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GLOBALISIERUNG Kapitalismus ohne Gesicht

Deutschlands Wirtschaft steht vor gravierenden Veränderungen: Anonyme Fondsgesellschaften übernehmen die Macht in den Konzernen. Mit dem Milliarden-Vermögen von Kleinanlegern aus aller Welt setzen sie die Topmanager unter Druck.
Von Mathias Müller von Blumencron und Christoph Pauly
aus DER SPIEGEL 7/1999

Die vier jungen Herren eilen im Gleichschritt in den Raum, die roten Krawatten sind perfekt gebunden, die Haare im modischen Wet-Look nach hinten gekämmt: eine Gruppe Harvard-Studenten auf dem Weg zur Abschlußprüfung, so könnte man meinen.

Doch die forschen Jungs verteilen hier selbst die Zensuren. Ihr Kandidat sitzt am anderen Ende der Tafel, ist 20 Jahre älter und um jede Menge Erfahrung reicher: Professor Henning Kagermann, Vorstandssprecher von SAP, Deutschlands erfolgreichstem Softwarekonzern, weltweit die Nummer zwei hinter Microsoft.

Die vier Fondsmanager des niederländischen Finanzmultis ABN Amro haben den SAP-Chef an diesem Morgen zum Interview nach Amsterdam bestellt: »Warum sinkt Ihre Rendite?« will einer wissen. »Warum stecken Sie soviel Geld in die Forschung?« fragt ein anderer.

Kagermann weiß vor allem eines: Hier muß er sich verkaufen. Ein paar krumme Sätze, ein ungeschicktes Zögern, gar Schweiß auf der Stirn, könnten den Aktienkurs von SAP in Gefahr bringen. An diesem Tisch zählen vergangene Erfolge wenig, die Zukunft muß er erläutern, möglichst plausibel und in jedem Fall mit einem Schuß Begeisterung.

Grillpartys heißen solche Veranstaltungen in der Geldszene. Die jungen Burschen gebieten über sechs Milliarden Dollar Kapital, das sie im Auftrag von Kleinaktionären anlegen müssen. Sie suchen nach Firmen, die Kursgewinne versprechen. Wer bei dem Zahlen-Striptease keine gute Figur macht, wird von den mächtigen Fondsverwaltern abgestraft - durch Kapitalentzug.

Was sich an diesem Morgen zwischen den Grachten der holländischen Hafenstadt ereignet, ist nur das Vorspiel einer stillen Revolution, die in den nächsten Jahren unsere Wirtschaft radikal verändern wird. Bestimmt heute in Deutschland noch ein traditionsreiches Netzwerk aus Managern, Bankiers und Versicherungszaren das Geschehen, übernimmt nach und nach, kaum bemerkt von der Öffentlichkeit, eine Kaste von Geldexperten die Macht.

Die neuen Herren steuern milliardenschwere Fonds mit Namen wie Calpers,

* Am 3. August 1998 zur US-Einführung der SAP-Aktie.

TIAA-CREF oder Fidelity, sie sitzen in Kalifornien, New York und auch in Frankfurt. Mit dem Geld, das ihnen Millionen Anleger aus aller Welt zustecken, kaufen sie weltweit Firmenanteile. Erst waren es nur ein paar Prozent, dann eine Minderheitsbeteiligung, und manchmal übernehmen sie auch die Mehrheit.

Mit den Anteilen wuchs ihre Macht. Jetzt wollen sie als Miteigentümer auch mitentscheiden. Früher, als ihre Einsätze noch gering waren, zogen sie ihr Geld wieder ab, wenn das Management einer Firma ihnen mißfiel. Heute bleibt das Geld - und der Manager muß spuren oder gehen.

Rund zwölf Billionen Mark Aktienkapital verwalten die Anlageprofis der Publikumsfonds mittlerweile allein in den führenden Industriestaaten, 1990 waren es erst knapp drei Billionen. An der Frankfurter Börse sind rund zwölf Prozent aller Geldanleger Ausländer, zunehmend Fondsgesellschaften.

Auch an den deutschen Konzernen halten sie längst größere Aktienpakete. Während der Einfluß der Banken schwindet, einstmals die größten institutionellen Anleger, übernehmen immer häufiger die Fonds das Regiment.

