Kapitalismusdebatte US-Minister warnt vor Heuschrecken-Phobie

Die Angriffe auf Hedgefonds und andere Finanzinvestoren in Europa werden in den USA mit Befremden beobachtet. US-Finanzminister John Snow warnte nun die EU-Regierungen vor einer wirtschaftsfeindlichen Politik.


US-Finanzminister Snow: "Das Kapital hat zahlreiche Alternativen"
AFP

US-Finanzminister Snow: "Das Kapital hat zahlreiche Alternativen"

London/Brüssel/Berlin - "Es wird weniger die Wortwahl als die Politik wahrgenommen. Und wenn die Politik so verstanden wird, dass sich das Kapital nicht wohl fühlt, wird das Kapital nicht kommen", sagte Snow in einem Interview mit der "Financial Times". Den Vergleich des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering zwischen Hedge-Fonds und Heuschrecken sowie die Ablehnung angelsächsischer Wirtschaftspolitik durch Frankreichs Präsident Jacques Chirac sprach Snow dabei nicht direkt an.

Diejenigen, die das Kapital verwalteten, verfügten über zahlreiche Alternativen. Es erscheine ihm kurzsichtig, Investoren abzuschrecken, warnte Snow dennoch. Zugleich plädierte der US-Finanzminister gegen strenge Kontrollen von Hedge-Fonds. Diese seien immens wichtige Teilnehmer an den Finanzmärkten.

Schröder will Hedgefonds beim G-8-Gipfel ansprechen

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) will sich dennoch weiter für international schärfere Kontrollen der Hedgefonds stark machen. Es sei mit Sicherheit davon auszugehen, dass das Thema auf dem G8-Treffen der sieben führenden Industrienationen und Russlands Anfang Juli besprochen werde, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg

Steg nannte Snows Aussagen "eine Äußerung des amerikanischen Finanzministers, die er als Ressortminister der Vereinigten Staaten gemacht hat." Möglicherweise werde der Kanzler schon beim Treffen mit US-Präsident George W. Bush am 27. Juni darüber reden. Mit dem britischen Premierminister Tony Blair habe er bereits gesprochen. Sollte die britische G8-Präsidentschaft das Thema nicht ansprechen, werde der Kanzler dies zum Gegenstand der Beratungen machen.

In Deutschland sind Hedge-Fonds, die sich in börsennotierte deutsche Aktiengesellschaften eingekauft haben, zuletzt stark in die Kritik geraten. Der britische Fonds TCI hatte kürzlich die Fusion der Deutschen Börse mit der Londoner Börse verhindert und das Management in Frankfurt gestürzt.

Snow fordert mehr Wachstum in der EU

Bereits gestern hatte Snow der EU und Japan in Brüssel vorgeworfen, nicht genug für das Weltwirtschaftswachstum zu tun. Die Wachstumsraten in Europa und Japan müssten steigen, sagte der US-Finanzminister. Dieses müsse geschehen, um die Lebensbedingungen in diesen Ländern zu verbessern, aber auch um die weltweiten Ungleichgewichte zu vermindern. Er hoffe, dass in der EU weiter Strukturreformen durchgeführt werden.

Selbstkritisch fügte Snow hinzu: Aber auch das Wirtschaftswachstum in den USA sei nicht hoch genug. "Wir haben unser Potenzialwachstum noch nicht in allen Bereichen erreicht." Die Wachstumsdifferenzen in Amerika seien ein Grund zur Besorgnis. Das Haushaltsdefizit wolle er bis zum Ende der Amtszeit von George W. Bush auf unter 2,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts senken.



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