Kapitalismus in der Krise Was wirklich gegen Ungleichheit hilft

Die Schere zwischen Arm und Reich wird zum politischen Top-Thema. Aber was schafft Gerechtigkeit? Mindestlöhne, Grundeinkommen, Steuern? Wir sollten anders denken.

Flaschensammler (in Berlin)
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Flaschensammler (in Berlin)

Ein Kolumne von


Der Kapitalismus verliert seine Bürger, das ist der verbreitete Eindruck. Die Mittelschicht schrumpft, die Ungleichheit wird immer größer, die Armen ärmer, die Reichen reicher. Diese Thesen bestimmen seit einiger Zeit die politische Debatte - nicht nur auf der linken Seite des politischen Spektrums, nicht nur in Deutschland.

Groß ist die Sorge, dass etwas fundamental falsch läuft in der Wirtschaft. Entsprechend populär sind Umverteilungsmaßnahmen: Vielerorts im Westen werden Mindestlöhne angehoben. In einigen Ländern wird mit einem bedingungslosen Grundeinkommen experimentiert; die Schweizer stimmten darüber in einem Referendum ab. Steuerschlupflöcher für Reiche und internationale Konzerne zu schließen, ist ein Top-Thema. Wahlkämpfer von Donald Trump (USA) bis Marine Le Pen (Frankreich) versprechen Linderung durch Schutz vor ausländischem Wettbewerb.

Am Donnerstag beraten Europas Wirtschaftspolitiker beim Brussels Economic Forum über den weiteren Kurs; parallel dazu hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) nach Genf zum Ministertreffen geladen, um über "anständige Arbeit" zu beraten.

Was ist hier eigentlich los? Was sind messbare Tatsachen, was mögliche Ursachen? Und was würde dauerhaft wirklich helfen?

Zeit für einen Faktencheck.

Beginnen wir mit der Verteilungsfrage. Der Befund, wonach die Ungleichheit der Einkommen immer weiter zunimmt, stimmt eindeutig für die erste Hälfte der Nullerjahre. Danach jedoch wird das Bild diffuser.

Wie Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen, stieg damals der Gini-Koeffizient, ein statistisches Maß für den Grad der Ungleichverteilung, merklich an. Auch andere Indikatoren deuten für diese Zeit auf eine deutliche Zunahme der Ungleichheit. Die Einkommen aus Vermögenserträgen (Zinsen, Dividenden) explodierten förmlich: Binnen weniger Jahre stiegen sie um 40 Prozent.

Währenddessen bröckelten die Arbeitseinkommen. Die verfügbaren Jahreseinkommen in der Mitte der Einkommensskala gingen zwischen 2002 und 2005 real um zweieinhalb Prozent zurück. Die einkommensschwächsten zehn Prozent traf es härter: Sie verloren zwischen 2000 und 2005 rund neun Prozent. Das wohlhabendste Zehntel hingegen gewann 13 Prozent. Besonders gravierend: Der Anteil der Bürger, die als armutsgefährdet gelten, stieg in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehnts von 11,5 auf 14 Prozent.

Es war die Zeit der Fünf-Millionen-Arbeitslosigkeit, der Agenda 2010 - der Tiefpunkt der deutschen ökonomischen Malaise.

Die Armen holen auf

Danach allerdings stimmt der holzschnittartige Befund der ungebremst zunehmenden Ungleichheit nicht mehr unbedingt. Nachdem 2006 die wirtschaftliche Erholung eingesetzt hatte, stiegen die Arbeitseinkommen wieder, seit 2010 sogar spürbar. Bezieher unterer und mittlerer Einkommen holen allmählich auf. Anders als in anderen Ländern änderte auch die große Rezession von 2009 nichts an diesem Trend.

Allerdings: In den vergangenen Jahren waren es wiederum die obersten zehn Prozent, deren Einkommen besonders kräftig stiegen.

Es stimmt schon: Deutschland - wie alle wohlhabenden Staaten - ist heute ungleicher als vor zwei Jahrzehnten. Doch die Entwicklung geht nicht nur in eine Richtung. Ein Teil der Verluste aus den Krisenjahren bis 2005 ist inzwischen ausgeglichen. Die allmähliche Einkommenserholung verläuft aber so träge, dass sie für die Bürger kaum wahrnehmbar ist.

Und es ist keineswegs sicher, dass die Erholung weiter geht. Sollte die deutsche Industrie aufgrund weltwirtschaftlicher Verwerfungen in eine Krise geraten - Risiken gibt es eine Menge, vom Brexit über einen China-Crash bis zu US-Protektionismus -, dürfte es mit der relativen Ruhe an der Verteilungsfront rasch vorbei sein. Entsprechend heftig könnten sich dann gesellschaftliche Spannungen entladen.