Mit den neuen Kapitalisten verschieben sich die Gewichte im weltweiten Monopoly um Arbeitsplätze, Fabriken und Gewinne. Was hierzulande als Modell Deutschland gepriesen wird - großzügige Mitbestimmung, üppiger Sozialstaat, strenge Arbeitsschutzgesetze -, gilt den Geldfürsten der Fonds oftmals als Ärgernis.

Der besonders aggressive britische Fonds UK Active Value beispielsweise hat 800 Millionen Dollar von zumeist amerikanischen Investoren eingesammelt und will sich damit bei europäischen Firmen mit schlapper Aktienperformance einkaufen. Ziel: falls notwendig, das Management hinauswerfen und die Firma umstrukturieren.

Sie kennen keine nationalen Grenzen, sie akzeptieren, wenn überhaupt, nur widerwillig die Gegenmacht von Gewerkschaften. Ihr einziges Interesse gilt dem Profit. Ihre Lieblingsvokabeln: Rationalisierung, Synergieeffekt, Leanmanagement.

Die Regierungschefs sollen, so sehen es die Fondsoberen, den Rahmen schaffen für ein gedeihliches Investment: niedrige Steuern, verläßliche Rechtsprechung, geringe Soziallasten. Finanzmanager Robert Carlson, Direktor beim California Public Employees Retirement System (Calpers), verlangt ein »dynamisches globales System«, das dem Anlagekapital optimale Entwicklungschancen garantiert.

Das friedliche Miteinander von Kapital und Management, bisher das Kennzeichen des deutschen Kapitalismus, scheint damit passé. Auch das hierzulande fein austarierte Gleichgewicht zwischen denen, die nichts besitzen außer ihrer Arbeitskraft, und jenen, die über Kapital verfügen, steht womöglich zur Disposition.

Im Rückblick erscheinen plötzlich die knorrigen und oft herrschsüchtigen Gründer der Nachkriegszeit wie Romantiker. Damals hatten Kapitalisten wie Neckermann und Grundig das Sagen, die ihre Firmen als Familienverbund begriffen. »Gewinn ist nicht alles«, sagte einst der langjährige Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn.

Den Pionieren folgte die Republik der Angestellten, bezahlte Manager gaben seit den Siebzigern fast überall den Ton an. Sie hatten sich in der Firma, die sie führten, nach oben gerackert, sie waren nicht immer beliebt, aber wenigstens allen bekannt.

Eine Kontrolle der Manager fand praktisch nicht statt. Im Aufsichtsrat saßen die Manager befreundeter Konzerne neben den Abgesandten der Hausbanken und an der Spitze meist der Vorgänger des Vorstandschefs.

Dieser Kuschel-Kapitalismus hat künftig keine Chance mehr. Das »Modell Villa Hügel« sei am Ende, schreibt Wirtschaftsautor Roland Tichy in seinem Buch »Ab in die neue Mitte": »Die Zeiten sind vorbei, in denen die Krupps oben in der Villa auf dem Hügel thronten und unten die Fabriken standen. Die Dreieinigkeit von Eigentümer, Management und dort Ansässigen ist zerbrochen.« Es sei eben ein Unterschied, ob der Eigentümer dem Land verbunden ist oder als neuer Eigentümer eine in Singapur residierende Holding firmiert, die sich ihrerseits vor den Managern eines US-Pensionsfonds rechtfertigen muß.

Der neue Kapitalismus hat kein Gesicht mehr, die Fondsmanager sind einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Selbst in den Firmen, die sie kontrollieren, sind die Geldherren aus London und New York, die den Manager auf dem Vorstandssessel meist nur als Erfüllungsgehilfen begreifen, kaum präsent. »Wir suchen keine Publicity«, sagt Barbara Jakobs, Europa-Expertin bei TIAA-CREF, dem größten US-Pensionsfonds.

Nie zuvor seit dem Beginn des Industriezeitalters waren Beschäftigte und Eigentümer einander so fremd. Die modernen Finanzmärkte sind drauf und dran, die beiden wichtigsten Produktionsfaktoren - Kapital und Arbeit - restlos zu isolieren.

Diese Anonymität läßt den Ton spürbar rauher werden. Schon die Einführung der Vier-Tage-Woche bei VW, eine kluge Maßnahme des Managements zur Vermeidung von Entlassungen, ist jenseits des Atlantiks nicht unbedingt ein positives Signal. »Wenn das oberste Ziel die Beschäftigung ist«, giftet Nell Minow vom Lens Fund in Washington, »dann hat das nichts mit Kapitalismus zu tun.« Im Oktober schlossen sich die Amerikaner mit dem britischen Fondsgiganten Hermes zusammen und wollen nun gemeinsam europäische Firmen unter Druck setzen.

