deutschland geht es so gut, daß sich die Manager eine 30% Lohnsteigerung erlauben konnten. Da ist es nur recht und billig, wenn auch die Arbeiter eine 30% Steigerung bekommen.
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