Das wirkliche Problem: stagnierende Produktivität

Die Wirtschaftspolitik sollte deshalb dringend die tieferliegenden Gründe für die schleichende Wohlstandskonzentration angehen. Die Suche nach Schuldigen und Sündenböcken, im politischen Geschäft beliebt, hilft nicht. Wer ernsthaft das allmähliche Auseinanderdriften der Einkommen bremsen will, muss sich einem ökonomischen Grundproblem widmen: der stagnierenden Produktivität. Die OECD, der Klub der westlichen Marktwirtschaften, hat in dieser Woche dazu eine umfangreiche Studie veröffentlicht.

Über Generationen waren breite Wohlstandszuwächse möglich, weil die Beschäftigten pro Stunde immer mehr Wertschöpfung zustande brachten - weil sie mehr Maschinen, Computer und mehr Wissen zur Verfügung hatten. Das ist Geschichte. Seit Jahren messen Wirtschaftsforscher überall im Westen, inzwischen aber auch in vielen Schwellenländern, Produktivitätssteigerungen nur noch in homöopathischen Dosen. Was aber nicht erwirtschaftet wird, das kann auch nicht verteilt werden.

Die aktuelle OECD-Studie zeigt nun, dass es sehr wohl noch Produktivitätszuwächse gibt, dass der Fortschritt sich aber nur noch auf wenige Unternehmen und Regionen konzentriert. Die Wirtschaftspolitik müsse deshalb vor allem dafür sorgen, dass die Segnungen des Fortschritts breiter gestreut würden, heißt es in der Studie.

Gesucht: Echte Investitionen statt Immobilienboom

Und da wird die Sache kompliziert: Es geht um Bildung (von der Kita bis zur Spitzenuni), um Energie-, Verkehrs- und Netzinfrastruktur, um Steuerpolitik, Wettbewerbspolitik auf digitalen Märkten, Finanzmarktregulierung, Geld und Währung. Die Produktivitätsschwäche wird sich nur überwinden lassen, wenn wieder mehr Mittel in echte Investitionen fließen, statt in immer teurere Immobilien, Wertpapiere oder Firmenübernahmen - Bereiche, wo viel Geld mit dem Tausch bestehender Vermögenswerte verdient wird.

Staatliche Verteilungspolitik allein kann die Verteilungstendenzen, die sich auf Märkten herausbilden, nur begrenzt abfedern. Aber auch in Ländern mit großen Sozialbudgets wie Schweden ist die Ungleichheit seit den Neunzigerjahren gestiegen. Das bedingungslose Grundeinkommen kann in Zeiten unsteter Beschäftigungsverhältnisse die Basisabsicherung verbessern. Mehr Gleichheit wird es kaum schaffen können.

Mindestlöhne können Auswüchse auf dem Arbeitsmarkt verhindern. Entfernen sie sich zu weit von der Produktivitätsentwicklung, wie in Frankreich, kosten sie Jobs. Hohe Steuern auf Einkommen behindern tendenziell die Leistungsbereitschaft, hohe Steuern auf Vermögen tendenziell die Investitionsbereitschaft.

Der Staat kann einiges tun, aber Umverteilungspolitik stößt an Grenzen. Und die werden letztlich von der Wirtschaft gesetzt.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Philadelphia - Jedes Wort auf der Zinswaage - Fed-Präsidentin Yellen spricht bei einer Veranstaltung des World Affairs Council of Philadelphia. Die Welt erhofft sich Aufschluss über den Zeitpunkt der nächsten Zinserhöhung.

Peking - Chimerica bei der Arbeit - Treffen von Vertretern der USA und Chinas im Rahmen des strategischen und wirtschaftlichen Dialogs beider Länder.

Berlin - So ist Deutschland - Treffen der Sozialpartner im Bundeswirtschaftsministerium: Arbeitgeberpräsident Kramer und DGB-Chef Hoffmann setzen sich mit Minister Gabriel zusammen.

Wiesbaden - Konjunkturindikator - Neue Zahlen zum Auftragseingang in der Industrie im April.

DIENSTAG

Washington - Amerindia bei der Arbeit - Die ersten Männer der größten Demokratien der Welt treffen aufeinander: Indiens Ministerpräsident Modi besucht US-Präsident Obama.