Zumindest ein Vorteil des neuen Systems ist unbestreitbar: Erstmals findet eine wirkliche Kontrolle der Topmanager statt, so wie es kritische Aktionäre immer gefordert hatten. Auch Kleinaktionäre, die mit Wertpapieren ihre Rente aufbessern wollen, profitieren davon. Hinzu kommt: Die vagabundierenden Milliarden stehen allen überall auf der Welt zur Verfügung - ohne das Startgeld der Börsen wäre der Aufstieg der Tigerstaaten oder die Gründerwelle im Silicon Valley undenkbar.

Auch in Deutschland versorgen sich junge High-Tech-Firmen immer häufiger an der Börse mit dem nötigen Investitionsgeld. Die Geldvergabe über die traditionellen Banken, die mit einer Verschuldung verbunden ist und das Risiko fast ausschließlich dem Unternehmer aufbürdet, ist nicht zukunftsfähig.

Den Chancen der Umwälzung stehen gewaltige Risiken gegenüber, die bisher nur schemenhaft zu erkennen sind: Welche Rolle können Gewerkschaften und Regierung in der globalen Profitgesellschaft noch spielen? Wird es überhaupt den Versuch eines fairen Interessenausgleichs geben? Und wer kontrolliert eigentlich die neuen Kontrolleure?

Schon heute wird über deutsche Konzernpolitik, über neue Werke und alte Arbeitsplätze in den Geldzentralen jenseits des Atlantiks mitentschieden. »Ob es die Deutschen mögen oder nicht, hier werden immer mehr Leute dafür bezahlt, viel Geld am Rhein zu investieren«, sagt Jim Prout, Finanzberater bei der New Yorker Agentur Taylor Rafferty, die deutsche Firmen auf die US-Börse vorbereitet: »Sie sollten sich besser daran gewöhnen.«

Die Manager der großen deutschen Unternehmen spüren bereits die Veränderung. Sie reagieren, je nach Temperament, verwirrt, erstaunt, genervt.

Von einem »ungeheuren Druck«, die Renditen zu erhöhen, spricht Siemens-Vorstand Ulrich Schumacher. »Wir müssen uns mit Haut und Haar ausliefern«, klagt Klaus Soer, zuständig für Investorenwerbung beim Maschinenbaukonzern Buderus.

Wie im »Kreuzverhör« kam sich Viag-Chef Georg Obermeier bei Treffen mit Fondsmanagern vor, bevor ihn der Aufsichtsrat im vergangenen Jahr aus dem Amt jagte und der Kurs des Energiekonzerns an einem Tag um acht Prozent nach oben sprang.

Als »ein bißchen komisch« empfand auch Preussag-Chef Michael Frenzel seinen Auftritt beim Tiger-Fonds in New York. In einer kleinen Kabine mußte er warten, bis die Geldfürsten ihn vorließen. »Und nebendran«, so stellte er überrascht fest, »saß der Chef einer anderen deutschen Firma und wartete auch.«

Selbst Deutsche-Bank-Sprecher Rolf Breuer, dessen Institut selbst als Inbegriff von Bankenmacht gilt, wird es allmählich unheimlich. »Die Finanzmärkte«, sagt er, »übernehmen die Kontrolle.«

Auf 25 Prozent Rendite vor Steuern meint Breuer seinen Konzern in den nächsten drei Jahren trimmen zu müssen - Tausende von Angestelltenjobs sollen verschwinden. Seinem Betriebsrat, der 15 Prozent für ausreichend hielt, entgegnete er: »Wenn ich dem Vorschlag folgen würde, gefährde ich auch noch die restlichen Arbeitsplätze.«

Denn eine fünfprozentige Gewinnmarge, Durchschnitt für deutsche Konzerne zwischen 1985 und 1995, gilt den internationalen Kapitalverwaltern als schlappes Resultat. »Es werden sich immer mehr Menschen erheben und an den Türen der deutschen Konzerne rütteln«, droht Glenn Miles, Direktor beim mächtigen kalifornischen Fondsgiganten Calpers und einer der neuen Großinvestoren in Deutschland. »Sie alle werden fragen: Warum ist eure Rendite nicht besser?«

Selbst der harte Sanierer Kajo Neukirchen mußte in der vergangenen Woche seine Metallgesellschaft umbauen, weil sein bisheriger Kurs den Fondsmanagern nicht paßte. Erstmals, kommentierte die »Süddeutsche Zeitung«, sei Neukirchen nicht »Antreiber«, sondern »Getriebener«.

Die deutschen Fondsgesellschaften eifern dem US-Vorbild nach. Im vergangenen Jahr attackierte der Chef von Deutschlands mächtigster Fondsgesellschaft DWS, Christian Strenger, den Siemens-Chef Heinrich von Pierer in der Hauptversammlung, ein für deutsche Verhältnisse revolutionärer Vorgang.

Zu viele Geschäftsbereiche, zuwenig Willen zur Umstrukturierung, eine fatale Sehnsucht nach Größe, monierte der Finanzmann. Es ginge nicht an, daß der Elektrokonzern ständig 80 Prozent weniger Rendite abwerfe als andere deutsche Aktiengesellschaften. Die »Paddelboote« des Konzerns müßten versenkt werden.

Auf der Siemens-Hauptversammlung nächste Woche will Strenger noch einmal nachlegen. »Siemens bewegt sich immer noch viel zu langsam«, sagt er.

Pierer kann die Kritik der Fondsherren nicht länger überhören. Im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 98) gibt er erstmals zu: »Der Druck ist natürlich stärker geworden, vor allem der, der von den Analysten und den Verwaltern großer Aktienfonds ausgeht.« 40 Prozent des Siemens-Kapitals werden heute von institutionellen Anlegern gehalten.

Etliche Konzernchefs bewegen sich schon, ehrfürchtig pilgern sie zu Strengers Kollegin Elisabeth Weisenhorn, die über die Deutschland-Anlagen der DWS entscheidet. Mit zehn Milliarden Mark Kapital ist sie eine Art Großinquisitorin der deutschen Industrie: Stößt Weisenhorn Aktien ab, trudeln die Kurse schon mal nach unten.

Verirrte sich vor drei Jahren noch kaum ein Unternehmer in ihre Zentrale, sprachen im vergangenen Jahr bereits über 800 Topmanager bei der DWS vor. In der Gründerzeitvilla im Frankfurter Westend machte erst kürzlich Telekom-Chef Ron Sommer seine Aufwartung, auch Mannesmann-Chef Klaus Esser und Thyssen-Krupp-Chef Gerhard Cromme reisten schon zum Rapport in die Mainmetropole.

Weisenhorn war die erste, die MG-Chef Neukirchen mächtig ärgerte. Als sich der beinharte Unternehmensboß partout weigerte, eine zur Beurteilung seiner Leistung wichtige Kennziffer herauszurücken, sackte am nächsten Tag der Aktienkurs um mehr als fünf Prozent ab. Wenig später hatte Elisabeth Weisenhorn ihre Zahl.

Fast 60 Milliarden Mark mußten im vergangenen Jahr deutsche Fondsmanager neu in Aktien anlegen - nirgendwo in der Welt wachsen Aktienfonds derzeit schneller als hierzulande. Das Aktienvermögen der deutschen Haushalte stieg 1997 von 315 auf 443 Milliarden Mark an. 100 Milliarden davon stecken in Fonds, vor neun Jahren waren es erst 14,3 Milliarden.

Vorbild für den Aktionärskapitalismus sind die Vereinigten Staaten, wo Pensionsfonds schon fast ein Viertel des Aktienkapitals besitzen. Gegen ihre Finanzmacht er- scheinen die Großkapitalisten der Vergangenheit, die Rockefellers und Vanderbilts, die Quandts und Thyssens, wie Zwerge.

Allein in den USA verfügen derzeit über 9000 Fonds über ein Anlagekapital von umgerechnet acht Billionen Mark, 1991 waren es gerade mal zwei Billionen. »Niemals gab es eine solche Konzentration von Finanzmacht in diesem Land«, schreibt der amerikanische Managementtrainer Peter Drucker.

Viele würden erschrecken, wenn sie die junge Truppe sehen könnten, die da über Produkte und Arbeitsplätze mitentscheidet. Kaum einer der Fondschefs hat je ein Unternehmen gelenkt, viele Geldmanager kommen direkt von der Universität. Sie haben Mathematik, Informatik oder Betriebswirtschaft studiert, ihre Welt ist die Welt der Zahlenkolonnen und der Statistik-Charts.