Berlin - Fleisch! - Grünen-Fraktionschef Hofreiter hat ein Buch über die "Fleischfabrik Deutschland" geschrieben. Vorgestellt wird es von einem bekennenden Liebhaber herzhafter Küche: Kanzleramtsminister Altmaier.

MITTWOCH

Frankfurt - Cash as cash can - Die EZB startet die nächste Stufe ihres Quantitative-Easing-Programms und beginnt, Firmenanleihen aufzukaufen.

Berlin - Umverteilte Chancen - Das Bundesfinanzministeriums lädt zur Veranstaltung "Gesellschaftlicher Zusammenhalt 4.0". Mit dabei: Silicon-Valley-Starinvestor Peter Thiel.

DONNERSTAG

Genf - Anständige Arbeit - Ministerkonferenz der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). EU-Kommissionspräsident Juncker hält eine Rede.

Brüssel - Endlich Wachstum, bitte! - Das Brussels Economic Forum tagt. Es geht um das Übliche: Strukturreformen, Stabilität der Eurozone, mehr Jobs, mehr Wachstum, höhere Produktivität. Mit reichlich Prominenz: EZB-Präsident Draghi, die EU-Kommissionsvizepräsidenten Dombrovskis und Katainen, der künftige Chef der französischen Zentralbank de Galhau, EU-Kommissar Moscovici.

FREITAG

Berlin - Mittelständler wie wir - Deutschlands Unternehmer feiern sich beim Tag des deutschen Familienunternehmens 2016. Merkel und Steinmeier erweisen ihnen die Ehre.

SONNTAG

Peking - Chimany bei der Arbeit - Deutsch-chinesische Regierungskonsultationen, unter anderen mit Kanzlerin Merkel.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.
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Seite 1
loncaros 05.06.2016
1.
Der 15 Dollar Mindestlohn hat Portland auch nicht geschadet. Wie immer die gleichen "Argumente" warum die Armen gefälligst arm bleiben müssen.
Rido 05.06.2016
2.
Eine Steigerung der Produktivität ist aber ebenfalls nicht ein Allheilmittel. Seit langer Zeit steigt diese immer weiter an. Mit immer weniger Leuten immer mehr herstellen. Ein ewiges Wachstum ist, bei endlichen Ressourchen, nun einmal nicht möglich. Hinzu kommt, dass es zum ersten Mal in der Industriegeschichte tatsächlich passieren könnte, dass neue Technologien nicht mehr, sondern weniger Arbeitsplätze mit sich bringen. Früher gab es noch Jobs, welche heute weitgehend automatisiert werden. Dieser Trend wird weitergehen. Robotik und verbesserte Computer werden auch wieder Arbeitsplätze kosten. Hinzu kommt, dass Erträge aus Arbeit höher besteuert werden, als Kapitalerträge (also Ertrag ohne Leistung). Ich glaube kaum, dass höhere Steuern die Wirtschaft dazu veranlassen werden nicht mehr zu investieren. Im Ernst, würden Sie auf einen Gewinn verzichten, nur weil sie mehr Steuern zahlen müssen? Solange noch ein ordentlicher Gewinn bleibt, wird das doch nicht passieren. Wenn einige Unsitten wie Flashtrading dabei über die Klinge springen müssen umso besser.
Baikal 05.06.2016
3. Oben Müller, unten Hüther
und beide mit derselben Apologie: nur ein bißchen anders denken, sich mit Lügen abfinden wie etwa der von der Null-Inflation. Das mag für den Warenkorb gelten, für Lebensmitel etwa gilt das nicht, sie sind seit 2009 um rund die Hälfte teurer geworden wie Haushaltsbücher beweisen und treffen die Geringverdiener überproportional. Ach was, Produktivität erhöhen, nur kommt die beim Produzenten eben nicht an.
m.w.r. 05.06.2016
4.
Ohne Zweifel gibt es eine Schere zwischen arm und reich die immer weiter auseinander geht. Aber zweifelsohne gibt es wahrscheinlich -sogar mit Überschneidungen- eine Schere zwischen dumm und schlau.
lothar.thuermer 05.06.2016
5. Ideen gesucht!
Das derzeitige System der sozialen Sicherung hat keine Zukunft. Vorschläge für echte Reformen, die tragfähig, bezahlbar und gerecht sind, gibt es kaum. Und wenn doch, dann ist sofort eine Mehrheit dagegen, weil sie vermeintliche Besitzstände verteidigen will. Wer also hat eine überzeugende Antwort auf Globalisierung, Digitalisierung, Fragmentierung und Flexibilisierung der Arbeit, die auch politisch mehrheitsfähig ist?
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