Unterstützt werden die wenigen tausend Fondsmanager, die in der Spitze zweistellige Millionengehälter kassieren, von mehreren zehntausend Analysten. Die Branchenexperten vergleichen nach den Methoden des sogenannten Benchmarking die Unternehmen in Kapstadt mit denen in Kairo oder Konstanz. Einen realen Bezug zum Lärm der Fabrikhalle, zu Fließband, Hochofen oder Schachtanlage hat es in ihrem Leben in aller Regel nie gegeben.

Der US-Fondsriese Fidelity, Hauptsitz Boston, betraute den 28 Jahre alten Matthew Grech mit der Leitung eines Zwei-Milliarden-Dollar-Fonds. Vor kaum mehr als drei Jahren war er noch Student.

Seine Kollegin Erin Sullivan, 28, gebietet über den Fidelity Emerging Growth Fund, ebenfalls zwei Milliarden Dollar schwer. Und Blaine Rollins, 31, kommandiert 670 Millionen Dollar beim US-Finanzkonzern Janus, wenn er nicht gerade Konzerte der Popgruppe Aerosmith besucht.

Um die Rendite der Fonds zu steigern, reichte es anfangs, die Kundengelder mal hier, mal da anzulegen. Doch die großen Gesellschaften, die Supertanker der Finanzmärkte, können längst nicht mehr mit ihren Milliarden herumzappeln wie ein Kleinanleger.

Der Verkauf großer Aktienpakete ist meist nur mit Preisabschlag möglich, weil jede Verkaufswelle auf den Börsenkurs drückt. Also sind die Fonds gezwungen, sich in die Unternehmenspolitik einzumischen, um den inneren Wert ihrer Beteiligung zu steigern.

»Wir verstehen uns nicht als Shareholder«, sagt Calpers-Direktor Carlson, »sondern als Shareowner, als Miteigentümer.«

Ihr Führungsanspruch ist mittlerweile total und durch keine geschliffene Sozialrhetorik verstellt. Die Manager sollen ihren Belegschaften gefälligst Dampf machen, die Produktivität steigern, neue Märkte aggressiv bearbeiten, unrentable Betriebsteile verkaufen: »Wir wollen, daß sich die ganze Herde ein bißchen schneller bewegt«, sagt Ken West, Manager beim US-Pensionsfonds TIAA-CREF.

Die Gesellschaft ist so etwas wie ein gemeinnütziges Lehrerversorgungswerk, eine kleine Truppe von Geldmanagern kümmert sich um die Rendite für jene 249 Milliarden Dollar, die als Altersrücklage für zwei Millionen Lehrer und Professoren dient. Unermüdlich überwachen Wests Kollegen die Performance von Firmenchefs, in deren Konzerne sie investiert haben.

Stimmen die Gewinne nicht mehr oder genehmigen sich die Bosse zu fette Gehälter, greift West kurzerhand zum Telefon. Dann muß sich der Konzernchef persönlich rechtfertigen - und zwar überzeugend.

Im Mai vergangenen Jahres warfen Aktionäre unter Führung der TIAA-CREF in einer turbulenten Krisenversammlung die gesamte Führungsspitze des Cafeteriabetreibers Furr''s hinaus und ersetzten sie durch eigene Kandidaten. Obwohl die Gewinne schwach waren, zürnten die Aktionärsvertreter, hätten sich Furr''s Manager fürstliche Gehälter genehmigt und großzügige Abfindungen in die Verträge schreiben lassen.

In Deutschlands Chefetagen ist die Botschaft angekommen. Lange wollten die Chefs des Chemiekonzerns BASF nicht mal preisgeben, wie profitabel ihre einzelnen Unternehmensbereiche waren. Die Zahlen galten als Geheimsache, ließen sie doch wichtige Schlüsse auf die Führungskünste der Manager zu.

Nach unzähligen Interventionen von Großinvestoren veröffentlicht die BASF nun wie in den USA jedes Quartal Bereichszahlen. Abteilungen, die nicht genug Profit erwirtschaften, kann nun der öffentliche Aktionärszorn treffen.

Auch der Maschinenbaukonzern MAN, der mit schweren Lastwagen, Druckmaschinen und Kränen den alten Industrieadel Deutschlands repräsentiert, spürt neuerdings den heißen Atem des internationalen Kapitalmarktes. Die Großaktionäre erwarteten höhere Renditen, berichtet Vorstandschef Rudolf Rupprecht.

Also schickte der Topmanager seinen Finanzvorstand im vergangenen Mai erst mal auf eine Road-Show, eine Werbeveranstaltung vor den Analysten der Fonds. Den Investoren versprach der Finanzmann, daß die Kapitalrendite bald 15 Prozent erreichen wird. Prompt machte der Börsenkurs einen Sprung.

Auch das Tochterunternehmen MAN Roland, das Druckmaschinen herstellt, beurteilten die Analysten plötzlich positiv. Hätte er sich indes schon vor ein paar Jahren den Wünschen der Kapitalisten gebeugt, sagt Rupprecht, gäbe es die Gesellschaft und einen Großteil der 9000 Arbeitsplätze nicht mehr. Roland schrieb damals rote Zahlen, Aktionäre verlangten die Stillegung der Produktion.

»Wir haben den Knochen zu Ende genagt«, sagt der MAN-Boß. Sieben Jahre lang fuhr der Betrieb Verluste ein, mindestens 800 Millionen Mark - die Münchner hielten zu ihrer Tochter.

Heute macht sich der Chef keine Illusionen: »Soviel Geduld läßt sich auf den internationalen Kapitalmärkten nicht mehr kaufen.« Da den Großanlegern die Unternehmensziele von MAN zuwenig aggressiv sind, schmierte der Kurs trotz guter Rendite wieder ab.

Die amerikanischen Gewerkschaften versuchen derzeit den Aktionärskapitalismus zu zähmen. Die Fondsgelder ihrer Mitglieder sollen nicht mehr allein nach Renditegesichtspunkten angelegt werden. John Sweeney, oberster Gewerkschaftsboß des Landes, beeinflußt immerhin 1,2 Billionen Dollar Kapital, rund zehn Prozent des gesamten US-Aktienmarktes.

In Zukunft wollen die Gewerkschafter all jene Firmen mit Kapitalentzug bestrafen, die ihren Managern übertriebene Gehälter zahlen oder sich nicht um Umweltgesetze, Arbeitsplatzsicherheit und Sozialstandards kümmern. Wer nur auf kurzfristige Quartalsgewinne aus ist und zudem lausige Löhne zahlt, soll sich in Zukunft seine Kapitalgeber anderswo suchen, so zumindest die Ankündigung.

Wahrscheinlich können die Kleinaktionäre mehr Druck auf die Fonds ausüben als die Politiker. Der gewachsene Massenwohlstand hat ihnen eine komfortable Position beschert, sie und nicht mehr die Familienclans der Nachkriegszeit sind die größten Investoren. Genaugenommen ist die Macht der Geldfürsten eine geliehene Macht - abhängig vom Wohl des Kunden.

Und der ist meistens beides - Beschäftigter und Aktionär. Ein schroffer Wildwest-Kapitalismus bringt ihm womöglich hohe Gewinne, kann ihn aber auf der anderen Seite den Job kosten. Die Bilanz des einzelnen wäre negativ.

Die Doppelrolle der neuen Aktionäre, die im Alltagsgeschäft der Fondsmanager und im öffentlichen Bewußtsein bisher kaum eine Rolle spielt, liefert Stoff für eine spannende Debatte jenseits der Ideologien: Wie kapitalistisch ist eigentlich ein System, in dem Arbeiter und Angestellte an den Produktionsmitteln so stark beteiligt sind? Lassen sich die unterschiedlichen Interessen, die Hoffnung auf Gewinn und der Wunsch nach einem Arbeitsplatz zu fairen Bedingungen nicht doch miteinander versöhnen?

Noch ist nicht entschieden, ob die neue »Welt des Kapitals« ("Newsweek") Fluch oder Segen für die Beschäftigten sein wird. Denn richtig ist: Noch nie war die Kapitalseite so mächtig wie heute. Und genauso wahr ist: Noch nie bestand die Kapitalseite aus so vielen Nicht-Kapitalisten - Arbeitern, Angestellten und Beamten.

»Wenn Sozialismus, wie Marx es meint, das Eigentum von Produktionsmitteln in den Händen der Beschäftigten ist«, so der US-Managementberater Drucker, »dann sind die USA heute das sozialistischste Land der Welt.«

MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON,

CHRISTOPH PAULY

* Am 3. August 1998 zur US-Einführung der SAP-Aktie.

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